Bin ich etwa nicht Deutsch genug?

Das unsichere Konstrukt von Identität

Quelle: unsplash/amir geshani

Damals im Bus: Ich schaue aus dem Fenster, kaputt von einem langen Schultag und warte darauf, dass der Bus an meiner Haltestelle ankommt. Während ich meine Augen daran zu hindern versuche, zuzufallen und mich in eine Traumwelt zu entführen, spüre ich plötzlich, wie etwas meine Haare berührt. Hände, die meinen Kopf abtasten. Ich drehe mich um. Hinter mir sitzt eine Gruppe Jungs, die mich anstarren. Sie fühlen sich offensichtlich ertappt. „Wir wollten nur mal wissen, wie die sich anfühlen“, lautet der Versuch einer Rechtfertigung. Wenigstens einer der Jungen merkt, dass diese Aktion nicht in Ordnung war und entschuldigt sich bei mir. Ich drehe mich wieder um. Was ist da gerade passiert?

Ich bin in Deutschland geboren, aufgewachsen und sozialisiert. Mein einer Elternteil stammt aus Afrika, sodass ich mit einer dunklen Haut und krausen Haaren vom stereotypischen, deutschen Bild abweiche. Obwohl ich mein Dasein als Deutsche die meiste Zeit nicht in Frage stelle, geben mir solche Situation das Gefühl, in gewissen Maßen doch als Fremde in diesem Land wahrgenommen zu werden. Bin ich etwa nicht Deutsch genug, um dazuzugehören? Und wenn ich keine Deutsche bin, wo gehöre ich dann hin? Was ist meine Identität?

Eine Antwort auf diese Fragen zu finden, stellt keine einfache Aufgabe dar. Denn was macht Identität aus: mein Name, mein Status oder doch meine Herkunft? Die Frage nach der eigenen Identität scheint uns ständig zu begleiten und bietet immer wieder neue Antwortmöglichkeiten. Als Individuum versuchen wir einerseits aus der breiten Masse der Gesellschaft herauszustechen, aber andererseits auch wieder durch Anpassung ein Teil des Ganzen zu sein. Es entsteht ein Konflikt zwischen Individualität und Gleichheit.

Das Selbst in Abhängigkeit vom sozialen Gegenüber

Es war nicht das erste Mal, dass sich fremde Hände in meinen Haaren verirrten. Auch kommt mir die Frage „Darf ich deine Haare anfassen?“ schon aus den Ohren wieder heraus. Meine dunklen Locken scheinen bei manchen sogar solch eine Faszination auszulösen, dass sie einen dazu bringen, mich auf eine Rolltreppe zu verfolgen, mit dem Versuch meine Haare zu berühren. Es mag sein, dass meine Haare in Deutschland nicht gerade zu den Top Drei der häufigsten Haartypen gehören, aber gibt das den Leuten das Recht, mich wie ein Tier im Streichelzoo zu behandeln?

Aus der Sicht der Sozialwissenschaften nimmt das gesellschaftliche Umfeld eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der eigenen Identität ein. So beschreibt der amerikanische Sozialpsychologe Georg Herbert Mead, dass die Entwicklung des Selbst ein gesellschaftlicher Prozess sei, der die gegenseitige Beeinflussung der Mitglieder einer Gruppe sowie das vorherige Bestehen dieser Gruppe voraussetzt. Individuen werden sich ihrer Identität erst bewusst, wenn sie sich „durch die Augen des anderen“ sehen. Das soziale Umfeld formt diese durch Normen, Rollenmuster, Gesetzlichkeiten und Sprache.

So ist das eigene Selbst(bild) abhängig von sozialer Rückmeldung und gesellschaftlicher Anerkennung. Problematisch wird es, wenn unsere Identität infrage gestellt wird. Es bringt einen aus dem Konzept, wenn die zuvor als sicher erachtete Positionierung als Teil einer bestimmten Gesellschaft von eben dieser angezweifelt wird.

Wenn die eigene Identität im Konflikt steht

Eine weitere Situation im Bus: Ein älterer Herr setzt sich mir gegenüber. Nach kurzer Zeit fragt er mich, wo ich herkomme. Ich antworte ihm, dass ich in Deutschland geboren bin. Doch anscheinend überzeugt ihn meine Antwort nicht und er scheint mich von diesem Moment an als Fremde wahrzunehmen, denn er wechselt nun für unsere weitere Konversation in ein gebrochenes Englisch und stellt mir persönliche Fragen zu meiner Herkunft und der meiner Eltern. Dabei sucht er immer wieder nach Worten und fragt unsere Sitznachbar*innen (auf Deutsch!) nach den richtigen Begriffen. Ich versuche ihm zu vermitteln, dass ich ebenfalls Deutsch spreche und antworte ihm irgendwann auch nur noch auf Deutsch, denn Englisch verstehen, kann er auch nicht wirklich.

Auch wenn ich grundsätzlich nichts gegen die Frage „Wo kommst du her?“ habe, kann sie in manchen Situation nerven und mir das Gefühl geben, nicht wirklich dazuzugehören. So als wäre es völlig unvorstellbar, dass eine Person mit einer dunklen Hautfarbe Deutsche ist. Doch kann ich auf der anderen Seite anscheinend keine Afrikanerin sein. Denn dort werde ich mit den Worten „la Blanche“ (dt.: die Weiße) als Europäerin abgestempelt – auch hier gehöre ich nicht wirklich dazu. Ich stehe zwischen zwei verschiedenen Kulturen, gehöre beiden an, aber dann auch wieder keiner. Ein Gefühl der Identitätslosigkeit.

Doch kann es eine ‚echte‘ oder ‚wahre‘ Identität geben? Der Soziologe Erving Goffman beschreibt, dass wir uns im Alltag in bestimmten Rollen präsentieren und dabei je nach sozialem Umfeld verschiedene Rollen annehmen können. Das Ziel ist es dabei, den anderen einen sozial akzeptierten Eindruck von sich zu vermitteln und sich im Zuge dessen ein Image aufzubauen. Dabei ist sich das Individuum dieser Eindrucksvermittlungen in vielen Situationen nicht bewusst. Das Konstrukt von Identität ist dementsprechend nicht homogen, eindeutig oder gar stabil. So ist es auch verständlich, dass wir uns manchmal mit der Brüchigkeit von Identität konfrontiert sehen.

Johanna Touoda
Über Johanna Touoda 31 Artikel
Johanna studiert seit dem Wintersemester 2016/17 Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Oktober 2016 Teil der ALBRECHT-Redaktion. Von Juli 2017 bis Januar 2019 war sie als Ressortleiterin für die Kultur verantwortlich. Sie ist seit Februar 2019 Chefredakteurin des ALBRECHT.

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