Am Limit des Sagbaren

Grenzübertretungen im HipHop

Fans reagieren auf Rap
Provokation als Stilmittel: Gang und Gebe in der Rap-Kultur. Bild: Nikita Mädge // Der Albrecht

Seit Mitte des vergangenen Dezembers darf der Rapper Fler die Zeilen „Werder Brem`n der ganze Kader / jeder potentieller Vater” nicht mehr rappen. Dies entschied das Landesgericht München und gab der klagenden Partei um den betroffenen Rapper Bushido recht.


Rapper*innen provozieren immer wieder und stoßen mit ihren Texten an die Grenzen der Kunstfreiheit oder überschreiten sie in einigen Fällen. Das prominenteste Beispiel hierfür ist der Eklat um die „Holocaust-Zeilen” der beiden Rapper Kollegah und Farid Bang, der zur Abschaffung der Echo-Verleihung im Jahr 2018 führte. Obwohl Zeilen wie „mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen” als geschmacklos bezeichnet werden müssen, bewegen sie sich im Rahmen der Kunstfreiheit, betonte die Staatsanwaltschaft. Die Frage, welche Aussagen Künstler*innen in ihren Werken treffen dürfen, sollte aber nicht nur durch den rechtlichen Rahmen definiert werden, sondern vor allem durch eine kritisch prüfende und hinterfragende Hörerschaft geformt werden.

Sprache konstruiert soziale Realitäten

Die verwendeten Worte der Battle-Rapper*innen greifen nicht nur benannte oder fiktive Persönlichkeiten an. Basierend auf der in der Erkenntnistheorie des Konstruktivismus getroffenen Annahme, dass Individuen durch den täglichen Gebrauch von Sprache auf die vorhandenen Normen, Regeln und Identitäten direkt oder indirekt einwirken, ist den Aussagen auch eine gesellschaftliche Relevanz zuzuschreiben. Bei jeder Aktion oder bei jedem Sprechakt bestätigen sie die gesellschaftliche Realität oder wirken verändernd auf sie ein. Jedes Individuum ist im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten und lernt fortwährend durch Bestätigung oder Ablehnung durch andere Individuen, welche Äußerungen akzeptiert sind und welche nicht.

Die performenden Sprechgesangsartist*innen sind sich der Existenz der ungeschriebenen sozialen Regeln bewusst und brechen sie teilweise intentional. Laut eines Berichts der Internetplattform hiphop.de war bereits 3 Monate vor der Veröffentlichung des Albums Jung, Brutal, Gutaussehend 3 bekannt, dass es „juristisch katastrophale” Textpassagen enthalten würde.

Battle-Rap als Diskursarena

Die Reaktionen auf den Echo-Eklat fielen auf juristischer und gesellschaftlicher Ebene eindeutig aus. Das besagte Album ist seit dem 28. September 2018 auf der Liste der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eingetragen. Es darf nicht beworben oder an Minderjährige verkauft werden und es wurde von den gängigen Streamingplattformen entfernt. Die Medien zogen eine eindeutige Grenze und verurteilten diese Zeilen, sodass sich beide Rapper öffentlich entschuldigten und Kollegah sagte, dass der Holocaust im Rap nichts verloren habe.

Dieser extreme Fall zeigt, dass Battle-Rapper*innen die sozialen Grenzen ausreizen, um die erhaltene Aufmerksamkeit zu maximieren. Einzelne Zeilen können Diskussionen erzeugen, auf Diskurse einwirken und die Auseinandersetzung mit den lyrischen Inhalten der Künstler*innen kann die Gesellschaft und die HipHop-Kultur voranbringen.

Autor*in

Nikita ist seit dem Wintersemester 2019/2020 mit am Board. Als Fotograf bereichert er die Ausgaben & Artikel und dokumentiert regelmäßig Ereignisse am Campus. Gelegentlich schreibt er Artikel zu diversen sozio-kulturellen Themen.

Über Nikita Mädge 2 Artikel
Nikita ist seit dem Wintersemester 2019/2020 mit am Board. Als Fotograf bereichert er die Ausgaben & Artikel und dokumentiert regelmäßig Ereignisse am Campus. Gelegentlich schreibt er Artikel zu diversen sozio-kulturellen Themen.

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