„Aber die Deutschen waren doch gar nicht so schlimm!”

Über das Nachwirken einer Kolonialgeschichte

Bild: Chris Stenger / Unsplash

Wir erinnern uns sicherlich alle an den letzten Sommer, an rassistisch motivierte Gewalt und die Forderung, dieser ein Ende zu setzen. Die Black Lives Matter-Bewegung erfasste die ganze Welt. Protestiert wurde nicht nur aus Solidarität, sondern auch mit Blick auf die rassistischen Strukturen in der eigenen Gesellschaft. Der Ehrung der deutschen Kolonialvergangenheit wurde die Akzeptanz entzogen. Doch wissen wir wirklich, worum es geht?   

Dieser Artikel wurde mit der Intention geschrieben, die Eckpunkte der Geschichte verständlich zu machen, einen Teil der Überbleibsel aufzudecken und Gedanken zur Aufarbeitung anzustoßen.  

Wichtig zu wissen  

Für diesen Artikel habe ich mir fachkräftige Hilfe von Frau Lingelbach und Frau Zehnle besorgt. Lingelbach besitzt derzeit die Professur für die Geschichte der Neuzeit an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, während Zehnle Junior-Professorin für Außereuropäische Geschichte an der CAU ist. Sie forschen beide unter anderem auf dem Gebiet der Kolonialgeschichte.  

Unser Gespräch beginnt mit dem Jahr 1884, als Deutschland zur Berliner Westafrika-Konferenz einlud. Der Sinn dahinter war der offizielle Einstieg in den „Wettlauf um Afrika”. Die europäischen Mächte teilten den Kontinent untereinander auf und die Grenzen der afrikanischen Staaten wurden willkürlich gezogen – Grenzen, die teilweise bis heute bestehen.  

Insgesamt umfassten die Kolonien eine Fläche die sechsmal so groß war wie das Kaiserreich selbst. Zu den Gebieten gehörten: Deutsch-Südwestafrika (heutiges Namibia), Togo, Kamerun und Deutsch-Ostafrika (heute: Tansania, Ruanda und Burundi).  

Weiterhin: Deutsch-Neuguinea, Kaiser-Wilhelmsland, Bismarck-Archipel, die nördlichen Salomonen, Nauru, Deutsch-Samoa, die Karolinen-, Marianen-, Palau- und Marshallinseln, sowie Kiautschou in China.  

Das Ende des Ersten Weltkrieges 1918 brachte den Versailler Vertrag und somit auch das Ende der Kolonialzeit. Doch die Folgen sind bis heute zu spüren. 

Widerstand bricht aus  

Die afrikanische Bevölkerung leistete in verschiedener Weise Widerstand. Zum einen wurde der Handel boykottiert, heißt, die Ernte der Plantagenfrüchte blieb aus oder wurde gleich ganz dem Verrottungsprozess überlassen. Infolgedessen kam es zu gewaltvollen Strafexpeditionen, sowie zur Einführung von Zwangsarbeit und überwachter Arbeit in den Kolonien. Zudem wurde der Ausbau der Infrastruktur, beispielsweise von Straßen und Eisenbahngleisen, behindert.  

Andere widersetzten sich der Bezahlung von Steuern und erhielten Strafexpeditionen als Antwort. Zehnle fügt hinzu: „Diejenigen, die sich den Steuerbetrag nicht leisten konnten, gerieten in Spiralen der Verschuldung und wurden so in die Lohnarbeit gezwungen.” Lohnarbeit ist dabei die Arbeit auf Plantagen und Baustellen, wie zum Beispiel im Schienen- oder Straßenbau. War die Schmerzensgrenze erreicht, eskalierte der Konflikt und die Gewalt brodelte über.  

Nachdem es in den Jahren zuvor schon zu Aufständen in Deutsch-Südwestafrika gekommen war, folgte von 1903  bis 1908 der Befreiungskrieg der Herero und Nama (Bevölkerungsgruppen in Namibia). Er endete mit seiner grausamen Niederschlagung. Die genauen Opferzahlen sind umstritten, aber das Ausmaß der Tötung wird auf etwa 40.000 bis 60.000 Herero und circa 10.000 Nama geschätzt. Im Krieg war der Befehl zur gezielten Vernichtung gefallen, damit handelt es sich um einen Völkermord.  

