Brauchen wir alle 1,50 Meter Abstand vom Kino?

Ein Kommentar von Benedikt Emde

Bild: Lynda Sanchez/ Unsplash

Vor einer langen Zeit in einer weit entfernten Galaxie waren die Kinosäle noch voll und die Menschen aßen euphorisch ihr Popcorn, noch bevor die Werbung überhaupt zu Ende geschaltet wurde. Um genau zu sein war es im Dezember 2019 vor der Premiere des letzten Star Wars-Films Der Aufstieg Skywalkers. Schon dieser Film brachte Disney eine schlappe Milliarde Dollar ein. Damit kann in Hollywood allerdings niemand mehr beeindruckt werden. Die etwas verwöhnte Filmbranche konnte sich jedoch nicht vorstellen, was sie 2020 erwarten würde. 

Während sich einige von teuren Kinotickets schon im Vorjahr fernhielten, war im Frühling 2020 jede*r gezwungen, sich zu verkleinern. Nun galt es, die Schönheit der großen Leinwand mittels diverser Streaming-Dienste auf dem 5-Zoll Handy einzufangen. Nur wenige stürmten dann im Sommer mit Ende des Lockdowns in die Kinos. Das Letzte, was viele brauchten, war noch mehr Zeit vorm Fernseher oder eben einer Leinwand. Die Pandemie war natürlich auch noch nicht vorbei und es fühlten sich nicht alle sicher im Kino, trotz der Hygiene-Konzepte. Ich ging schon immer sehr gerne mit Snacks bepackt in die 20-Uhr-Vorstellung und das auch weiterhin im Sommer, denn ich vermisste die Atmosphäre.

Corona verändert die Art und Weise, wie wir Filme konsumieren. Hier könnt ihr mehr dazu lesen, wie das Kino der Zukunft aussieht: Die Bombe, die nicht hochging

Niemand kann das Popcorn des Lichtspieltheaters für mich ersetzen. Es ist wie ein Schweizer Taschenmesser: Es hat viele Funktionen und ist immer für dich da. Für Komödien ist es süß, salzig für Thriller und bei richtigen Trash-Filmen nimmt es die Rolle einer faulen Tomate ein, die auf die Tribüne geworfen werden kann. Die treuen Kinogänger*innen, wie ich, wollten also neue herzerobernde Geschichten. Leider wurde das Angebot etwas mager. Momentan zögert jedes Studio Filme zu veröffentlichen, die wenig Geld einspielen. Für 2020 waren ursprünglich neue James Bond- und Superhelden-Filme von Marvel und DC angekündigt. Alle wurden allerdings immer weiter nach hinten verschoben und die meisten können wir erst 2021 erwarten. Einige wahre Held*innen trauten sich jedoch mit Aussicht auf geringe Einnahmen auf die Kinoleinwand. Die größten Held*innen dürfen wir in diesem Artikel aber auch nicht vergessen: Das seid natürlich ihr! Insbesondere die, die stark genug sind, zuhause zu bleiben und niemanden zu gefährden, egal wie gut das Popcorn riecht. Für euch gibt es hier einen Blick hinter den roten Vorhang. 


Was habt ihr dieses Jahr verpasst? 

