13 Reasons für und gegen die Serie

Kinokatze: Tote Mädchen lügen nicht (Originaltitel: 13 Reasons Why)

Bild: Mike Flamenco // Unsplash

[ACHTUNG SPOILER!] An einer scheinbar normalen High School passiert etwas Unbegreifliches: Die junge Hannah Baker begeht Selbstmord. Auf dreizehn Kassetten erklärt sie, welche Gründe und Geschehnisse sie zu dieser Entscheidung geführt haben. Sie berichtet von Lügen, Mobbing und sexuellem Missbrauch. Für die Menschen, die Hannah zurücklässt, werden die Kassetten zu einem absoluten Albtraum, der mit jeder Staffel der Serie schlimmer und unglaubwürdiger wird.  

Die US-amerikanische Serie “Tote Mädchen lügen nicht” mit dem Originaltitel “13 Reasons Why” basiert auf dem gleichnamigen Roman von Jay Asher. Die erste Staffel wurde am 31. März 2017 vom Streamingdienst Netflix veröffentlicht. Am 5. Juni 2020 ging es mit dem Erscheinen der vierten Staffel in die letzte Runde.  


Staffel 1: 

Hannah Baker, Schülerin der Liberty High, nimmt sich das Leben. Die Auslöser für ihren Selbstmord sind zwölf Personen an der Schule. Auf sieben Kassetten macht sie 13 Aufnahmen, in denen sie erzählt, warum die Mitschüler*innen sich verantworten müssen.Wie alle anderen Personen auf den Aufnahmen bekommt auch der Protagonist Clay Jensen die Kassetten. Er beginnt, an Vielem zu zweifeln und stellt zum Schluss sogar Hannahs Vergewaltiger Bryce Walker zur Rede. Ihm kann Clay ein Geständnis entlocken, welches er aufnimmt. 

Die Eltern von Hannah erhalten die Kassetten und das Geständnis, damit es ihnen in einem Rechtsstreit gegen die Schule hilft.  


Staffel 2: 

Bild: Ian Espinosa // Unsplash

In der zweiten Staffel spielt die Serie im Gerichtssaal: Die Klage von Hannahs Eltern gegen die Schule geht weiter und weitet sich auf eine weitere Klage gegen ihren Vergewaltiger Bryce Walker aus. Einige Personen auf den Kassetten werden in den Zeugenstand gerufen und rücken neue Geschichten über Hannahs Leben ans Tageslicht. Währenddessen bekommt Clay einige Polaroids, auf denen zu sehen ist, dass Bryce auch andere Mädchen vergewaltigt hat. Er forscht genauer nach und findet mehrere Beweise, die er dem Gericht aushändigt. Doch dann geschieht Unfassbares! 


Staffel 3: 

Die dritte Staffel handelt von der Aufklärung des Mordes an Bryce. Clay und einige andere, die gegen die Schule ausgesagt haben, sind dabei die Hauptverdächtigen. Nachdem der Protagonist fälschlicherweise für den Mord inhaftiert wird, schließen sich alle anderen Verdächtigen zusammen. Mit Hilfe einer neuen Schülerin gelingt es ihnen, den Mord einem Mitschüler namens Montgomery De La Cruz in die Schuhe zu schieben.  


Staffel 4: 

In der letzten Staffel stellen Freunde von Montgomery seine Schuld in Frage. Weil sie davon ausgehen, dass Clay der Verantwortliche ist, tyrannisieren und erpressen sie ihn. Dieser hat jedoch mit starken psychischen Störungen zu kämpfen. Währenddessen gibt es an der Schule neue Sicherheitsmaßnahmen, die gefängnisähnliche Ausmaße annehmen. Die Hauptpersonen versuchen sich zum einen gegen die Maßnahmen der Schule zu wehren und setzen zum anderen alles daran, dass ihr Geheimnis, Montgomery als Schuldigen an Bryces Mord vorzuschieben, nicht auffliegt. Dabei stoßen sie auf einige Hürden. 


13 Reasons  

“Tote Mädchen lügen nicht” ist eine komplexe Serie, die viele Themen und Probleme an einer typischen Highschool behandelt. Um dem möglichst gerecht zu werden, kommen nun 13 Gründe, die für, aber auch gegen die umstrittene Serie sprechen. 

