Burschen und Füxe

Einblicke in Kiels studentische Verbindungen

Das gängige Klischee besagt: Burschen sind versnobt, bekämpfen sich mit Klingen, trinken viel zu viel und sind politisch zu weit rechts aufgestellt. Anderes Bild: Drei junge Männer öffnen die Tür des alten Verbindungshauses in Düsternbrook. Gut, sie tragen die Couleur-Bänder in den Farben ihrer Burschenschaft, doch zur Begrüßung gibt es weder ein Maß Bier noch den Hitlergruß. Alexander, Valentin und Simon sind Mitglieder der Burschenschaft Teutonia zu Kiel und sehen dem Interview scheinbar ebenso gespannt entgegen wie ich.

Nach der ersten Vorstellungsrunde wird das Haus besichtigt, es strotzt vor alten Holzmöbeln und Erinnerungsstücken der 1817 gegründeten Burschenschaft. Alte Relikte zieren gläserne Vitrinen, sofern sie nicht gerade an das Landesarchiv in Schleswig verliehen wurden. An der Wand hängt das Wappen der Burschenschaft, der Wahlspruch der Teuten: Ehre, Freiheit, Vaterland. Teutonia ist eine von insgesamt 16 aktiven Studentenverbindungen in Kiel. Neun davon, die Teuten eingeschlossen, gehören zu den sogenannten ‚pflichtschlagenden Verbindungen‘. Es bedeutet, dass akademisch gefochten wird und die Mitglieder zwei sogenannte ‚Mensuren‘ ablegen, in denen sie miteinander und zwischen den verschiedenen Verbindungen zur Prüfung ihrer Künste fechten und damit vom ‚Fux‘ zum ‚Burschen‘ aufsteigen. Die ‚Fuxenzeit‘ ist die Probezeit für neue Mitglieder, in welcher das Verbindungsleben kennengelernt werden kann. „Den Fuxenstatus hält man ein bis zwei Semester inne“, erklärt Simon, der als Aktiver das Fechten organisiert und Füxe betreut. „Nach der ersten Mensur ist man ein aktiver Bursch mit Aufgaben und Ämtern.“ Die Ämter sind, wie in den meisten studentischen Verbindungen, fest bestimmt und hierarchisch: Es gibt den Sprecher, Fechtwart, den Schriftwart, Fuxmajor und weitere Ämter für die innere Organisation.

Diese Ämter sind für die Organisation, aber auch für die zahlreichen Traditionen wichtig. Zu den ältesten Traditionen gehören die ‚Kneipen‘. Dies sind studentische Feiern, die im Laufe der Zeit ritualisiert wurden. Teils in festlicher Montur wird auf diesen Festen, die meist in den Verbindungshäusern stattfinden, getrunken, Reden gehalten und gesungen. Alle Mitglieder, also Aktivitas und Alumni, zücken hierfür sogar die hauseigenen Liederbücher. „Kneipen finden bei uns in der Regel am Anfang und Ende des Semesters statt. Und dann haben wir noch unsere Grünkohlkneipe im Dezember und die Stiftungskneipe zu Pfingsten“, berichtet Alexander, der ehemalige Sprecher und inzwischen Inaktiver der Teuten in Kiel.

Standen dem ALBRECHT Rede und Antwort: Aklexander (inaktiv), Simon (aktiver Bursche) und Valentin (aktiver Fux) der Burschenschaft Teutonia
Standen dem ALBRECHT Rede und Antwort: Aklexander (inaktiv), Simon (aktiver Bursche) und Valentin (aktiver Fux) der Burschenschaft Teutonia

