Auf den Spuren des Patriarchats

Leseratte: Alte Weiße Männer

Foto: Jasmin Westphal

Der Titel Alte Weiße Männer verleitet dazu, direkt die Vermutung anzustellen, dass es sich hier um ein weiteres Buch handelt, welches Männern die Schuld in die Schuhe schiebt. Schuld für alle Probleme des Planeten und besonders Schuld an der Benachteiligung von Frauen. Was sonst könnte auch von der Feministin Sophie Passmann erwartet werden als ein Männerverriss? Ganz genau: Einen Schlichtungsversuch. 
Sophie Passmann ist eine bekannte Autorin und Feministin, gehörte zum Team der ZDF-Sendung Magazin Royale und hat eine Kolumne im ZEITmagazin. Aufmerksamkeit erregte sie zuletzt in dem Pro7-Beitrag „Männerwelten“, einer virtuellen Ausstellung über die alltäglichen Facetten von sexueller Gewalt. In ihrem Buch Alte Weiße Männer versucht sie dem Schreckgespenst des überprivilegierten Mannes, der die Welt regiert, auf den Grund zu gehen. 

„Sind Sie ein alter weißer Mann?“ 

Diese Frage stellte Sophie Passmann 16 Männern, darunter dem Sternekoch Tim Raue, Moderator Micky Beisenherz und ihrem eigenen Vater. Fast alle Gesprächspartner sind in der Medien- und Politikszene zu Hause und haben durchaus Potenzial das Klischee eines alten weißen Mannes zu erfüllen. Doch in den Gesprächen ging es schnell nicht mehr nur um das zu ergründende Feindbild, sondern um allgemeine Geschlechterklischees und wie schwer es sein kann, ein Mann in einer Machtposition zu sein.  

„Das Idealbild des Mannes kennt keine Fehlbarkeit, das ist eines von vielen gleichermaßen anstrengenden Geschlechterklischees, das niemand jemals erfüllen kann.“  

Natürlich gibt es aber auch hier verschiedene Ansichten. Robert Habeck, Politiker bei den Grünen/Bündnis 90, schindet Eindruck bei Passmann mit Sätzen wie: „Für Männer ist es nicht so leicht, aus dem Verhaftet-sein in der starken Rollendominanz auszubüxen“. Der Journalist Jörg Thadeusz hingegen weigert sich, in eine Gruppe hineindefiniert zu werden. Ironischerweise steckt er selbst gerne Menschen in Schubladen, wie „Ali, den Taxifahrer“ oder „Schwuppen“. Dies ist genau der Luxus, den sich laut Passmann eben nur ein alter weißer Mann leisten kann. Ein Mann wie Thadeusz musste noch nie in seinem Leben ein Klischee aushebeln oder wurde Opfer von Vorurteilen. Dadurch versteht er auch nicht die Folgen solcher Bezeichnungen.  

In jedem Kapitel des Buches trifft die Autorin auf einen anderen potenziellen klischeehaften weißen Mann, mit dessen Hilfe sie der Beantwortung ihrer ursprünglichen Frage etwas näherkommen möchte. Dieser ständige Wechsel von Szenerie und Gesprächspartner verleiht dem Bestseller Dynamik und lässt keine Langeweile bei seiner Leserschaft aufkommen.  
Die Treffen sind geprägt von einer lockeren Atmosphäre, wie zum Beispiel bei einem Picknick im Englischen Garten in München mit Claus von Wagner oder beim Eisessen mit Rainer Langhans.  
Während die Autorin ihrem Gegenüber geduldig zuhört, nimmt sie den:die Leser:in mit in ihre eigene Gedankenwelt. Sie schreibt viel darüber, was sie von ihrem Gesprächspartner hält, gibt der Leserschaft allerdings auch Raum eine eigene Meinung zu bilden. Dies gelingt ihr, indem sie ihre eigene Haltung vertritt, gleichzeitig ihrem Gegenüber aber die Möglichkeit lässt, sich zu erklären. 
Natürlich ist das Buch ein Werk für den Feminismus, doch Passmann beweist durch ihre ironische und kluge Art und Weise, dass Feminismus witzig sein kann.  
In ihrem Buch wird klar – Feminismus ist für alle da: „Der Feminismus will ja all diese unlösbaren und unendlich anstrengenden Klischees für alle Geschlechter abschaffen. Nur falls mal wieder die Frage auftaucht, ob auch Männer vom Feminismus profitieren würden.“  

Und was ist nun mit dem alten weißen Mann? 

Alte Weiße Männer ist ein sehr reflektiertes und pointiertes Buch über die (angebliche?) Vormachtstellung von weißen Männern in unserer Gesellschaft aus Sicht einer jungen, feministischen Frau, die durchaus bereit ist zuzuhören und dazuzulernen. Obwohl es Passmann schnell passiert, dass sie Haltungsnoten vergibt, wird ihre Kritik nicht persönlich und sie lässt sich auch gerne von ihrem Gegenüber überraschen.  

Wer in diesem Roman die Abbitte einer Feministin an die Männerwelt erwartet, wird sicher bitterlich enttäuscht. Doch wird in dem Buch mehr behandelt, als es auf den ersten Blick scheint: Geschlechter- und Rollenklischees, Verantwortung in einer Führungsposition und die unterschiedlichen Auffassungen darüber, was einen Mann wirklich ausmacht.  
Ob Passmann am Ende der Schlichtungsversuch zwischen dem Schreckgespenst und dem Rest der Gesellschaft gelungen ist, muss letztendlich jede:r für sich selbst entscheiden. 

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Hier schreiben mehrere Autor:innen der ALBRECHT-Redaktion oder Personen, die ihren Text anonym veröffentlichen wollen.

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