Tenet 

Vom Star-Direktor Christopher Nolan kommt der noch am meisten antizipierte Film dieser Saison: Tenet. Der Film behandelt das Thema Zeitreisen in einer für Nolan typischen skurrilen Weise. Die Handlung wird ironischerweise von einer Technologie vorangetrieben, die es Objekten und Menschen erlaubt, sich rückwärts in der Zeit zu bewegen, während der Rest der Welt sich weiterhin vorwärts bewegt. Bei Objekten wie Pistolen führt das dazu, dass Patronen nicht abgeschossen werden, sondern sich nach jedem Schuss zurück in die Waffe versetzen. Das Resultat sind dynamische Action-Szenen, die optisch sehr ansprechend und für den*die Zuschauer*in zunächst sehr verwirrend sind. Auf der anderen Seite müssen zeitreisende Menschen Atemmasken tragen, da sie nicht mehr Sauerstoff einatmen, sondern Kohlenstoffdioxid, welches wir normalerweise ausatmen. Solange sich die Betroffenen rückwärts in der Zeit bewegen, können sie somit ohne ihre Maske nicht mehr überleben. Das ist für uns heutzutage wiederum weniger verwirrend, sondern etwas lebensnaher. Wer das Konzept nicht direkt durchschaut, muss sich nicht schlecht fühlen, denn nicht mal die Charaktere sind sich immer sicher, was passiert und warum. Hier kommt es also zu keinen lustigen Szenarien, in denen die Hauptcharaktere sich mit ihren jungen Eltern oder mit dem Zeitgeist des Jahrzehnts/-hunderts auseinandersetzen müssen. Der Film ist intelligent genug, um sich von derartigen Klischees fernzuhalten. 

Verwundert bemerkt der*die Zuschauer*in jedoch schnell, dass der Film neben dem wissenschaftlichen Geschwafel von Physiker*innen sehr einfach gestrickt ist. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass ich kein Wort über die Hauptpersonen verloren habe. Das liegt daran, dass diese sehr simple Motivationen und Beziehungen zueinander haben. Ein Einzelfilm wie Tenet, der viel zu erzählen hat, muss auch keinen besonderen Fokus auf die Akteur*innen legen, wenn das Prinzip die Handlung weiterbringt. Leider ist ab der Mitte des Streifens bis zu seinem Höhepunkt die Handlung so abhängig von den Hauptpersonen, dass die Frage aufkommen kann, warum sich die Namen der Personen bisher nicht eingeprägt haben. Und ich finde, das ist genau der Punkt, an dem der Film scheitert. Er scheitert nicht nur wegen der Person vor oder hinter der Kamera. Ganz im Gegenteil, er scheitert vor allem an der Person im Kinosessel. Denn warum ist dieser Film so bekannt? Was lockte die Menschen in die Kinos? Sie kommen wegen Schauspieler*innen wie Robert Pattinson und Direktor*innen wie Christopher Nolan. Dieser Personen-Hype ruiniert die Kinoerfahrung. Du solltest dich als Konsument*in für ein Produkt entscheiden, das deine Interessen verfolgt und deine Entscheidung nicht von außenstehenden Faktoren, wie Schauspieler*innen und Direktor*innen, abhängig machen. Ich beschreibe jetzt die Personen, die diesen Film sehen sollten: Du magst düstere Zeitreise-Geschichten wie Looper, die immer wieder die Möglichkeiten des Genres erforschen und neu definieren? Du wirst diesen Film mögen. Du liebst detailreiche Stories, die du mehrfach ansehen musst, um alle Easter Eggs zu finden? Du wirst diesen Film lieben. Du verehrst Meisterwerke der Kinogeschichte, die auf jeder Ebene funktionieren und jeglicher Art von Kritik standhalten? Bitte lass die Finger von dieser Ausgabe Nolans. Du hast hier ein verwirrendes Ergebnis vor dir, in dem Bilder häufig gewaltig sind, aber wenig aussagen. Das klingt nach Kritik auf hohem Niveau und das ist es auch. Der Soundtrack ist genial und der Blockbuster funktioniert mit der richtigen Einstellung. Er hält nicht kleinlicher Kritik stand und wird enttäuschen, wenn du Christopher Nolans Höhepunkte als deine neuen Standards ansiehst. Ganz objektiv haben wir ein gutes Endprodukt vor uns, aber keinen klassischen Genrefilm. Der Film ähnelt der Technologie, die er erfunden hat. Er ist experimentell, ergibt zu einem gewissen Grad Sinn und bietet viele Möglichkeiten. Wer jedoch keine Laborratte an einem Freitagabend sein will, widmet lieber anderen Filmen Zeit. Zum Glück haben wir weitere für dich zur Auswahl. 