Zwischen 1905 und 1907 mobilisierten sich verschiedene Bevölkerungsgruppen in Deutsch-Ostafrika gegen die Unterdrückung, es war der Beginn des Maji-Maji-Krieges. Heute ist davon auszugehen, dass rund 250.000 bis 300.000 Menschen ihr Leben verloren. Neben dem Kriegsgeschehen und dessen Folgen war Hunger eine weitere Todesursache. Die deutschen Truppen hatten eine Hungerkatastrophe heraufbeschworen, ihre Strategie „der verbrannten Erde” zerstörte die Lebensgrundlage der afrikanischen Bevölkerung. Sie vernichteten Felder und Brunnen, verschwendeten Vorräte und brannten Dörfer nieder.  

Rassistische Ideologie 

Kennzeichnend für eine Gewalt- und Willkürherrschaft sind Disziplinierung, Arbeitszwang, Enteignung, Massenmord und Vernichtung. Die deutsche Regierung war da keine Ausnahme. Lingelbach definiert: „Kolonialherrschaft bedeutet immer asymmetrische, illegitime Herrschaft.” Asymmetrisch meint hier eine ungleiche Machtverteilung.  

Gefördert wurde dieses Regime von einem bestimmten Menschenbild. Die deutsche Kolonialideologie entwickelte sich von dem Grundsatz der „Erziehung der Eingeborenen zur Arbeit” zu einer Politik der Trennung der „Rassen”. Derartige Denkmuster sind ohne Frage problematisch, besonders weil der Begriff der menschlichen „Rasse” ein gesellschaftliches Konstrukt ist und nicht von der Biologie unterstützt wird.  

In der Diskussion um die „Rassenfrage” wurden „deutsch” und „weiß” synonym verwendet, während „deutsch” und „schwarz” als Gegenteile galten. Die begriffliche Trennung übertrug sich auf verschiedene Bereiche, ein Beispiel wäre das Rechtssystem. Zur Veranschaulichung: Das Verbot von sogenannten „Mischehen”, also beispielweise die Heirat zwischen einer deutschen Frau und einem afrikanischen Mann. 

Spuren von heute   

In Afrika selbst hat der Kolonialismus tiefgründige, weitreichende und langfristige Spuren hinterlassen. Es kann davon ausgegangen werden, dass das wirtschaftliche Potenzial einiger Regionen derart zerstört wurde, dass sie bis heute darunter leiden müssen. Aus Zeiten der Ausbeutung stammende Strukturen hemmen weiterhin die wirtschaftliche Entwicklung und führen zur Verarmung der Bevölkerung. Strukturen, die Korruption und die Bereicherung von Einzelnen begünstigen.  

Auch in Deutschland sind Spuren aus der Kolonialvergangenheit zu finden. Seien es geraubte Kunst, Denkmäler oder Straßennamen. Eine bestimmte Memorialkultur ist geblieben.  

Lingelbach und Zehnle wünschen sich beide eine aufklärende und aus verschiedenen Perspektiven betrachtete Aufarbeitung: „Straßen, die immer noch die Namen von Kolonisatoren tragen, sollten umbenannt werden. Denn Straßennamen ehren Menschen und wir können niemanden ehren, der an kolonialer Ausbeutung teilnahm”, so Lingelbach. Sie argumentiert: „Ja, wir sollten darüber debattieren, welche Museumsstücke zurückgegeben werden müssen, doch mir persönlich ist es wichtiger, dass eine breitere Öffentlichkeit über die Geschichte Bescheid weiß.”  

Heutzutage existiert auch oft noch die Aussage: „Aber die Deutschen waren doch gar nicht so schlimm!”, was einfach nicht wahr ist.  

Als Gründe für das nicht-existente Erinnern an die Kolonialgeschichte werden beispielsweise die vergleichsweise kurze Dauer, die Vorrangigkeit des „Holocaust” in der Erinnerungskultur und die fehlende Betroffenheit während der Dekolonisierungsphase nach 1945 angeführt.  

Dennoch sind Fortschritte zu verzeichnen. In der Geschichtswissenschaft ist die Kolonialgeschichte mittlerweile einer der am intensivsten untersuchten Zweige und die meisten Universitäten bieten Seminare zu dem Thema an. Es fehlt jedoch der Schritt in die Geschichtsbücher der Schulen. Auch wenn sich hier etwas getan hat, bleibt die Mehrheit der Lehrpläne vage. Letztendlich liegt es bei der Lehrperson.  

Solange die Kolonialgeschichte Deutschlands ein Unterpunkt in den Plänen und ein lückenhaftes Kapitel in den Büchern bleibt, solange wird abgewogen, welche Geschichte erinnerungswerter als die andere ist.  

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