Hinter verschlossenen Türen

Institutsgebäude der physikalischen Chemie der CAU. Foto: Janik Schmidt*

Als im Jahr 2001 ein Mitarbeiter des Instituts für physikalische Chemie das von seinem verstorbenen Vorgänger geerbte Büro übernahm, fiel ihm ein alter verschlossener Wandtresor auf. Sofort stand die Frage im Raum, welche verschließenswerten Objekte der Kernforschung hier lagerten und vor allem: Gaben diese gar radioaktive Strahlung ab?

Der CAU-Student Janik Schmidt* dokumentierte 2008 im Rahmen einer Hausarbeit die skurrile Suche nach dem Geheimnis des acht Quadratmeter großen, hermetisch verriegelten Tresors und erzählte dabei aus der Kieler Wissenschaftsgeschichte.

Nach zufälligem Fund des Schlüssels in der alten Schreibtischschublade und schließlich auch der passenden Zahlenkombination, stand der Mitarbeiter mit Kollegen und einem Geigerzähler schließlich erwartungsvoll vor den nun endlich zugänglichen Regalen. Zu sehen waren Hakenkreuze auf den Brettern, Akten mit der Aufschrift „Streng Geheim“, filigrane Metallbauteile und auch eine erleichternde Regungslosigkeit des Geigerzählers. Der von einem Mythos umhüllte Fund im alten Schrank war eine Uranzentrifuge, die zum Bau von Brennstäben von Atombomben nutzbar ist. Deswegen wurde er auch gleich vom Verfassungsschutz vernichtet und die dazugehörigen Akten konfisziert. Das Institut wurde ausdrücklich zur Diskretion gebeten.

Die Zahlenkombination zur Aufklärung des langjährigen Rätsels hatte der Finder von der Witwe eines verstorbenen Kernforschers erhalten. Von ihr bekam er jedoch nicht nur die unscheinbare Notiz, sondern hörte auch spannende Geschichten aus Zeiten, in denen noch Atomeuphorie herrschte. Gehen wir also zur Stunde Null zurück, der Neugründung des Instituts für physikalische Chemie 1949. Das Interesse an Kernenergie war bereits im zweiten Weltkrieg groß und wuchs danach vor dem Hintergrund des sich anbahnenden Kalten Krieges stets weiter. Die Kernforscher, die schon im Dritten Reich viele Fortschritte erreichten, wurden 1949 übernommen und der Enthusiasmus in der Forschung erhielt kaum Abbruch. Angeredet wurden sie konsequent mit „Prof. Dr.“, es herrschte Arbeitseifer und strikte Hierarchie. Darunter waren auch Prof. Dr. Hans Martin und Prof. Dr. Paul Harteck, die Techniken zur Urananreicherung erfanden. Als Doktorväter gaben Sie ihr exklusives Wissen an eine neue Generation Kernphysiker weiter, deren Kenntnisse in den kommenden Jahrzehnten in Industrie und Politik heiß begehrt sein sollten.

Einer von ihnen war Horst Lenné, der seine erste Doktorarbeit in den 60er Jahren sogar geheim halten musste. Die Sorge um die unkontrollierte Ausbreitung der Anreicherungstechnik war groß. Weniger besorgt war man dagegen um die Risiken im Forschungsalltag. Viel Prävention hätte nur den praktischen Arbeitsabläufen und raschem Erkenntnisfortschritt im Wege gestanden. Der Duft von Benzol lag in der Luft, etwas Quecksilber sickerte in den Parkettboden. Nicht selten schlug der Geigerzähler im eigenen Zimmer an, wenn die Kollegen nebenan mit radioaktiven Stoffen hantierten: Die Forschung war in vollem Gange. Auch Lenné forschte, baute, probierte und experimentierte mit großem Ehrgeiz. Dabei benötigte er auch einige seltene Materialien und spezielle Bauteile.

An dieser Stelle kommt der mysteriöse Schrank ins Spiel. Horst Lenné ließ eine Zentrifuge anfertigen, die wie eine Butterschleuder zur Urananreicherung diente. Er entwarf sie, ließ sie in München fertigen, packte das militärisch heiß begehrte Gerät einfach in seinen VW Käfer und brachte es wie jedes andere Gut auch formlos mit in die CAU. „Man hätte eine Transportgenehmigung beantragen müssen, dann hätte ein Sicherheitsbeauftragter vom Verfassungsschutz mitreisen müssen“, schildert eine ehemalige Mitarbeiterin von ihrer mehr als 30 Jahren zurückliegenden Arbeitswelt. So wären die Bauteile wohl erst nach einem halben Jahr in Kiel angekommen. Das dauerte den Forschern zu lange. „Aber die Bauteile sind dann auch direkt im Safe des Instituts gelandet und am nächsten Tag wurde dann damit gearbeitet“, erklärt sie.

Die Geschichte um den Schrankfund weckt nicht nur harmlose Nostalgie. Seit der Zentrifuge aus dem VW Käfer ist viel passiert: Es kam zum Ende des Kalten Krieges, zum Aufschwung der Atomenergie, zu Endlagerdebatten, Tschernobyl, Fukushima und nicht zuletzt zu politischen Spannungen im Iran und Nordkorea. Kaum ein anderes wissenschaftliches Feld hat im letzten Jahrhundert derartig mächtige Möglichkeiten und Risiken geschaffen. Was für Forscher Gegenstand ihrer Arbeit ist, ist gleichzeitig immer auch für die Energieund Rüstungsindustrie von Interesse und kann in falschen Händen unvorstellbare Schäden anrichten. „Es ist schon komisch, wenn man Bilder aus dem Iran sieht und feststellt, dass die Zentrifugen dort so aussehen wie damals bei uns“, bemerkt die pensionierte Assistentin mit grüblerischer Miene.

* Name von der Redaktion auf Wunsch geändert.

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Über Anna Maria Schleimer 0 Artikel
Anna ist seit Anfang 2013 beim Albrecht tätig. Sie studiert Informatik.

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