Cappuccino in Polen

Europamobil – Vier Wochen in Polen
Mit einem europäischen Projekt durch polnische Schulen

Polen: ein Land östlich von Deutschland. Das ist alles, was ich über Polen weiß, bevor ich mich im September 2012 auf nach Warschau mache. Über ‚Osteuropa‘ hatte ich lediglich von jemandem gehört, dass es dort viele Rechtsextreme und wenig Ausländer gebe. Als Deutsch-Französin mit cappuccino-farbener Hautfarbe ist dies ein Thema, was mich ganz und gar nicht kalt lässt. Ich entschließe mich jedoch das Risiko einzugehen.

Umso überwältigter bin ich, als mir in Warschau das Gesicht einer modernen Großstadt mit in den Horizont ragenden Wolkenkratzern entgegenblickt und sobald ich in den Bahnhof eintrete, auch Menschen mit dunkler Hautfarbe oder Frauen mit Kopftüchern begegne. Es stellt sich heraus, dass abgesehen von den ‚Milchbars‘, in denen man ein komplettes hausgemachtes Mittagessen für ein paar Euros bekommt, auch die Preise denen einer Großstadt entsprechen. Ich sehe also davon ab mir im ‚Coffee Heaven‘ einen Kaffee für 18 Zloty, also zirka vier Euro, zu bestellen und suche stattdessen eine Wechselkabine.

In der Bahnhofshalle treffe ich zum ersten Mal auf die anderen Teilnehmer des Projektes: Studierende aus Frankreich, Slowenien, Polen, Rumänien, Luxemburg, Portugal und Spanien. Nach einer knappen Stunde erreichen wir unser Ziel: Wilga, eine kleiner Ort mitten im Wald. Dort werden wir zusammen die nächsten vier Wochen verbringen, in denen wir mit dem ‚Europamobil‘ an elf verschiedene Schulen fahren, um dort Workshops zu EU-Themen zu veranstalten. Ich entscheide mich für ‚Cultural Diversity and Identity und finde mich in einer Gruppe mit Roberto (Spanier), Agathe (Französin) und Weronika (Polin) wieder. Als wir beginnen unsere Ideen auszutauschen, stellt sich schnell heraus, dass unsere Gruppe nicht nur kulturell, sondern auch charakterlich am vielfältigsten ist. Während Agathe und Weronika sich gerade über eine Idee austauschen, sprudelt Roberto immer wieder mit neuen Einfällen für kreative Spiele heraus und ich habe das Gefühl alle reden aneinander vorbei. 

Am Ende der Woche haben wir endlich einen fertigen Workshop mit Sprach-, Musik- und Bewegungselementen erstellt und fahren am nächsten Morgen sehr früh zur ersten Schule. Wir werden bereits mit Spannung erwartet. Bei unserem ‚Opening Event‘ in einer Turnhalle voll mit Schülern und Lehrern, bei dem wir uns und unsere Heimatländer spielerisch kurz vorstellen, werden wir mit Beifall empfangen. Gleich im ersten Workshop erlebe ich eine Überraschung. In einem Spiel stellen wir unter anderem Lieder von europäischen Künstlern vor, die Einflüsse von verschiedenen Kulturen haben. Gerade als wir alles einpacken wollen, ruft ein Mädchen: „Halt, können wir euch jetzt unser Lied vorspielen?“. Dann beginnt eine Gruppe von 12- und 13- Jährigen aufgedreht mit exotischen Figuren und cowboyartigen Bewegungen zu einem Lied in einer merkwürdigen Sprache zu tanzen. Mir laufen fast die Tränen vor Rührung und ich denke mir: Die Polen haben ja lustige Tänze. Erst im Nachhinein erfahre ich, dass es sich um einen koreanischen Song namens ‚Gangnam style‘ handelt, der wenig später auch die deutschen Charts erobert.

Eine weitere Überraschung erlebe ich später in einer Berufsschule einer Kleinstadt. Denn im Vorfeld haben uns zwei engagierte Lehrer der Schule besucht und uns mit folgenden Worten vorbereitet: „You should not expect too much, they are not so interested in the EU“. Schon als wir die Eingangshalle betreten, erblicken wir ein großes „Welcome“- Schild. Die Schüler haben zu unseren Ehren ein Erntedankefest-Buffet errichtet. Einige Schüler und Schülerinnen servieren uns – aufgepasst – in schwarz-weißen Kostümen das Mittagessen und viele haben sogar für uns zuhause Kuchen gebacken! Zum krönenden Abschluss werden wir in die Turnhalle geführt, wo wir unter Anleitung eines Sportlehrers zusammen mit den Schülern und Schülerinnen eine traditionelle Polonaise tanzen. Diese gibt es häufig zu Anlässen wie Hochzeiten oder Abschlussfeiern.

Wenige Tage danach präsentieren wir polnischen Vertretern der Politik und der Presse in Anwesenheit von Schülern, Lehrern und einer NGO das Konzept des Projektes auf einer Abschlusskonferenz in Warschau und erzählen von unseren überwiegend positiven Erlebnissen. Als ich schließlich im Berlin-Warschau-Express zurück nach Kiel sitze bin ich froh, dass ich mich auf dieses Abenteuer eingelassen habe. Wie sonst, hätte ich kulturelle Vielfalt so hautnah erleben können? Do widzenia!

Mirjam Michel

Autor*in

Mirjam ist seit 2013 Redakteurin des Albrechts.

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Über Mirjam Michel 13 Artikel
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