Bilderbücher bibliophil

Sortieren, etikettieren, kanonisieren – er herrscht ein wahrer Ordnungszwang in deutschen Feuilletonredaktionen. Die Folge: Jahr um Jahr erscheinen neue Media-, Biblio- oder sogar Vinotheken, die uns vorschreiben, was wir unbedingt gesehen, gelesen oder getrunken haben müssen. Immer an vorderster Front mit dabei: Die Süddeutsche Zeitung.

Mit ihrer jüngsten Edition ist der SZ jedoch eine rühmliche Ausnahme im Zusammenstellungsrausch gelungen. Unter dem Label „Bibliothek Graphic Novel“ und dem Slogan „Literatur trifft Illustration“ kompilierte man zehn Comics in preisgünstigen und edel aufgemachten Hardcoverausgaben, um diese einem Publikum zugänglich zu machen, das die Comicbranche für gewöhnlich nicht erreicht. Wer nun allerdings glaubt, die SZ versuche gebundene „Batman“-Ausgaben an den Oberstudienrat von nebenan zu bringen, der irrt.


Süddeutsche Zeitung Edition Graphic Novel

„Die Qual der Wahl“

Stattdessen distanzierte man sich überdeutlich von der noch immer grassierenden Klischeevorstellung, die Comicwelt sei ausschließlich von Superhelden und sprechenden Tiere bevölkert. Aufgenommen wurden daher Titel mit realistischen, zumeist (auto-)biografischen Themen (sieben der zehn Bände fallen in diese Kategorie), deren Farbpalette sich weitestgehend auf Schwarz-Weiß begrenzt. Der durchschnittliche Umfang liegt bei gut 260 Seiten und mit Ausnahme von Will Eisners stilbildendem Meisterwerk „Ein Vertrag mit Gott“ von 1978 ist keines der Comics älter als 15 Jahre. Man operiert somit in einem vergleichsweise engen zeitlichen Rahmen, wusste dort aber einige bemerkenswerte Titel zu rekrutieren.

Zu ihnen gehört mit Sicherheit Marjane Satrapis moderner Klassiker „Persepolis“, der hier erstmals in einer preisgünstigen Gesamtausgabe erscheint. Ebenso lobenswert die Aufnahme von Jiro Taniguchis „Vertraute Fremde“, einem der großen Mangaromane der jüngeren Vergangenheit und der deutschen Johnny-Cash-Biografie „I see a Darkness“ von Reinhard Kleist. Schließlich gelang Kleist ein Ausnahmewerk, das mit durch die Bebilderung von Cashs Songtexten eine Musikalität erreichte, die man im stummen Medium Comic wohl nie erwartet hätte.

Dagegen ist der zweite deutsche Beitrag zur Edition weit weniger gelungen: Peer Meter und Barbara Yelin schufen mit „Gift“ einen stümperhaft gezeichneten, nahezu unlesbaren Historienkrimi über Giftmorde im Bremen des 19. Jahrhunderts. Nach dieser Lektüre wünscht man sich nur noch, auch die Autoren ihrer gerechten Strafe zuführen zu können. Ein veritabler Griff ins Klo ist auch Ari Formans „Waltz with Bashir“. Nicht, dass die Geschichte eines Dokumentarfilmers, der versucht vergessene Erinnerungen aus dem Bosnienkrieg zu rekonstruieren, uninteressant wäre – ganz im Gegenteil. Doch handelt es sich bei dem Comic lediglich um die Zweitverwertung des gleichnamigen Animationsfilms, für die dessen Zeichnungen mit Textkästen und Sprechblasen versehen wurden. Jemandem mit einer solch ungelenken Adaption die Stärken des Comics nahe bringen zu wollen, ist, als würde man eine Theateraufführung abfilmen, um die Möglichkeiten der Filmkunst zu demonstrieren. Außerdem: Eine „Edition Graphic Novels“, in der weder Frank Miller („Dark Knight Returns“, „Sin City“, „300“) noch Alan Moore („Watchmen“, „From Hell“, „V for Vendetta“ etc. pp.) vertreten sind, ist wie ein Gewürzbord, in dem sich weder Salz noch Pfeffer finden.

„Der Comic braucht keine Zweiklassengesellschaft“

Wirklich problematisch ist allerdings ein anderer Aspekt: Die Sammlung legt die Mehrwertigkeit von Comics nahe, die sich durch schlichte Farbgebung, großen Umfang und ihren Realitätsbezug auszeichnen. Sie suggeriert somit eine Trennung zwischen dieser Hoch- und einer Trivial-Kultur der Kunstform, die aber de facto nicht existiert. Ganz im Gegenteil: Anders als es hier den Anschein erwecken mag, spielen die großen Meisterwerke des Comics nicht in internationalen Krisenherden wie Palästina oder Teheran, sondern Gotham City und Entenhausen.

So schufen die zuvor erwähnten Starautoren Miller und Moore ihre eindrucksvollsten Werke während ihrer Arbeit an „Batman“. Und Altmeister Carl Barks, der die lange Comicerzählung einst erfand, widmete sich sogar ausschließlich Donald Duck und seiner Sippschaft. Zur Aufnahme eines Titels wie Don Rosas „Onkel Dagobert – Seine Leben, seine Milliarden“, der vom Umfang exakt in die Edition gepasst hätte, hat sich die SZ dann aber doch nicht durchringen können. Dabei hätte gerade eine solche Biografie der reichsten Ente der Welt wohl am Besten bewiesen, dass die literarischen Möglichkeiten des Comics wahrlich unbegrenzt und nicht von einer thematischen Ausrichtung abhängig sind.

Aber vielleicht wollten die Feuilletonredakteure der SZ auch einfach nur das Wissen um die besten Comics für sich behalten. Wäre ja auch zu blöd, wenn einem demnächst der Oberstudienrat von nebenan das neue „Batman“-Heft vor der Nase wegschnappen würde. Teuflische Genies, diese Ordnungsfanatiker.

Diverse Autoren: Süddeutsche Zeitung Bibliothek. Edition „Graphic Novels”. Süddeutsche Zeitung GmbH. 96-528 Seiten, Hardcover. Je 14,90 bzw. 19,90 Euro; 119 Euro Reihenpreis.

Die Edition „Graphic Novels” im Einzelnen:

1. Will Eisner – Ein Vertrag mit Gott (2-farbig, 528 Seiten; 19,90 Euro) *****

2. Marjane Satrapi – Persepolis (s/w, 352 Seiten; 19,90 Euro) ****

3. Peer Meter/Barbara Yelin – Gift (s/w, 200 Seiten; 14,90 Euro) *

4. Guy Delisle – Shenzhen (s/w, 160 Seiten; 14,90 Euro) ***

5. Joe Sacco – Palästina (s/w, 296 Seiten; 14,90 Euro) ***

6. Alison Bechdel – Fun Home (2-farbig, 240 Seiten; 14,90 Euro) ***

7. Jiro Taniguchi – Vertraute Fremde (farbig und s/w, 408 Seiten; 14,90 Euro) ****

8. Jaques Tardi – Blei in den Knochen (farbig, 96 Seiten; 14,90 Euro) ***

9. Reinhard Kleist – Cash – I see a Darkness (s/w, 224 Seiten; 14,90 Euro) *****

10. Ari Folman/David Polanski – Waltz with Bashir (farbig, 128 Seiten; 14,90 Euro) ***


 

Autor*in

Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

Janwillem Dubil
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Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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