46 Jahre Geschichte ganz weit oben

Mithilfe einer Karte kann man im Gelehrtenverzeichnis Wohnorte ehemaliger Kieler Professoren aufspüren – Quelle: Pressestelle CAU Kiel

Wer hat sich nicht schon einmal die Frage gestellt, wer eigentlich Walther Schücking war, der illustre Namensgeber des Instituts für Internationales Recht? Seit dem 04. Juni diesen Jahres finden interessierte Menschen diese und viele weitere Informationen pünktlich zum 350-jährigen Universitätsjubiläum auf der Seite des Gelehrtenverzeichnisses der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Walther Max Adrian Schücking war zwischen 1926 und 1933 Direktor für Internationales Recht in Kiel und von 1930 bis zu seinem Tode 1935 Richter am Weltgerichtshof in Den Haag. In Erinnerung an den von den Nationalsozialisten nach der Machtergreifung zwangsbeurlaubten Juristen fand das Institut 1995 seinen heutigen Namen.

Ein Teil des Teams, bestehend aus Norbert Lu ttenberger, Jesper Zedlitz, Swantje Piotrowski und Oliver Auge – Quelle: Sebastian Maas, CAU
Ein Teil des Teams, bestehend aus Norbert Luttenberger, Jesper Zedlitz, Swantje Piotrowski und Oliver Auge – Quelle: Sebastian Maas, CAU

Neben allgemeinen Daten zu Geburt und Tod, Ehestand, Kindern und Konfession, umfasst das Kieler Gelehrtenverzeichnis die akademischen Stationen von Professoren der Universität Kiel der Jahre 1919 bis 1965. Einziges Kriterium für die Aufnahme in das Register ist eine Lehrtätigkeit an der CAU  so findet sich auch Max Planck, zwischen 1885 und 1889 Professor für Theoretische Physik dort. Wer will, kann also in der alphabetischen Auflistung oder per Suchfunktion, sowie einer interaktiven Karte die Lebenswege aller circa 900 erfassten Professorinnen und Professoren nachvollziehen. Möglich wurde das Projekt durch die Zusammenarbeit von Historikern und Informatikern, die sich seit Mai 2010 der Aufgabe angenommen haben, das jetzt bestehende Verzeichnis zu erstellen. Unter Leitung von Professor Dr. Oliver Auge der Abteilung für Regionalgeschichte, seiner Mitarbeiter Swantje Piotrowski, Martin Göllnitz und Studentischer Hilfskräfte entstand mithilfe des Instituts für Informatik das Kompendium mit mehr als 210 000 Datensätzen  eine in der bisherigen Universitätsgeschichtsforschung einmalige Leistung. Auf Grundlage von intensiver Archivauswertung bietet sich dem Interessierten so auch die Möglichkeit, Wohnorte der Professoren, sofern bekannt, auf dem Kieler Stadtplan nachzuvollziehen. Stadtinteressierten und Milchforschern ist sicherlich auch Hermann Weigmann ein Begriff, nach dem die Straße zwischen Ringstraße und Stephan-Heinzel-Straße am unteren Wilhelmplatz benannt wurde. Der Chemiker aus Bayern machte sich um die Milchforschung verdient und forschte über Bakteriologie. Durch Ehrenwürden als Prof. Dr. phil., Dr. agr. h.c. mult. hochdekoriert und akademisch verdient hatte er sieben Geschwister und mindestens zwei Kinder. Von 1889 bis 1923 leitete er das Forschungsinstitut, das heutzutage das Max-Rubner-Institut ist  beheimatet in einem epochalen Turm zwischen Hermann-Weigmann-Straße, Kronshagener Weg und Schützenwall. Doch die Weste der Kieler Uni ist leider nicht in allen Fällen milchweiß. Ferdinand Weinhandl, ironischerweise in Judenburg geboren, war Arier reinsten Blutes und seit 1933 strammes Mitglied der SA. Während seine Frau, Margarete, die Führerin der Deutschen Frauenschaft in Schleswig Holstein war, stand er selbst sowohl dem Kampfbund für deutsche Kultur als auch der Wissenschaftlichen Akademie des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes in Kiel vor. Der Philosoph, der in den 1950ern wieder eine Anstellung in Graz als Pädagogikprofessor fand, beschäftigte sich aber nicht nur mit Büchern, sondern verbrannte sie auch. Prominent tat er dies als Hauptredner bei einer Kundgebung zur Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 auf dem Kieler Wilhelmplatz. Gerade das Dritte Reich bietet einen großen Themenschwerpunkt des Projektes, so waren neben Weinhandl noch 170 weitere der insgesamt 256 angegebenen Kieler Professoren Mitglied in der NSDAP.

Ob Nazi oder nicht, Männer waren jahrhundertelang Professoren und sind es noch immer, Frauen haben erst seit 1919 in Deutschland das Habilitationsrecht. Dementsprechend gering ist die Anzahl der Frauen im Verzeichnis. Obschon den Frauen eine eigene Kategorie auf der Webseite zugestanden wird, ist es um die reale Partizipation von Akademikerinnen nicht gerade gut gestellt, erst 1966 wurde eine Kieler Forscherin habilitiert. Das Gelehrtenverzeichnis spricht davon jedoch nicht, hier sind nur Informationen bis 1965 gebündelt.

 

Autor*in
Avatar
Über Paul Niklaus Stahnke 0 Artikel
Paul war seit Ende 2012 Teil der Redaktion. Neben der Gestaltung des Layouts schrieb Paul gerne Kommentare und ließ die Weltöffentlichkeit an seiner Meinung teilhaben. In seiner Freizeit studierte Paul Deutsch und Anglistik an der CAU.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*