Mimke Teichgräber

Alternativen statt Vorwürfe

Written by Mimke Teichgräber. Posted in HOCHSCHULE

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Published on Mai 12, 2017 with 3 Comments

Die Hochschulgruppe für Tierrechte will eine Welt ohne Ausbeutung von Tieren

In der deutschen Gastronomie wurden vegane und vegetarische Produkte, die nicht Salat sind, in den letzten Jahren schleichend durch ihre hohe Nachfrage als fester Bestandteil der Speisekarten etabliert. Rein vegane und vegetarische Cafés oder Restaurants sprießen aus dem Boden und Fleischproduzenten entwickeln vegetarische Wurst. Menschen, die sich selbst als Vegetarier*innen oder Veganer*innen bezeichnen, benennen als Grund ihrer Etikettierung häufig ihre Sorge um das Tierwohl. Außerhalb einer Nahrungsmittelumstellung vieler Konsument*innen und dem Unterschreiben von Online-Petitionen weckt diese Sorge jedoch scheinbar wenig Motivation zur Offensive. Tierrechts- und Tierschutzorganisationen finden trotz der anbrechenden Zeiten des fleischlosen Konsums nicht mehr Zulauf. Die Hochschulgruppe für Tierrechte an der CAU Kiel berichtet sogar von einem deutlichen Rückgang von Neuzugängen in den letzten Jahren, trotz Aufstieg von Vegetarismus und Veganismus. Dadurch lichten sich die Reihen in der Hochschulgruppe, die nun neben  dem Tierwohl auch um ihr eigenes Fortbestehen bangen muss.

Seit Oktober 2011 gibt es die Möglichkeit, sich an der CAU Kiel in einer Hochschulgruppe (HSG) für Tierrechte einzusetzen. Im Gegensatz zu Tierschützer*innen haben Tierrechtler*innen das langfristige Ziel, Tiernutzung nicht zu reformieren, sondern vollständig abzuschaffen. Wie die gesamte Tierrechtsbewegung ist auch die Hochschulgruppe in ihren Ansichten intern heterogen. So lehnen einige Mitglieder Tierhaltung pauschal ab, während andere selbst Haustiere besitzen. Einig sind sich die Mitglieder aber darin, dass die Bevölkerung über das Ausmaß der Tiernutzung und deren Folgen aufgeklärt werden muss. Denn Tiernutzung, also jegliche Art in der Menschen Tiere zu ihren Zwecken gebrauchen, was Tierrechtler*innen unbeschönigend mit Ausbeutung gleichsetzen, hat nicht nur Leid und Unfreiheit von Tieren zur Folge, sondern ist auch mit direkten Schäden für Umwelt und Menschen verbunden.

Um offensiv Veränderungen zu bewirken, plant die Hochschulgruppe für Tierrechte Aktionen zur Aufklärung und zum Protest. Eine regelmäßige Veranstaltung ist die Ökoglotze, bei der in Zusammenarbeit mit dem AStA Filme gezeigt werden, die eine neue und oft erschreckende Perspektive auf Themen wie Tierhaltung oder Ähnliches bieten. Auch Vorträge und Workshops sollen die Ziele der Tierrechtsgruppe an die Öffentlichkeit tragen und diese informieren. Das Wirken der Hochschulgruppe ist oft mit dem Auftreten Werte-verletzender Organisationen verknüpft. Dies äußert sich zum Beispiel in Mahnwachen bei Zirkussen oder Jahrmärkten, die in Kiel Halt machen. Dadurch sollen sowohl die Verantwortlichen als auch die Besucher sensibilisiert werden.

