Interview mit Dr. Stefan Nehring

S. Nehring, Koblenz (erschienen in Waterkan t 4/2010)

Der Diplom Biologe Stefan Nehring, der unter anderem Betriebsbeauftragter für Abfall und Gewässerschutz sowie staatl. gepr. Forschungstaucher mit Hauptausrichtung in mariner und limnischer Ökologie ist, hat dem ALBRECHT ein paar Fragen zu dem Munitionsproblem in der Kieler Förde beantwortet.

Ist die Kieler Förde auch von den Folgen der Munitionsversenkung betroffen? 
Ja, in der Kieler Außenförde gibt es ein großes Munitionsversenkungsgebiet „Kolberger Heide“. Auf Grund vieler aktueller Funde hat man dort ein Sperrgebiet eingerichtet. Weiterhin ist auch außerhalb dieses Gebietes in der gesamten Förde mit Munition zu rechnen, Erkenntnisse dazu fehlen bisher, da bisher keine flächendeckende Untersuchung zum Vorkommen von Munitionskörpern am Grund der Förde vorliegt.

Kann es passieren, dass durch Strömungen o. ä. verseuchtes Wasser in die Förde gelangt und wir somit direkt vor unserer Uni damit konfrontiert werden?
Prinzipiell ja, da Munition kontinuierlich durchrostet und die Inhaltsstoffe (Sprengstoffe, Schwermetalle, Kampfstoffe) in das Wasser abgeben. Höhere Konzentrationen sind aber offensichtlich nur im direkten Umfeld eines durchgerosteten Munitionskörpers vorhanden, durch Strömungen etc. kommt es zu Durchmischungen und die Konzentrationen verdünnen sich stark.

Glauben Sie, dass die Kriegsmunition mit verstreichen der Zeit immer gefährlicher wird, da z.B. die Behälter rosten- oder wird das Problem in einigen Jahren kein Thema mehr sein?
Wenn die versenkte Munition bezündert ist, könnte sie handhabungsunsicherer werden, d.h. ggfs. schneller detonieren.
Bis heute ist sehr wahrscheinlich nur ein relativ geringer Teil der versenkten Munition durchgerostet. Der Höhepunkt der Schadstofffreisetzung ist somit noch nicht erreicht, das kann noch einige Jahrzehnte dauern.

Was können wir als Bürger, insbesondere Studenten, tun um die Forschung über die versenkte Munition zu unterstützen oder sogar etwas gegen die Gefahren zu tun?
Als Bürger kann man die Politik aber auch insbesondere die Strandgemeinden auffordern, mehr gegen die Unfallgefahr mit Munition zu tun. Insbesondere viele Strände an Nord- und Ostsee besitzen ein relativ hohes Risiko bzgl. Kampfmittelanschwemmungen, insbesondere Weißer Phosphor und Schießwolle 39. Die mittelfristige Lösung kann nur lauten, Bergung aller gefährlichen Munitionskörper insbesondere vor Stränden.
Die Forschung ist gefordert, mehr Wissen über die Wirkungen von Munitionsinhaltsstoffen in der Umwelt zu erarbeiten und entsprechende Risikoanalysen durchzuführen. Ein großes Problem ist auch noch die fehlende Technik, um insbesondere Großkampfmittel (Seeminen, Fliegerbomben) zu bergen und an Land zu entsorgen. Bisher werden diese Kampfmittel, die auf kleinsten Raum hohe Schadstoffmengen (teilweise über 1000 kg pro Körper) besitzen, immer liegen gelassen oder gesprengt, was trotz Blasenschleier zu erheblichen Auswirkungen in der Umwelt führt.

Muss ich mir als Tourist Sorgen machen, wenn ich im Meer schwimmen gehe oder Fisch aus der Region esse?
Für einen Touristen aber auch für jeden anderen Strandbesucher ist es gefährlich, angespülte Objekte (außer Muschelschalen, Pflanzen und Plastik) anzufassen und erst recht mitzunehmen. Dazu gehört auch Bernstein wegen der Verwechselungsgefahr mit Weißem Phosphor.
Fisch kann man essen. Man muss sich nur bewusst sein, dass er auf hoher Stufe in der Nahrungskette alle Arten von Schadstoffen – wenn auch im Allgemeinen in relativ geringen Konzentrationen – in sich ansammelt.

Wie schätzen sie die Kompetenz der deutschen Behörden im Umgang mit dem Thema ein?
Nachdem der öffentliche Druck zu groß geworden ist, bemühen sich die Behörden seit einigen Jahren Licht ins Dunkel zu bringen und ihre Erkenntnisse öffentlich zugänglich zu machen. Eine kritische Begleitung des gesamten Prozesses durch unabhängige Experten ist aber weiterhin notwendig, um bei speziellen Themen (u.a. Schadstoffbelastung, Risikostrände, Kampfstoffe, Bergungstechniken) eine vielfältige Diskussion zu ermöglichen.

Foto: S. Nehring, Koblenz (erschienen in Waterkant 4/2010)

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Über Anna Maria Schleimer 0 Artikel
Anna ist seit Anfang 2013 beim Albrecht tätig. Sie studiert Informatik.

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