Akademisches Ghostwriting ist kein Kavaliersdelikt

Es gibt ein Wort, das sämtliche Studenten in Angst und Schrecken versetzt: Prüfungsphase! Einige brechen schon Wochen im Voraus in Panik und Lernstress aus, während andere wiederum jegliche Arbeit erst in letzter Minute erfüllen. Viele wünschen sich in dieser Situation einen Helfer, der sie von dieser Last erlöst. An dieser Stelle wenden sich immer mehr Studenten an sogenannte Ghostwriting-Agenturen, die die zu schreibende Arbeit für eine gewisse Geldsumme von einem ihrer Autoren verfassen lassen.

Martin* schreibt seit einigen Jahren für eine der größten GhostwritingAgenturen in Deutschland: „In diese Branche bin ich durch andere Studenten reingerutscht, die damals auch für diese Agentur geschrieben haben“, erzählt Martin, der schon mehrere Hausarbeiten und sogar schon zwei Abschlussarbeiten verfasst hat. Er beschreibt das Ghostwriting als eine Art Hobby. Martin liebt das Schreiben und hatte schon während seines Studiums keine Probleme damit, Seminar- und Hausarbeiten zu verfassen. Er saß gerne in der Bibliothek, durchstöberte die Fachliteratur und versuchte anhand einer These, die leeren Seiten mit den ausgearbeiteten Ergebnissen zu füllen. Er selbst sieht seinen Job als akademischer Ghostwriter pragmatisch: „Es ist eine tolle Chance, meinen Horizont stets zu erweitern. Ich schreibe in unterschiedlichsten Fächern über verschiedene Themen und lerne immer wieder dazu!“

Der akademische Ghostwriter macht sich mit dem Schreiben von Hausarbeiten oder Abschlussarbeiten nicht strafbar, ebenso wenig wie die unzähligen Agenturen, die Martins Schreibdienste anbieten. Die Agenturen geben die fertigen Arbeiten zwar an den Auftraggeber weiter, weisen aber explizit darauf hin, dass diese lediglich als Vorlagen genutzt werden können: „Wenn ich jedoch als Student 1 000 Euro für eine 40-seitige Seminararbeit hingelegt habe, will ich diese natürlich nicht noch umschreiben, sondern gebe sie einfach so ab“, sagt Martin. Er kennt dabei weder den Namen des Auftraggebers, noch die Universität, an der dieser studiert: „Ich bekomme nur ein Thema und gelegentlich ein Exposé. Den Rest muss ich mir selbst erarbeiten.“

Doch warum geben Studenten unzählige Euro aus, anstatt sich selbst in die Bibliothek zu setzen und zu arbeiten? „Viele Studenten haben ein falsches Zeitmanagement, sie verkalkulieren sich total und wollen dann in zwei Wochen 30 Seiten schreiben. Das kann nicht funktionieren. Bei anderen ist es die fehlende Betreuung der Lehrbeauftragten oder überfüllte Hörsäle, in denen eine Lernatmosphäre und Vorbereitung für eine Hausarbeit unmöglich erscheint“, zählt Martin auf. Einige Studierende sind mit dem Konzept des Studiums überfordert und sehen das Geschäft des akademischen Ghostwritings als einzigen Weg, ihr Studium erfolgreich abschließen zu können.

Um den Geschäftszweig des Ghostwritings einschränken zu können, müssen sowohl die Studierenden als auch die Lehrbeauftragten der Universitäten ihre Einstellung zum Konzept Studium überdenken. Für Studenten muss eine Seminararbeit mit einem Mehrwert an Kompetenz für die Zukunft verknüpft werden. Dabei geht es um eine gute Vorbereitung für den Einstieg in das Berufsleben. Eine Hausarbeit oder Ähnliches sollte nicht nur auf die Anzahl der ECTS-Punkte und die daraus folgende Note reduziert, sondern dazu genutzt werden, effektiv wissenschaftliches Arbeiten zu erlernen und anwenden zu können.

Für die Lehrbeauftragten muss die Betreuung ihrer Studenten eine wichtige Stellung einnehmen. Das mag schwer umsetzbar sein, wenn 500 Studenten vor einem sitzen oder in die wöchentliche Sprechstunde kommen wollen. An dieser Stelle kann die Schuld nicht auf die Lehrbeauftragten abgewälzt werden. Es sind höhere Instanzen, die eingreifen müssen, um sowohl die Studenten als auch die Lehrbeauftragten zu entlasten. Die steigende Anzahl der Studenten wird das personelle und finanzielle Problem der Universitäten weiter steigern und den Geschäftszweig des akademischen Ghostwritings weiter vorantreiben: „Wenn es kein weitreichendes Problem an deutschen Unis geben würde, dann würde Ghostwriting nicht funktionieren!“ Die Lösung des Problems ist keinesfalls einfach, muss aber dennoch höchste Priorität haben, damit Studenten gar nicht erst in Versuchung kommen, ihre Hausarbeiten an einen professionellen Ghostwriter abzugeben. Das Geld, das den Autoren in die Hand gedrückt wird, kann doch viel besser anderweitig investiert werden.

*Name von der Redaktion geändert

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Über Eric Kluge 0 Artikel
Eric schreibt seit dem Sommersemester 2013 für den Albrecht. Seit 2015 leitet er das Kulturressort und ist für alle kulturelle Neuigkeiten Kiels im Print und Online verantwortlich.

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