Anwesenheitspflicht: Stimmen vom Campus

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Es ist ein heikles Thema, einmal eingeführt, überlegt man, sie wieder abzuschaffen, diese Anwesenheitspflicht. Eva und Leona haben sich mit Mikro und Kamera bewaffnet und auf dem Campus nachgefragt, was ihr eigentlich von der Anwesenheitspflicht haltet, wie die aktuelle Lage in eurem Studiengang ist und was ihr euch wünscht.



Lukas, Campus-Interview // Leona Sedlaczek
„Grundsätzlich finde ich es nicht verkehrt, einen Anreiz zu haben, in die Uni zu kommen: manche brauchen auch einfach einen Tritt in den Hintern. Aber in meinem Studienfach muss ich definitv in die Vorlesungen gehen, um die Klausuren zu schaffen, deshalb stellt sich die Frage nicht.“
– Lukas, 26, Mathe (Bild 1)

„Ich finde es sehr wichtig, dass man sich entscheiden kann, wann man zur Uni geht – so kann man seine Lernzeiten besser einteilen und selbstständig arbeiten. Man hat ja nicht umsonst den Studiengang gewählt, auf den man heiß ist.“
– Ole, Biochemie

„Vorteil der Anwesenheitspflicht ist, dass bei uns in anwesenheitspflichtigen Vorlesungen oft keine Klausuren geschrieben werden müssen.“
– Clara, Deutsch und Geschichte auf Lehramt

„Die Leute, die sowieso nur wegen der Pflicht im Seminar sind, werden auch nicht viel zur Diskussionskultur beitragen; gleichzeitig wird es die, die Lust auf die Diskussion haben nicht von der Teilnahme abhalten, wenn sie nicht kommen müssen.“
– Thomas, 26, Wirtschaftsrecht in Wismar

Jonas Beier, Campus-Interview // Leona Sedlaczek„Bei uns werden zum Teil Seminare zu praktischen Übungen umdeklariert. […] Ich finde die Anwesenheitspflicht unnötig, denn in die Art und Weise von wissenschaftlichem Denken, die wir im Studium lernen, muss man Zeit und Energie investieren; das muss man einfach wollen und kann nicht durch administrative Maßnahmen erreicht werden. […] Wenn sich am Ende nur fünf Leute an der Diskussion beteiligen, dann nützt es auch nichts, wenn 25 andere auch im Raum sitzen und auf ihre Smartphones starren.“
– Jonas, Politikwissenschaften und Soziologie, 23, Bachelor

„Ich bin für eine erweiterte Anwesenheitspflicht, nicht nur mit zwei Fehlterminen, sondern eher eine 50+1-Regelung, sodass auf Leute mit familiären Verpflichtungen Rücksicht genommen werden kann. Gleichzeitig bringt eine Anwesenheitspflicht viel bessere Diskussionen mit sich.“
– Juliane, 26, Englisch und Spanisch auf Lehramt

„Auch wenn alle Leute kommen, findet natürlich nicht immer eine gute Diskussion statt, aber wenn man schon da ist, ist man eher gewillt sich besser vorzubereiten und dann auch beizutragen.“
– Laura, 24, Deutsch und Englisch auf Lehramt

„Wenn man mehr Nähe zwischen Studierenden und Dozenten schaffen würde, bräuchte man meiner Meinung nach auch keine Anwesenheitspflicht. Dann lohnt es sich nämlich zu den Veranstaltungen zu kommen.“
– Diego, 30, Master in Quantitative Finance, aus Kolumbien

Timm, Campus-Interview // Leona Sedlaczek„Ich bin froh, dass die Anwesenheitspflicht abgeschafft wurde, weil ich denke, dass es die Dozenten motiviert bessere Kurse zu geben. […] Bei zwei, drei Fehlzeiten kann die Anwesenheitspflicht für Leute, die es schwerer oder eine chronische Erkrankung haben, fatal sein.“
– Timm, Ethnologie & Kunstgeschichte

„Bei uns im Fachbereich hat die Abschaffung der Anwesenheitspflicht für viel Unruhe gesorgt, es gibt jetzt überall unterschiedliche Regelungen und man ist sich zum Teil nicht mehr so sicher, was gefordert wird. […] Vorteil der Anwesenheitspflicht ist, dass bei uns in anwesenheitspflichtigen Vorlesungen oft keine Klausuren geschrieben werden müssen“
– Clara, Deutsch und Geschichte auf Lehramt

„Ich glaube nicht, dass man von oben eine verbindliche Regelung für alle Fächer schaffen kann, die allen Anforderungen der Fächer gerecht werden – hier wäre eine basisdemokratische Entscheidung sinnvoll. […] Wir Geisteswissenschaftler sind Kommunikationswissenschaftler: man muss sprechfähig werden, das ist eine ganz entscheidende Kategorie in der Ausbildung. […] Wir haben im Fachbereich Deutsch mit der Fachschaft eine Regelung getroffen, dass man über die zwei unentschuldigten Fehltermine noch zwei mal mit Attest fehlen darf. Das ist ein Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Studierenden und den Anforderungen der Lehre. […] Ich würde gerne alle Studierenden mitnehmen und Interesse wecken, in den Seminaren ist das möglich; man vergibt sich vielleicht auch eine Chance, wenn man Anwesenheit als Student nicht wahrnimmt.“
– Prof. Dr. Timo Felber, Dozent am Institut für GermanistikLena, Campus-Interview // Leona Sedlaczek

„Wenn man Vorlesungen besser zuhause nacharbeiten kann, sollte man das auch dürfen“
– Lena, 21, Agrarwissenschaft

„Ich finde es nicht gut, dass die Anwesenheitspflicht nicht mehr besteht. In meinen Kursen kommen teilweise so wenig Leute, dass einfach keine Diskussionen mehr stattfinden können. […] Auch wenn alle Leute kommen, findet natürlich nicht immer eine gute Diskussion statt, aber wenn man schon da ist, ist man eher gewillt sich besser vorzubereiten und dann auch beizutragen. […] Teilweise wurden bei uns auch trotz der Abschaffung der Anwesenheitspflicht Listen geführt, das baut dann schon Druck auf. […] Wenn man in einem Kurs keinen Platz bekommen hat, und dann kommt die Hälfte der Leute dort nicht, ärgert man sich schon.“
– Laura, 24, Deutsch und Englisch auf Lehramt

„Ich finde Anwesenheitspflicht gerade in den ersten Semestern sinnvoll, damit man am Anfang des Studiums ins Lernen reinkommt.“
– Anonymer Elektroingenieur-Student

Clara, Campus-Interview // Leona Sedlaczek„Bei uns gibt es keine Anwesenheitspflicht, aber es werden Punkte für mündliche Beteiligung vergeben, sodass es doch wieder Druck gibt. […] Es verbaut vielen Menschen die Chance, zu studieren, wenn man immer anwesend sein muss. Sei es durch Überschneidungen oder wenn jemand zum Beispiel ein Kind hat.“
– Clara, BWL



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Titelbild: Wikimedia Commons, Uni EF; bearbeitet von Leona Sedlaczek
Portraits: Leona Sedlaczek

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