New Mutants 

Für die Fans von Marvel und Co. kam mit New Mutants ein Hybrid aus einem Superhelden- und einem Horrorfilm in die Kinos. Der Film handelt von einer Gruppe Mutanten mit Superkräften, die zusammen in einer Psychiatrie ihre Dämonen therapeutisch bekämpfen. Und nachdem diese anfangen real zu werden, sind die Charaktere gezwungen, diese auch richtig zu bekämpfen. Anders als in normalen Horrorfilmen sind die Hauptpersonen nicht wehrlos, sondern können mit ihren Fähigkeiten zurückschlagen, die Feuer, Schnelligkeit, Teleportation, Verwandlungen und vieles mehr einschließen. 

Erneut klingt das Konzept vielversprechend. Sowas habe ich noch nicht gesehen, aber leider wurde ich wieder enttäuscht. Der Film ist für seine Prämisse überraschend normal. Letztlich konnten die Macher*innen sich nicht entscheiden, was für einen Film sie haben wollen, denn in keiner der Kategorien überzeugt er sonderlich. Man hat nun mal keine Angst um Personen, die sich ohne Probleme verteidigen können. Total scheitert New Mutants an seinen Stimmungsschwankungen aber auch nicht. Der Horroraspekt funktioniert bis zu den ersten Action-Szenen. Wer gewohnt ist, dass die Monster Schläge verteilen, wird sich wundern, was dieser Film zu bieten hat und Unterhaltung in den Kampfszenen finden. Die Schauspieler*innen sind passend gewählt, darunter sind auch bekannte Gesichter wie Maisie Williams aus Game of Thrones. Außerdem ist es mal wieder schön, einen Film in Spielfilmlänge im Kino zu sehen. Insbesondere in Zeiten, wo sich Blockbuster etwas zu ernst nehmen und sich häufig über mehrere Stunden erstrecken. Aber weder Fans von Action- noch Horrorfilmen werden hier wirklich auf ihre Kosten kommen. Meiner Meinung nach sollte dieses Werk nur als Fan von Superhelden-Streifen angesehen werden. Selbst dann wird New Mutants bestimmt nicht mehrfach angeguckt. 


Greenland 

Wem die Pandemie in der realen Welt nicht ausreicht, kann sich mit Greenland ein weiteres Weltuntergangsszenario auf der Leinwand ansehen. Hier sind es Asteroiden, die drohen die Erde zu zerstören, in einem Genrefilm, der 2012 oder The Day After Tomorrow gleicht. Im Gegensatz zu anderen Katastrophenfilmen wurde hier leider sehr an den Effekten gespart. Zum Glück verlässt sich das Endprodukt nicht nur auf seine Effekte, sondern versucht auch zu gruseln, mit einer der unheimlichsten Kreaturen, die uns allen bekannt ist: unsere Nachbarn. Im Film spielen – wie bei uns – alle verrückt. 

Anstatt der klassischen Kombination von Klopapier und Nudeln streiten sich die Menschen hier um Flugzeugtickets und Armbänder. Eine komische, aber angenehme Abwechslung. Der Cast ist solide und mit bekannten Gesichtern wie Gerard Butler und Deadpool-Star Morena Baccarin besetzt. Greenland versucht, einem nichts Neues zu liefern, sondern unterhält diejenigen, die auch die Beschreibung oder den Trailer mochten. Es wird geliefert, was bestellt wurde. Nicht mehr und nicht weniger. 

Um auf die Frage „Was habt ihr verpasst?” zurückzukommen: eindeutig nicht viel. Was kann denn auch erwartet werden von einem Jahr, in dem der erfolgreichste Film Bad Boys for Life ist? Vielleicht sollten wir uns erstmal neuen Serien für den kleinen Bildschirm widmen und das Kino ruhen lassen. Wer ganz abenteuerlich ist, könnte auch mal wieder ein Buch öffnen. 

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