Alice im Wunderland – oder „fröhliche Nicht-Weihnacht“

Foto: Olaf Struck

Am 22.11.2014 feierte das Weihnachtsmärchen Alice im Wunderland im Opernhaus Kiel unter der Regie von Jan Steinbach Premiere. Schon vor Vorstellungsbeginn war die Vorfreude bei den kleinsten Gästen des Opernhauses zu spüren: in eine unbekannte Fantasiewelt, in der die Regeln der Erwachsenen keine Gültigkeit haben, eintauchen, das war das erklärte Ziel, das auch die Titelheldin Alice hatte. Dass die Neuinterpretation des Regisseurs sich nur an Eckpunkten an der Vorlage des Originals von Lewis Carroll orientierte, störte im Saal niemanden. Vielmehr stand die Begegnung mit den fabelhaften Figuren im Vordergrund – vom Weißen Kaninchen auf Rollschuhen, über eine Wurst essende Grinsekatze bis hin zu einer Pfeife rauchende Raupe. Die meisten zentralen Figuren der Alice Geschichte waren vorhanden und luden vielfach durch klasse schauspielerische Leistung zum Lachen ein.

Besonders Frederik Götz begeisterte die Zuschauer mit seiner rasanten und ebenso witzigen Darstellung des Weißen Kaninchens, das immer auf dem Sprung war, um der Herzkönigin die Zeit anzusagen. Großes Talent und vor allem Wandlungsfähigkeit bewiesen auch Maxine Kazis, Ana Pauline Leitner, Felix Zimmer und Siegfried Jacobs, die bis zu vier verschiedenen Rollen während des Stücks einnahmen und immer ihre starke Bühnenpräsenz unter Beweis stellten.

Alice (Jennifer Böhm) lässt sich vom weißen Kaninchen (Frederik Götz) die Regeln des Wunderlands erklären. Foto: Olaf Struck
Alice (Jennifer Böhm) lässt sich vom weißen Kaninchen (Frederik Götz) die Regeln des Wunderlands erklären.
Foto: Olaf Struck

Dass die Reise in das Wunderland gelang, lag vor allem an den von Jule Dohrn von Rossum liebevoll gestalteten Kostümen. Vor allem die farbenfrohen Verkleidungen der Raupe und der Grinsekatze stachen hier hervor. Ein Wunderland wäre aber kein Wunderland ohne das von Christine Hielscher fantasievoll gestaltete Bühnenbild: überdimensional große, fliegende Tassen und Kochtöpfe, wachsende Türen, die auch noch sprechen und bewegliche Hintergrundbilder, die die Illusion von Alice‘ Wachstum und Schrumpfen gelungen herstellen.

Die weise Raupe (Siegfried Jacobs) kam beim Publikum besonders gut an. Foto: Olaf Struck
Die weise Raupe (Siegfried Jacobs) kam beim Publikum besonders gut an.
Foto: Olaf Struck

In der Interpretation von Steinbach folgt Alice, sehr ausdrucksstark gespielt von Jennifer Böhm, ihrer Katze Dina in ein Erdloch, durch das vorher das sprechende weiße Kaninchen sprang. Der Eingang in das Wunderland bleibt Alice jedoch verwehrt, da sie zu klein ist, um an den Schlüssel für die sprechende Tür zu kommen (eine sehr unterhaltsame Darbietung von Felix Zimmer, der die Zuschauer auf seiner Seite hatte). Ein Trank, der Alice wachsen lassen soll, macht sie nur noch kleiner, was zu einem Tränenmeer führt. Doch der Retter in der Not ist das weiße Kaninchen, das nicht in einem roten Cape, dafür aber in einer riesigen Tasse zur Hilfe eilt. Kenner des Originals werden sich sicherlich gefragt haben, warum plötzlich eine Suppenschildkröte und ein Hummer in einem Kochtopf vorbeiziehen und auch noch ein Liedchen über ihr Schicksal schmettern. Wie gesagt, es handelt sich um eine Neuinterpretation des Alice-Stoffes und in einem Wunderland ist schließlich alles möglich.

Die gesangliche Darbietung bleibt nicht die einzige in diesem Stück, viele Figuren kündigen ihr Lied durch den Auftritt einer Frau mit Spieluhr an. Die musikalische Leitung übernahm Bettina Rohrbeck, die den Figuren durch unterschiedliche Musikgenres ihren eigenen Charakter verlieh. Dass die gesangliche Leistung nicht immer perfekt war, tat dem Stück jedoch keinen Abbruch.

Die Begegnung mit der fetten, Wurst essenden Grinsekatze, die als Postbote im Wunderland fungiert, und der weisen, Pfeife rauchenden Raupe, bleiben den Zuschauern wohl noch lange im Gedächtnis. Der Auftritt einer Spinne zeigt schließlich den pädagogischen Wert, der auch dem Original zugrunde liegt: der Umgang mit dem Unbekannten. Sowohl die Spinne als auch Alice haben Angst voreinander, bis sie bei ihrer Berührung feststellen müssen, dass es hierfür gar keinen Grund gibt.

Die impulsive Herzkönigin (Maxine Kazis) beim Crocket-Spiel.  Foto: Olaf Struck
Die impulsive Herzkönigin (Maxine Kazis) beim Crocket-Spiel.
Foto: Olaf Struck

Für alle Alice-Fans von zentraler Bedeutung: Alice‘ Besuch der verrückten Teegesellschaft des Hutmachers, Märzhasen und der Schlafmaus. Leider kam die Rolle des Hutmachers in dieser Interpretation zu kurz, obwohl die kreative Änderung von „Nicht-Geburtstag“ zu „Nicht-Weihnachten“ vor dem Hintergrund des Weihnachtsmärchens gelungen war und musikalisch durch die Umdichtung des Kinderliedes „Fröhliche Weihnacht überall“ Ohrwurmpotenzial hatte.

Alice kommt nach zahlreichen Begegnungen mit wundersamen Figuren – die Einordnung der singenden Hippie-Blumenkönigin in den Gesamtkontext fiel etwas schwer – endlich an den Hof der Herzkönigin und des Herzkönigs, die ihre Katze Dina gefunden haben. Ganz im Sinne des Zielpublikums wurde vor allem die Rolle der Herzkönigin entschärft, die hier nun nicht mehr verlangt: „Ab mit ihrem Kopf!“ Dennoch muss Alice gegen die Königin Crocket spielen und sich in einer Gerichtsverhandlung behaupten. Maxine Kazis beweist in der Rolle der Königin einmal mehr ihr komisches Talent.

Den kleinen Zuschauern hat die Reise in das Wunderland gut gefallen und so erhielt das Ensemble am Schluss tosenden Beifall. Zuschauer, die Lust auf ein farbenfrohes, unbeschwertes Weihnachtsmärchen haben, sollten sich auf jeden Fall noch bis zum 22.12.2014 auf die Reise ins Wunderland machen. All diejenigen, die doch sehr an der Originalfassung hängen, können sich entweder von der Neuinterpretation überzeugen lassen, ansonsten bleiben sie lieber zu Hause.

Titelfoto: Olaf Struck

Autor*in

Annika ist seit 2014 Teil der Redaktion und vor allem als Lektorin tätig.

Annika Rodemann
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