  1. Hannah Baker 

Hannah Baker ist der Kern der Geschichte. Oder doch nicht? Der Ursprung der Geschichte liegt bei ihr: Sie bringt sich um und die Handlung kommt ins Rollen. Die Menschen erkennen, dass ihre Handlungen ernste Folgen haben können. Doch obwohl der Titel suggeriert, dass die ganze Serie von Hannahs Geschichte handelt, nimmt diese im Gesamten nur einen kleinen Teil ein. Zu Beginn sind das Mädchen und ihr Leben – oder vielmehr ihr Weg zum Tod – der Kern der Serie. Doch ab der dritten Staffel gibt es einen deutlichen Schnitt: Der Mord von Bryce ist relevanter als der Suizid von Hannah. Eine aktive Rolle spielt sie in den Köpfen der verbleibenden Figuren nicht mehr. Auch wenn ihr Charakter zu Beginn sehr gut dargestellt wird, sind die Erwartungen bei dem Titel “Tote Mädchen lügen nicht” andere. Da die Buchvorlage nur für die erste Staffel verwendet wurde, lässt sich die Entwicklung der Serie so begründen. 

  1. Gut gelungene Umsetzung der Vorlage 

Ein wirklich gelungener Aspekt der Serie ist die Umsetzung der Buchvorlage von Jay Asher in der ersten Staffel. Nicht viele Filmemacher*innen schaffen es erfolgreich, den Ansprüchen der Buchfans gerecht zu werden. Doch hier hat das offensichtlich funktioniert! Die Figuren gleichen den Beschreibungen von Asher und es gibt keine unpassenden kreativen Auslebungen. Die einzigartige Message bleibt erhalten und bekommt durch die anschauliche Darstellung eine neue Bühne. Teilweise ist die Umsetzung so gut dargestellt worden, dass das Streamingportal Netflix nachträglich einige Szenen entfernen musste. Zusätzlich wurden mehrere Warnhinweise hinzugefügt, die auf die realitätsnahe Darstellung von Gewalt, sexuellem Missbrauch und Mobbing aufmerksam machen. 

  1. Kritische und gesellschaftlich relevante Themen gut verpackt 

Auf die Frage, was das Besondere an dieser Serie ist, gibt es nur eine Antwort: Sie thematisiert gesellschaftliche Probleme, die häufig totgeschwiegen werden.  

Besonders wichtig in der ersten Staffel ist der Suizid. Es wird gezeigt, dass Hannah die schrecklichen Erlebnisse nicht gut verarbeiten konnte und den Selbstmord als letzten Ausweg gesehen hat. Vielen Menschen weltweit geht es ähnlich und ihre Gründe für Suizid werden häufig als Suche nach Aufmerksamkeit abgestempelt. Durch die Serie ist es möglich, suizidale Gedanken von Menschen besser zu verstehen und so das Gespräch zu suchen. 

Ebenfalls gut gelungen ist die Darstellung der inneren Konflikte. Obwohl viele Charaktere häufig anders handeln würden, passen sie ihr Verhalten der Gesellschaft an. Es wird vor Augen geführt, dass der beste Weg nicht unbedingt der allgemein akzeptierte sein muss. Die Serie deutet einen Appell an, wonach eigene und fremde Handlungen hinterfragt werden sollen. Die Konsequenzen sollen bewusst werden. 

Diese komplexen Thematiken werden mit Cliffhangern und sozialem Drama gut in die Serie eingebunden. Dadurch macht es Spaß, die Serie trotz der Schwere zu verfolgen. 

  1. Bryce Walkers Fall  

Bryce Walker vergewaltigte bewiesenermaßen mehrere Mädchen. Trotzdem wird er freigesprochen. Sicherlich waren nicht nur die Charaktere, sondern auch einige Zuschauer*innen sehr empört über diesen Freispruch. Doch so wird ein Problem deutlich gemacht: Nur wenige der angezeigten Vergewaltiger*innen werden tatsächlich verurteilt. Von der US-amerikanischen Serie wird ein globales Problem angesprochen, denn auch in Deutschland ist die Quote extrem niedrig. Der Abschlussbericht der Reformkommission zum Sexualstrafrecht 2017 legt dar, dass nur acht Prozent der angezeigten Vergewaltiger*innen verurteilt werden.  

  1. Hannahs Geschichte wird banalisiert  

Während in der ersten Staffel Hannahs Gründe für ihren Suizid schlüssig aufgebaut sind, wirkt die zweite Staffel dem durch neue Geschichten entgegen. 