Doch statt Menschen aufgrund ihrer tiergestützten Lebensweise zu kritisieren, bietet die Hochschulgruppe für Tierrechte Interessierten Alternativen an. So bereiten die Mitglieder regelmäßig vegane Speisen vor, die sie auf Veranstaltungen anbieten. Das Ziel dabei ist, zu zeigen, dass eine Einschränkung im Geschmack bei veganer Ernährung nicht nötig ist. Deshalb finden sich auf der Website der Hochschulgruppe für Tierrechte neben Informationen und Aktionsankündigungen auch vegane Rezepte. Doch Tiere werden nicht nur für die Lebensmittelindustrie genutzt, sondern sind auch Teil der Entstehung anderer Produkte. So werden tierische Stoffe aller Art in verschiedenen Konsumgegenständen wie Textilien oder Kosmetika verwendet, aber auch Produkte durch Tierversuche getestet und weiterentwickelt. Wer also die Ausbeutung von Tieren aus jedem Aspekt seines Lebens verbannen möchte, muss sich nicht nur mit den Zutaten, sondern auch mit der Herstellung von Produkten befassen.

Tierversuche müssen nicht nur in fernen Laboren kritisiert werden, sondern geschehen in unmittelbarer Nähe. Denn im Victor-Hensen-Haus in der Hermann-Rodewald-Straße 12 an der medizinischen Fakultät der CAU Kiel befinden sich aktuell über 5 000 Versuchstiere. Den Großteil davon bilden Mäuse, doch auch vier Schweine, fünf Kühe, fünf Schafe und etwa 100 Ratten werden dort untersucht und operiert. Natürlich unterliegen die Tierversuche an der CAU Kiel strengen Standards, ihre Existenz wird allerdings von der Hochschulgruppe für Tierrechte in Kooperation mit Ärzte gegen Tierversuche kritisiert.

Zur Ablehnung von Tiernutzung gehört für die Mitglieder der Hochschulgruppe der Wunsch, aktuelle Zustände zu ändern und über diese zu informieren. Im Gespräch wiesen sie darauf hin, dass Vegetarismus oder die Meidung von Produkten aus Massentierhaltung schnell das Gewissen beruhigen könnten. So würde das Handlungspotential verringert, das zur Umsetzung der Ziele von Tierrechtler*innen notwendig ist. Wer sich also aktiv gegen die Nutzung nicht-menschlicher Tiere einsetzen möchte, ist herzlich eingeladen die Hochschulgruppe für Tierrechte zu unterstützen. Jeden ersten und dritten Dienstag im Monat um 19 Uhr kommt die Hochschulgruppe in der Hansa48 zusammen – Interessierte sind herzlich willkommen. Weitere Informationen gibt es unter www.hsgt.de.


Quelle Titelbild: HSG Tierrechte

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About Mimke Teichgräber

Mimke Teichgräber

Studiert seit 2013 Psychologie in Kiel, und frönt dem ALBRECHT seit dem Wintersemester 2014/15. Nach der Leitung der Bildredaktion ab 2015, ist sie seit Januar 2017 Stellvertretende Chefredakteurin.

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3 Comments

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  1. Sehr geehrte Frau Teichgräber, ich verstehe ja das Anliegen dieser Hochschulgruppe für Tierrechte, aber das macht dann ein Studium an lebenden Zellen irgendwann unmöglich und auch Sezierkurse für Mediziner und Biologen fallen doch damit dann flach, denn dafür müssen immer wieder frische tote Tiere verwendet werden, wie lange kann man immer aufs neue an einer toten Ratte herumsezieren? Irgendwann vielleicht sind sogar auch Pflanzen und Bakterien als Versuchsobjekte tabu, da man nach Verständnis der Veganer Pflanzen besser als Nahrungsquelle nutzen sollte, um den Welthunger zu mindern. Das ist doch reine Ideologie. Haltungsbedingungen für Tiere, darüber lässt sich streiten, und auch darüber, ob jeder Student im Sezierkurs eine eigene Ratte vor sich haben muss oder ob nicht auch eine pro Kurs genügt, aber alles andere ist doch recht fragwürdig.

    • Lieber Herr Stadtler,

      ich habe mich gefreut, als ich Ihren Kommentar gelesen habe, denn Sie haben offensichtlich Interesse an der Thematik – kritisches Denken ist hierbei auf jeden Fall gefragt. Genaugenommen ist es sogar das zentrale Anliegen, denn Ideologien sollten grundsätzlich hinterfragt werden!