Rimon fand die traditionsreichen Kneipenabende immer befremdlich. Er ist ehemaliges Mitglied des Corps Alemannia und entspricht nicht dem stereotypischen Bild eines Corpsbruders. Der Lehramtsstudent mit Migrationshintergrund ist eher durch Zufall an eine Verbindung geraten. Er fand das Verbindungshaus als Inserat bei der Wohnungssuche, stellte sich vor, wohnte einige Wochen zur Probe und entschied sich dann für eine Mitgliedschaft. „Wenn man dabei sein will, gibt es keinen Vertrag, es wird auch nichts schriftlich festgehalten. Verbindungen folgen dem Conventsprinzip, die Aufnahme wurde also in einer Versammlung bestätigt.“ Den darauffolgenden Alltag beim Corps Alemannia beschreibt Rimon als recht entspannt. Man habe seine Aufgaben und Pflichten, doch: „Am Ende des Tages ist es auch einfach eine WG mit neun Jungs.“ Neun Hausbewohner, neun Aktive, aufgeteilt in Füxe und Burschen. Rimon selbst hat seinen Fuxenstatus nie abgelegt, denn er ist nicht zur Mensur angetreten. „Meine Eltern wussten nichts vom Fechten. Sie sind vor dem Krieg geflohen und wären schockiert gewesen, hätten sie gewusst, dass ihr Sohn mit Waffen kämpft.“ Die fehlende Motivation für die Fechttradition war, neben fehlendem Verständnis im Freundeskreis außerhalb des Corps, der Grund für Rimons Austritt.

Bei einem Verbindungsmitglied mit armenischen und assyrischen Wurzeln stellt sich folglich die Frage nach Erfahrungen mit Rechtsextremismus. Rimon lacht. Ein Quotenausländer sei er nicht gewesen, immerhin habe er mit einem Serben, Spanier, Pakistani und Deutschen zusammen im Verbindungshaus gelebt. Bei den Aktiven, so sagt er, hätte er selbst noch nie rechte Äußerungen vernommen. Er habe jedoch schon mitbekommen, dass ein „Alter Herr“ Floskeln aus dem deutlich rechten Rand der Politik benutzte, dies aber keinen Anklang bei den Mitgliedern fand. Ein einziges Mal sei er offen angefeindet worden – und zwar vom AStA der Christian-Albrecht-Universität. Er wirft dem Studierendenausschuss vor, ihn als Vertreter der Verbindung, die auch eine Hochschulgruppe ist, benachteiligt zu haben. „Für eine unserer Parties vor zwei Jahren wollte ich Beleuchtung ausleihen – die Antwort war ein pampiges ‚an Verbindungen leihen wir nichts‘, was nicht nur unangebracht, sondern auch unrecht war“, so Rimon. Der AStA ließ diesen Vorwurf bislang unkommentiert.

Auch die Burschenschaft Teutonia zu Kiel positioniert sich zu diesem Thema klar. „Rechte wollen wir hier nicht haben, nehmen wir auch nicht auf. Wenn jemand bei uns meint, rechte Parolen schreien zu müssen, erteilen wir Hausverbot.“ Die Stimmung des Interviews ändert sich bei diesem Thema. Die Teuten verweisen auf die politische Bildungsarbeit, die sie in Form von öffentlichen Diskussionsrunden oder Vorträgen organisieren. Doch es ist bemerkbar, dass sie vielleicht schon zu oft mit Fragen zum rechten Rand der Politik konfrontiert wurden. „Es werden immer mal zwischendurch Informationsveranstaltungen zu Verbindungen in Bezug auf Faschismus und Sexismus angeboten – leider sind wir dort nicht erwünscht. Das ist schade, denn wir bekommen das Gefühl, dass die Leute mit Vorurteilen oder Ängsten gar nicht in einen Dialog mit uns treten wollen“, so Alexander.

Mit dem Vorwurf des Rechtsextremismus musste sich in den letzten Jahren vor allem ein Dachverband auseinandersetzen: Die Deutsche Burschenschaft (DB) erfuhr mehrere große Austrittswellen und kam in Verruf. In den siebziger Jahren spaltete sich die DB in einen nationalkonservativen und einen liberalen Flügel. Mit der Aufnahme von österreichischen Burschenschaften in den Dachverband zeigten sich viele Verbindungen nicht einverstanden, was zu erheblichen Mitgliederverlusten führte. 2011 sorgte der sogenannte ‚Arierparagraph‘ für einen Aufschrei in der Gesellschaft. Eine Verbindung reichte den Antrag ein, eine andere auszuschließen, weil diese ein Mitglied mit chinesischen Wurzeln hatte, und somit nicht dem Wert des „abendländischen Kulturkreises“ entspräche. Im gleichen Jahr gründete der AStA der Universität Göttingen ein Hilfetelefon (‚Falsch verbunden‘) für Burschenschaftler, die Hilfe bei einem Austritt aus ihrer Verbindung benötigten. Verschiedene Landesämter für Verfassungsschutz richteten ihre Ermittlungen gegen einige Verbindungen der DB, so wurde 2016 beispielsweise die Hamburger Burschenschaft Germania beobachtet. Die Berliner Gothia wurde jüngst von der Zeit Campus als „Rückgrat der neuen Rechten“ bezeichnet, unter ihren Mitgliedern befinden sich Parteimitglieder der AfD.

