Das kommt nicht in die Tüte!

Wenn morgens für das Frühstück keine Zeit ist, dann wird schnell zum Bäcker um die Ecke geflitzt. Ausgerüstet mit Brötchen und Kaffee lässt es sich dann schon viel besser in einen anstrengenden Tag starten. Doch dieses bequeme Konsumverhalten hat leider eine bittere Kehrseite: Ein Blick in die Mülleimer am Straßenrand genügt, um die massenhafte Verpackungsverschwendung zu bemerken. Besonders Bäckertüten finden nur wenige Minuten Verwendung, bevor sie zerknüllt in den Mülleimer wandern.

Als Christina Lehmann (25), Studentin des Masterstudiengangs Umweltmanagement an der CAU Kiel, im letzten Jahr von ihrer Asienreise zurück nach Deutschland kam, wurden ihr die Kultur- und Konsumunterschiede ganz besonders bewusst: Sie saß ein paar Minuten in einer Bäckerei im Frankfurter Flughafen und beobachtete die Kunden. „Ich fragte mich wirklich, was da plötzlich los war. Jedes einzelne Stück bekam eine eigene Tüte. Und mit einer Selbstverständlichkeit wurden die Tüten aufgemacht, gegessen und weg. Sie landeten schon direkt nach dem Kauf wieder im Müll.“ In diesem Augenblick kam ihr die Idee zu ihrem heutigen Projekt. Zusammen mit Anja Kromer (27), Studentin der Nachhaltigkeitswissenschaften, meldete sie sich im Wintersemester 15/16 für den Kurs Changemaker, ein Projekt der Kiel School of Sustainability an. Unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Christoph Corves, Professor für Geographie und Medien, lernen Studierende in diesem Kurs, wie Ideen und Projekte in die Tat umgesetzt werden können. Die Leitfrage lautete hierbei: Was stört mich gesellschaftlich, und was kann ich verändern? Solange es um einen gesellschaftlichen Nutzen geht und sozialunternehmerische Methoden in der Projektstrategie eingebaut sind, können sich Studierende aller Fachrichtungen für eine Kursteilnahme bewerben.

Christina und Anja entwickelten ein Konzept für ihr Change-Projekt umtüten. Ihr Ziel steht fest: In allen Bäckereien, die sich an ihrem Projekt beteiligen, soll der Einwegtüten-Verbrauch um 20 Prozent gesenkt werden. Hierfür haben sie eigene wiederverwendbare Bäckertüten erfunden und designt. Die Broot-Tüüt sieht aus wie ein kleiner Jutebeutel. Das Material besteht aus Bio-Nesselstoff und ist für trockene Bäckerprodukte gedacht. Die Snack-Tüüt ist in der Innenseite mit aus Maisstärke hergestelltem Bio-Kunststoff beschichtet und ist für To-Go-Produkte gedacht, wie belegte Brötchen oder Spritzgebäck. Beide Tüten sind wiederverwendbar, lebensmittelsicher und leicht zusammenfaltbar, sodass sie in jede Handtasche passen. Was die Hygienevorschriften betrifft, ist umtüten vom Veterinäramt abgesegnet: Bäckereien ist es erlaubt, ihre Produkte, statt in eine Tüte, in einen auf der Theke stehenden Ablagekorb zu legen, sodass der Kunde die Möglichkeit hat, die Produkte selbst herauszunehmen und in die eigene Tüte zu legen.

„Aber es geht uns nicht ausschließlich darum, aus welchem Stoff oder Material die Brötchentüte besteht, sondern auch darum, dass vielen Menschen gar nicht bewusst ist, wie sinnlos der ganze Konsum und der ganze Müll ist, den man produziert“, so Anja. „Je mehr man sich damit beschäftigt, desto bewusster wird einem, wie schnell sich die Gesellschaft verändert hat. In der DDR beispielsweise brachte früher jeder seine eigene Tüte mit. Innerhalb von 20 Jahren ist das Bewusstsein dafür komplett verloren gegangen“, fügt Christina hinzu.

Am Ende des Kurses im Januar 2016 setzte sich umtüten gegen dreißig weitere nachhaltige und soziale Projekte durch und erreichte beim Publikumspreis des Ideenwettbewerbs YooWeeDoo den ersten Platz und somit ein Startkapital von 1 000 Euro. Und auch bei der Juryabstimmung räumten sie gut ab: Hier erhielten sie weitere 2 000 Euro.

Seit März 2016 befindet sich umtüten nun in der Pilotprojekt-Phase: In den nächsten Wochen beginnt die Hamburger Einrichtung für Menschen mit Behinderungen Elbe-Werkstätten mit der Produktion von rund 500 Brot-Tüüts und 500 Snack-Tüüts. Anja und Christina arbeiten momentan mit verschiedenen Kieler Bäckereien zusammen, in denen die Tüten erhältlich sein werden. Derzeit befindet sich das Uniprojekt noch in den Startlöchern – es kommt nun darauf an, wie gut sich das Produkt auf dem Markt etabliert. Bisher hat die Kieler Bäckerei Knuust verbindlich zugesagt. Und eine Anfrage trudelte sogar schon aus dem südlichen Passau ein.

Mit ihrer Arbeit setzen die beiden Studentinnen ein Zeichen gegen das moderne To-Go-Konsumverhalten und die Wegwerfmentalität, und hoffen auf eine gute Zusammenarbeit mit weiteren Bäckereien im Umkreis.

Fenja Wiechel-Kramüller
Über Fenja Wiechel-Kramüller 10 Artikel
Fenja ist 22 Jahre alt und studiert Germanistik und Philosophie in Kiel. Sie schreibt seit November 2015 für den Albrecht.

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