Ihr Leben wird weniger einsam und traurig dargestellt. Sie ging auf Partys, nahm Drogen, hatte eine spannende Liebesaffäre und flirtete mit einem Jungen. Und das alles mit einem Lächeln im Gesicht: Ohne den Anschein von Niedergeschlagenheit. Depression und Suizidgedanken sind Krankheiten, die nicht unbedingt von außen erkennbar sind. Dennoch nehmen die neuen Geschichten und der Umgang mit ihnen Hannahs 13 Gründe ein wenig den Stellenwert. Sie wirken weniger fundiert und begründbar. Ihre ganze Geschichte wird schlichtweg banalisiert.  

  1. Hilfe für die Suche bei Unterstützung findet ihr auf 13reasonswhy.info“ 

Weil Tote Mädchen lügen nicht viele empfindliche Themen behandelt, ist es gerade gut, dass Netflix die Website www.13reasonswhy.info ins Leben gerufen hat. Dort ist es möglich, für fast jedes Land Hilfe bei Suizidgefahr und Depression zu finden. Zudem richten sich die Schauspieler*innen am Anfang aller Staffeln an die Zuschauer*innen und informieren über behandelte Themen. Sie warnen, dass Betroffene die Serie möglicherweise nicht oder nur mit anderen zusammen sehen sollten.  

  1. Clays psychische Störungen sind Nebensache 

Clay Jensen zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er in fast jedem etwas Gutes sieht und für seine Freunde fast alles tun würde. Doch durch eins sticht er wirklich heraus: 

Ich leide unter Depression und Angstzuständen. Doch mehr unter Angstzuständen.“ (S4, E10 1:14:15)  

Das sagt der Schüler in der letzten Folge über sich selbst. Doch wer die Serie aufmerksam gesehen hat, weiß, dass da noch viel mehr hinter stecken muss. Clay sieht nahezu ununterbrochen Tote, mit denen er kommuniziert. Zudem hat er während seiner Angstzustände Black Outs, wobei er sich zum Teil an ganze Tage nicht mehr erinnern kann. 

Diese psychischen Krankheiten und Störungen werden mit jeder Staffel schlimmer. Einige seiner Symptome trägt er dabei deutlich nach außen.  

Entsetzend ist jedoch zu sehen, wie seine Freunde mit dieser Situation umgehen. Es wird keine Rücksicht auf sein Wohlbefinden genommen, nicht einmal nach seinem Aufenthalt in einer geschlossenen Psychiatrie. 

Die Tatsache, dass keiner von Clays Freunden ihm wirklich seine*ihre Hilfe anbietet, ist sehr unrealistisch. Mehrfach sprechen die Charaktere davon, dass sie alles füreinander tun würden. Könnte man dann nicht annehmen, dass solche guten Freunde sich nach ihm erkundigen und ihm durch seine schwere Zeit helfen würden? Im Tote Mädchen lügen nicht-Universum scheint das nicht real zu sein. 

Besonders schwerwiegend ist die fehlende Unterstützung von Clays Freunden, weil sie bereits mit einer ähnlichen Situation konfrontiert waren: Sie haben es versäumt, Hannah kurz vor ihrem Tod zu helfen. Sie nahm sich als Folge daraus das Leben. Naheliegend wäre es, Clay in dem Fall mehr zu helfen, damit sich so etwas nicht wiederholt. Da sie es nicht tun, wirkt es, als hätten sie aus den Kassetten und der Vergangenheit nicht dazu gelernt. 

  1. Mit Spannung und guter Darstellung durch die Geschichte 

Auch ohne Action und Knall schafft es die Serie, fesselnd und mitreißend zu bleiben. Neu aufgeklärte Hinweise und Perspektiven animieren zum Weitergucken. Großartig unterstützt wird dies durch das düstere, geheimnisvolle Flair, das über allen Folgen liegt. Ein weiteres Highlight ist das verspielt-süße Intro, was in der letzten Staffel leider zu kurz gekommen ist. Insgesamt handelt es sich um eine spannende und qualitativ hochwertige Serie. 

  1. Ani wird zum selbstlosen Engel 

Ich heiße Amorowat Anysia Achola, aber ihr könnt mich auch Ani nennen.“ (S3, F1) 

So stellt sich das neue Mädchen der Liberty High als Einleitung der dritten Staffel vor. Was sich an dieser Stelle ahnen lässt, bestätigt sich schnell: Ani spielt in dieser Staffel eine tragende Rolle. Wie ein Engel kommt sie auf die neue Schule und sieht nicht nur in jede*m – sogar dem Vergewaltiger Bryce Walker – etwas Gutes, sondern sie hilft überall mit allen Mitteln. Nach nur wenigen Wochen schließt sie Freundschaften mit den Verdächtigen des Mordfalls und hilft letztendlich bei der Schuldzuweisung auf Montgomery. 