Die Burschenschaft Teutonia zu Kiel trat bereits 1973 aus dem Dachverband aus. „Der Begriff ‚konservativ‘ ist noch ein Euphemismus für viele österreichische Burschenschaften. Eine konservativere Linie ist auch in der politischen Landschaft Österreichs seit jeher ersichtlich.“ Auch die in Kiel ansässige Burschenschaft der Krusenrotter wandte sich 2012 von der DB ab. In der Erklärung hierzu heißt es: „Leider ist es der Deutschen Burschenschaft in der Vergangenheit in zunehmendem Maße nicht gelungen, sich nachhaltig gegen nationalistisch-revisionistische und gegen rassistische Tendenzen in ihren Reihen zur Wehr zu setzen. Der außerordentliche Burschentag in Stuttgart hat uns Krusenrottern schmerzhaft vor Augen geführt, dass es keine Mehrheiten (mehr) dafür gibt, den Verband organisatorisch so aufzustellen, dass derartige – von uns nachdrücklich abgelehnte Verhaltensmuster – unterbunden oder zumindest adäquat sanktioniert werden.“

Die Fechtkunst ist Teil der Burschenschaft-Tradition
Die Fechtkunst ist Teil der Burschenschaft-Tradition

Die Alte Königsberger Burschenschaft Alemannia zu Kiel gehört als letzte Studentenverbindung in Kiel der DB als Dachverband an. Entgegen der allgemeinen Annahme sind die meisten Verbindungen, zumindest in Kiel, keine Gruppe ausschließlich deutscher, christlicher Juristen.  „Uns ist egal, ob jemand nun Gott, Allah oder das fliegende Spaghettimonster anbetet“, so Simon, „Hauptsache, man fühlt sich den Grundwerten unserer Gesellschaft – also zum Beispiel der Demokratie, den Grundgesetzen, der Gleichstellung von Mann und Frau – verpflichtet und hat Lust auf das Verbindungsleben.“

Die Teuten folgen dem akademischen Prinzip, neben einem erfolgreichen Studienabschluss fördern sie auch das Studium Generale, also dem Erwerb von Allgemeinwissen, souveränem gesellschaftlichen Auftreten und einer eigenen politischen Meinung. Hier hilft jeder jedem, sei es beim Korrekturlesen einer Hausarbeit oder beim gemeinsamen Lernen in der hauseigenen Bibliothek.

Verbindungen sind nicht gleich Verbindungen. Sie sind verschieden organisiert, nennen sich anders, haben verschiedene Schwerpunkte. Manche sind vollkommen unpolitisch, andere haben es sich zur Aufgabe gemacht, politische Bildung zu fördern, wieder andere geben eine politische oder religiöse Richtlinie vor. Eines wird schnell ersichtlich, egal, ob die Gespräche nun mit dem Sprecher einer Burschenschaft oder mit einem Corps-Aussteiger geführt werden – Verbindungen mögen ihre ganz eigenen Traditionen pflegen und für Außenstehende verwirrendes Fachvokabular haben, doch darüber hinaus pflegen sie intern ein großes Netzwerk, eine lebenslange Gemeinschaft und unterstützen sich gegenseitig.

 

 

Johanna Rädecke
Über Johanna Rädecke 35 Artikel
Johanna schreibt seit Anfang 2015 vornehmlich für das Ressort Gesellschaft. Seit Februar 2017 ist sie Chefredakteurin des ALBRECHT. Sie studiert seit dem Wintersemester 2014 Deutsch und Soziologie an der CAU.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*