      Das gute daran, eine Ideologie zu hinterfragen, ist ja, dass man dann nicht mehr auf sie hereinfällt. Hinterfragt man sie nicht, bleibt man in der Ideologie gefangen, denn genau das ist ja eine Ideologie: Das unhinterfragte Fortführen von etwas, das konventionell „eben einfach so ist“. Was tun nun Veganer*innen? Sie hinterfragen das konventionelle „Wir haben schon immer Tiere für unsere Bedürfnisse genutzt!“ und wägen die Argumente sorgfältig ab. Dadurch ist Veganismus genau das nicht: eine Ideologie. Wie stehen Sie dazu?

      Hier eine interessante Auseinandersetzung mit dieser Fragestellung:
      http://der-artgenosse.de/hey-veganer-veganismus-ist-eine-ideologie/

      Sie haben vollkommen Recht, dass das Sezieren von Tieren schwierig wird, sobald dafür keine Tiere mehr getötet werden sollen. Genauso wird es auch schwer, die Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie zu sichern, wenn es keinen Krieg mehr gibt. Sollten wir daher sagen, dass Pazifismus eine Ideologie ist und Kriege aufrecht erhalten? Es ist sicher auch schwierig für Henker gewesen, in ihrem Berufsfeld weiter tätig zu bleiben, als die Todesstrafe abgeschafft wurde – Sollten wir diese wieder einführen, damit die Arbeit erhalten bleiben kann?
      Werden Tiere seziert, einfach um des Sezierens wegen? Dann bräuchten wir tatsächlich tote Tiere, die seziert werden können, damit wir tote Tiere sezieren können. Weil es eben gängige Praxis ist, weil es schon seit Ewigkeiten so gemacht wird. Oder – und hier bringe ich die Ideologie erneut ins Spiel – wir hinterfragen diese Tätigkeit an sich. Möglicherweise kommen wir dann zu dem Schluss, dass es alternative Beschäftigungen gibt, die keinem Lebewesen schaden, welches selbst den Wunsch hat, frei von Schmerz und Leid einfach leben zu dürfen. Das klingt doch nach einer echten Alternative, finde ich. Und schon sind wir nicht mehr in alltäglichen Ideologien gefangen, die sich dadurch erhalten, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Ein Gewinn für alle, wagen auch Sie den Schritt!

      Eine weitere Empfehlung von mir – und ich lege sie Ihnen wirklich ans Herz, da sie sehr offen die Frage der Ideologie behandelt, sodass ein eigenes Reflektieren darüber bereichert wird – ist dieses kurzweilige Video einer Psychologieprofessorin, die sich mit eben dieser Fragestellung seit sehr vielen Jahren befasst:

      https://www.youtube.com/watch?v=o0VrZPBskpg

      Viel Spaß beim Gucken und bitte: Hören Sie nie auf, Ihren kritischen Blick auf Dinge zu richten – auf alle Dinge!

  2. Mimke Teichgräber

    Lieber Herr Stadler,

    sie haben das Anliegen der HSG Tierrechte erkannt und durch ihren Unmut die Tragweite dessen potentieller Auswirkungen deutlich gemacht: Die Tierrechtler wollen Tiernutzung jeder Art, auch ihr Beispiel des Sezierens von Ratten im Universitätskontext, abschaffen. „Fragwürdig“ ist diese Forderung schon dadurch, dass sie nicht jeder unterstützen kann oder möchte, wie sie durch ihr Kommentar verdeutlichten, was aber auch die Relevanz der Auseinandersetzung mit Tiernutzung verdeutlicht. Auf den vorsichtigen Umgang mit dem Begriff der Ideologie und auch der Relevanz der Auseinandersetzung mit Ideologien hat Chris bereits, meiner Meinung nach ausführlich und herrlich informativ, verwiesen.

    Danke für ihre Kommentare. Ich freue mich über entfachte Diskussionen, die bei Grundsatzthemen wie der Tiernutzung gerne ausufern sollten.

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