Für die Zukunft forschen

Foto: ADAM

Wie Kieler Physikstudenten nach Schweden reisen, um in die Sterne zu blicken

Gebannt blicken vier junge Physikstudenten aus Kiel ihrer Messaparatur nach, bevor der nordschwedische Nachthimmel sie verschluckt. Zusammen mit den Instrumenten drei anderer Studenten- Teams zieht sie ein Ballon bis in 27km Höhe. “Wenn jetzt der Sensorkopf nicht funktioniert, war ein Jahr Arbeit umsonst“, befürchtet Dennis, der Leiter des Team ADAM (Angular Distribution of charged particles – Atmosphere Measurement). Finn, der E-Technik-Spezialist, zückt eine ID-Card und öffnet ein vollautomatisches, tonnenschweres Tor.

Was von außen nach Science-Fiction aussieht, entpuppt sich als Esrange Space Center der Swedish Space Corporation (SSC) nahe der nordschwedischen Satdt Kiruna. Von hier aus starten zweimal im Jahr bis zu zwanzig Experimente des BEXUSProjekts (Balloon-borne Experiments for University Students). Das Projekt ist eine deutsch-schwedische Kooperation und erlaubt es Studenten, mithilfe von Ballons stratosphärisch zu forschen.

In der großen Halle setzt sich Dennis ans Notebook. Schon huschen unzählige Messwerte über den Bildschirm. Die Kieler wollen herausfinden, in welchem Winkel sich in der Atmosphäre geladene Teilchen auf die Erde zubewegen. „Wenn die kosmische Primärstrahlung in die Atmosphäre eintritt, kollidiert sie mit den Gasmolekülen in der Luft. So entstehen ganz neue Teilchen, die Sekundärteilchen“, erklärt Dennis. Das Team ADAM misst in über 20km Höhe den Fluss aus primären und sekundären Teilchen. „Dort entspricht der atmosphärische Druck in etwa dem der Oberfläche des Mars“, fügt Sebastian hinzu, der die Messdaten in seiner Bachelor-Arbeit auswerten wird.

‚Grundlagenforschung‘ nennen sie das, bei dem noch niemand weiß, wo die gewonnenen Erkenntnisse ihre Anwendung finden werden. Das ist in ihrem Fall aber gar nicht nötig: Dass die Physik eine Wissenschaft ist, bei der „aus Forschung Zukunft wird“, erscheint im gesellschaftlichen Bewusstsein längst als Naturgesetz. Während der auf dem Campus sichtbare Slogan nur unfreiwillig mahnt, wie fern Wilhelm von Humboldts Vision einer freien Forschung ist, sind es die Europäische Weltraumorganisation ESA, das durch verschiedene Bundesministerien sowie mit Mitteln aus der freien Wirtschaft geförderte Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sowie sein schwedisches Pendant, die jährlich neu zu finanzierende BEXUSTeams auswählen. So kann das Studium nicht nur die Zeit der Wissensaneignung, sondern auch der Schaffung neuen Wissens sein, wie Humboldt weiter forderte.

Dass das Team ADAM aber dazu die Uni verlassen musste, liegt ganz im Trend, Forschung und Lehre zu entkoppeln und erstere in außeruniversitäre, drittmittelgeförderte Forschungsinstitute auszugliedern. Tatsächlich mit diesen in Kontakt zu treten und selbst zu forschen, verlangt den Studenten ein gehöriges Maß an Eigennitiative ab: Nach dem erfolgreichen Auswahlseminar des DLR in Bonn „musste jeder von uns ein Experte auf einem bestimmten Gebiet werden“, verdeutlicht Finn. Andernfalls hätte das Team die komplizierte Messapparatur nicht bauen können. „Es gibt Studenten, die fassen in ihrer Bachelor-Arbeit drei Kapitel aus einem Lehrbuch zusammen“, führt er fort, „für uns ist ein Jahr voller Arbeit nur die Grundlage unserer Bachelorprojekte.“ Gelohnt habe sich der Mehraufwand dennoch, meint Stefan, sei er doch „quasi die Eintrittskarte in die Luft- und Raumfahrttechnik.“

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Autor*in

Jonathan studiert Geschichte und Philosophie. Seit April 2014 schreibt er für den ALBRECHT. Sein Interesse gilt besonders Formen studentischer Selbstorganisation.

Jonathan Holst
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