Ihr Charakter scheint der Inbegriff der Selbstlosigkeit zu sein. Doch würde ein junges Mädchen für Menschen, die sie gerade erst kennengelernt hat, tatsächlich ihre gesamte Zukunft auf das Spiel setzten? Unwahrscheinlich. Für die Spannung und den Interessantheitsgrad war diese Idee sehr gut. Der Glaubwürdigkeit und Realitätsnähe der Serie gibt sie jedoch einen kräftigen Dämpfer. 

  1.  Der Fake-Amoklauf ist zu viel 

Die letzte Staffel bietet viele unglaubwürdige Elemente. Besonders herausstechend ist dabei die sechste Folge. Die Schule organisiert einen realitätsnahen Amoklauf, bei dem echte Schüsse zu hören sind. Die Lehrer*innen und Schüler*innen werden nicht informiert und haben Todesangst. Solche sogenannten Shooting Drills sind trotz ihres schlechten Rufes legal und werden an einigen Schulen in den USA praktiziert. Hier befindet sich also ein weiteres gesellschaftskritisches Element in der Serie. Doch da diese zuvor schon mehrfach verankert worden sind, wirkt es an dieser Stelle zu aufgeladen.  

  1.  Was ist schon Gut und was Böse? 

Zu Beginn bekommen die Charaktere klare Attribute zugewiesen: Clay, der Gute, Hannah, die Unschuldige und Bryce, der Böse. Doch im Laufe der Folgen und Staffeln verschwimmen diese Bilder. Clay stiehlt eine Waffe und bedroht Bryce, über Hannah kommen Geschichten ans Licht, die sie von einer ganz anderen Seite zeigen, und Bryce beginnt zu reuen und versucht, ein besserer Mensch zu werden. Die Serie macht deutlich, dass jede*r sich verändern kann. Niemand ist nur gut oder nur schlecht. Diese Message ist für unseren Alltag sehr wertvoll. 

  1.  Eine Serie für Jugendliche mit Inhalten für sie und Erwachsene 
Bild: Cristian Newman // Unsplash

Die Buchvorlage Tote Mädchen lügen nicht von Jay Asher ist eindeutig ein Jugendbuch und wird zum Teil an Schulen gelesen. Die Hauptpersonen sind Teenager und die Geschichte wird ausschließlich aus ihrer Perspektive erzählt. Die Serie behandelt Themen, die in der High School und vermutlich auch in anderen Schulen Teil des Alltags sind. Schüler*innen erleben gezeigte Situationen und werden deshalb besonders angesprochen. 

Doch auch für Nicht-Betroffene ist es wichtig, sich intensiver mit der Thematik auseinandersetzten. Deshalb wäre es sinnvoll gewesen, wenn die Erwachsenenwelt mehr mit eingebunden würde und Teile aus ihrer Perspektive erzählt werden würden. So können auch sie ein besseres Verständnis für die angesprochenen Probleme entwickeln. 

  1.  Fazit 

Eins ist klar: “Tote Mädchen lügen nicht” polarisiert. Die sensiblen Themen stoßen in der Gesellschaft häufig auf starken Widerspruch. Deshalb gibt es wahrscheinlich auch viele Stimmen, die sich gegen die Serie ausgesprochen haben. 

Trotzdem ist die Serie auf jeden Fall sehenswert. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftlich relevanten Themen und regt zum Nachdenken an. Besonders stark sind die ersten beiden Staffeln. Leider nimmt die Glaubwürdigkeit mit jeder Staffel ab, sodass die letzte zwar spannend, aber unrealistisch ist.  

Für Menschen, die selbst an Depressionen oder anderen angesprochenen Problemen leiden, ist Tote Mädchen lügen nicht nicht zu empfehlen. Es ist auch keine Serie für nebenbei, weil sie jede*n auf eine emotionale Weise trifft. Damit hat sie das Ziel erfüllt, Menschen zu erreichen und die gesellschaftlich verschwiegenen Themen endlich an den Mann oder die Frau zu bringen. 


Serienbewertung der Kinokatze: 7/10 

Autor*in

Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin beim ALBRECHT angefangen.

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Über Nele Dauelsberg 1 Artikel
Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin beim ALBRECHT angefangen.

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