2000 Jahre Glühweinkultur

„Eh es verdüftet Schöpfet es schnell, Nur wenn er glühet, Labet der Quell.“

So schrieb schon Friedrich Schiller in seinem Punschlied. Getreu diesem Motto strömen jedes Jahr tausende von Menschen an die Glühweinstände der deutschen Weihnachtsmärkte. Doch woher kommt überhaupt das Ritual des Glühweintrinkens?

Die Ursprünge des Glühweins lassen sich bis in das alte Rom zurückverfolgen. Schon vor 2000 Jahren versetzten die Römer ihren sauren Rotwein mit Gewürzen, um ihn einerseits genießbarer, andererseits aber auch haltbarer zu machen. Dem römischen Conditum Paradoxum wurden Gewürze wie Nelken, Zimt, Lorbeer, Koriander, Thymian, Muskat, Kardamon und Piment hinzugefügt, was nicht nur den Geschmack veredeln sollte, sondern auch den Reichtum des Konsumenten ausdrückte, da sich nicht jeder Gewürze leisten konnte. Somit war der römische Würzwein der Oberschicht vorbehalten.

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Der Glühwein des Mittelalters kommt dem heutigen dagegen schon etwas näher. So wurden fünf Litern Wein ein weiterer Liter Honig hinzugegeben. Der Zucker im Honig verbesserte nicht nur den Geschmack des Weines, sondern verlängerte seine Haltbarkeit erneut. Glühwein wurde im Mittelalter als Allheilmittel angesehen. Die Gewürze sollten für gute Stimmung sorgen und Glücksgefühle fördern. Zusätzlich wirken Nelken antibakteriell und kurbeln die Verdauung an. Zimt hilft gegen Völlegefühl und stärkt das Immunsystem, und hat zudem eine aphrodisierende Wirkung. Aufgrund dieser Erkenntnisse wurde ein gesundheitsfördernder Vollrausch von den mittelalterlichen Ärzten empfohlen. Da die bei Festen gereichte Glühweinmenge über die gesellschaftliche Anerkennung des Gastgebers entschied, mangelte es zumindest bei Hofe nicht an Gelegenheit diesem medizinischen Rat Folge zu leisten.

In Deutschland entstand der Glühwein um 1610, als die Firma Lebkuchen Schmidt ihre Lebkuchenrezepte mit überlieferten Glühweinrezepturen kombinierte und so auf dem Nürnberger Weihnachtsmarkt erstmals Glühwein in Deutschland verkaufte. Auch auf dem Kieler Weihnachtsmarkt, wenn auch erst seit 40 Jahren, lebt die Tradition des Glühweintrinkens.

Besonders beliebt bei den Studenten ist der Glühweinstand der Kieler Partnerstadt Tallinn. Für Authentizität sorgen nicht nur die landestypischen Glühweinspezialitäten, sondern auch die estnischen Bedienungen, die für die Zeit des Weihnachtsmarktes nach Kiel gereist sind. Um sowohl die landestypischen Spezialitäten unserer Partnerstadt zu kosten, als auch gleichzeitig die uns im Mittelalter versprochene gesundheitsfördernde Wirkung des Glühweins zu testen, haben wir uns am ersten Tag des Kieler Weihnachtsmarktes 2012 auf den Weg zum Tallinn-Stand und in einen Glühwein-Selbstversuch begeben.

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Unseren Selbstversuch starten wir mit einem klassischen estnischen Glühwein für 2,50 Euro. Er kann als leckerer Anfang gewertet werden, der jedoch stärkere Wirkung entfaltet als beispielsweise der handelsübliche Supermarktglühwein. Das zweite Testobjekt ist ein Glühwein mit einem Schuss Nuss-Wodka, der für 3,50 Euro zwar etwas teurer ist, aber auch in seiner Wirkung den vorangegangenen deutlich übertrifft.

An diesem Punkt unseres Selbstversuches lassen sich erste Erfolge hinsichtlich unserer eingangs gestellten Frage verzeichnen, welche Wirkung die Gewürze des Würzweins wirklich haben. Die verdauungsfördernde Wirkung der Nelken führte zu einem akutem Hungerfühl, das nur mit einer Thüringer Rostbratwurst und Schmalzgebäck gestillt werden konnte. Dieses dringende Bedürfnis war eindeutig auf die Nelken zurückzuführen!

Zum Abschluss testen wir auf Empfehlung der Bedienung den Spezialglühwein, der sich durch einen Schuss alten tallinnschen Traditionslikör auszeichnet. Wirkungstechnisch ist dieser der Höhepunkt des Selbstversuches und vereint alle positiven Eigenschaften des Glühweins in sich. Die versprochene aphrodisierende Wirkung des Zimtes können wir bei uns leider nicht feststellen, was allerdings auch daran liegen könnte, dass am ersten Tag des Weihnachtsmarktes noch keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen will. Nichtsdestotrotz müssen wir den mittelalterlichen Gelehrten in diesem Punkt vorerst leider widersprechen oder es auf einen zweiten Versuch im weiteren Verlauf der Adventszeit ankommen lassen.

Wenn herumirrende Studenten mit jedem weiteren Glas Glühwein größere Probleme bekommen die Spülstation (Becher-Rückgabe-Stand) zu finden, zeigt sich abschließend, dass auch nach 2000 Jahren Glühweinkultur, immer noch das mittelalterliche Motto Masse statt Klasse zählt.

Foto: ms

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Franziska schreibt seit 2012 für den Albrecht.

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