Das schrecklich faszinierende Herpesvirus

Was es verursacht und warum es so schwer wieder loszuwerden ist

Bild: Eileen Linke

Gastartikel von Annika Sturzebecher

Eines Morgens fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Der Abgabetermin der Hausarbeit steht vor der Tür. Das zuvor gepflegte Prokrastinieren hat dazu geführt, dass noch keine einzige Seite geschrieben wurde. Dies sorgt bei vielen Studierenden für erheblichen Stress, der sich beispielsweise durch Schlafstörungen oder Kopfschmerzen bemerkbar macht. Bei einem nicht unerheblichen Anteil sind solch stressige Phasen Auslöser für den ungeliebten Lippenherpes.

Nässende Bläschen breiten sich fast über Nacht auf Lippen und Mundschleimhäute aus. Diverse Cremes und Herpes-Pflaster versprechen eine Milderung der Symptome und dienen dem Verstecken vor den Blicken der Mitmenschen. Doch wer einmal mit dem hartnäckigen Ausschlag zu tun hatte, der muss in jeder neuen Stresssituation mit einem Wiederauftreten rechnen.

Was ist dieser Herpes und weshalb werden wir ihn nicht los?

Herpes-Simplex-Virus 1 (HSV-1). Bei einem Virus handelt es sich um ein Partikel, das beim Eindringen in einen Wirt, beispielsweise dem Menschen, zu einer Infektion führt. Viren unterscheiden sich nicht nur durch ihre deutlich kleinere Größe von Bakterien oder anderen Mikroorganismen, sondern sie sind zudem auf den Stoffwechsel und die Proteinsynthese der Wirtzelle angewiesen, um sich vermehren zu können.

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 3,7 Milliarden Menschen unter 50 Jahren mit dem Herpes-Simplex-Virus 1 infiziert. Das entspricht etwa 48 Prozent der Weltbevölkerung. Da das Virus überwiegend durch Speichel übertragen wird, ist der Kontakt mit dem nässenden Hautausschlag einer betroffenen Person beispielsweise beim Küssen die Hauptursache der Übertragung. Die Bläschen können nicht nur in den Mundschleimhäuten auftreten, sondern auch im Anal- und Genitalbereich. Ursache dieser Herpesformen ist meist das Herpes-Simplex-Virus 2. Im Gegensatz zum HSV-1 werden diese Viren weitestgehend unabhängig von Flüssigkeit verbreitet, sodass es besonders bei Hautkontakt beispielsweise während des Geschlechtsverkehrs zu einer Übertragung kommen kann.

Was geschieht in einer Wirtszelle nach der Infektion? 

Bei den Herpesviren ist die genetische Information als doppelsträngiges, lineares DNA-Genom organisiert, welches von einer Schutzhülle, dem sogenannten Kapsid, umgeben ist. Spezifische Oberflächenproteine in der äußeren Hüllmembran, die wiederum das Kapsid umgibt, dienen dem Virus beim Eindringen in die Wirtszelle.

Im Zellinneren angekommen wird das Kapsid zu dem Kern der Wirtszelle transportiert. Dort angelangt manipuliert das Virus den Kern so, dass nicht mehr das eigene Genom abgelesen, sondern das virale Genom als Vorlage genutzt wird. Der Zellkern veranlasst nun zum einen die Produktion viraler Proteine, welche zu neuen Kapsiden zusammengebaut werden. Zum anderen wird das Genom des Virus durch den Wirt vervielfältigt und anschließend in die fertigen Kapside geschleust. Da die neu gebildeten Viren im Inneren des Zellkerns zusammengebaut werden, vergrößert sich der Kern einer mit Herpesviren infizierten Zelle deutlich.

Die neu hergestellten Kapside verlassen den Zellkern und werden zur äußeren Zellmembran transportiert. Dort drücken die Kapside so stark nach Außen, dass die Zellmembran nachgibt und schließlich zerreißt. Der Teil der Membran, welcher von der Zelle abgerissen wurde, verbleibt auf den Kapsiden und bildet so die äußere Schutzhülle. Die in die äußere Umgebung entlassenen Viren können wiederum neue Zellen infizieren. Da die Membranen durch das Austreten der Viren zerstört werden, sterben die Wirtszellen zwangsläufig ab.

Ein entscheidendes Merkmal der Herpesviren ist ihre lebenslange Latenz. Dieser Begriff beschreibt eine Infektionsform, bei der das Virus im Organismus verbleibt, ohne jemals durch das Immunsystem entfernt zu werden. Während einer latenten Phase befinden sich die schlafenden Viren zwar im Inneren der Wirtszellen, veranlassen jedoch weder die Produktion viraler Proteine noch die Vervielfältigung des Genoms. Da keine ansteckenden Viren gebildet werden, zeigt der Betroffene keine Krankheitsanzeichen, es kommt also beispielsweise zu keinem Ausbruch von Lippenherpes. Es kann allerdings durch einige Reize, wie beispielsweise Sonnenlicht, Nervenreizung, Fieber und Stress zu einer Reaktivierung der Viren und somit zum Wiederauftreten der Krankheitssymptome kommen und neuer Lippenherpes entsteht.

Wie lässt sich eine Herpesinfektion behandeln?

Da sich die Viren während der latenten Phase innerhalb der Zellkerne der Wirtszelle befinden, kann das Immunsystem sie nicht bekämpfen. Es gibt daher auch noch keine Therapie, um die Viren vollständig aus dem Organismus zu entfernen oder sie daran zu hindern aus der Ruhephase in den infektiösen Zyklus zu gelangen. Jedoch können die Symptome durch antivirale Medikamente, beispielsweise Aciclovir (ACV) gelindert werden. ACV verhindert dabei eine Vermehrung der Herpesviren. Ein erneutes Auftreten des Herpes kann jedoch nicht verhindert werden. Langfristig bleibt nichts anderes übrig, als Stresssituationen soweit es geht zu meiden – also am besten früh mit den Aufgaben zu beginnen und auf das Prokrastinieren zu verzichten.

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Hier veröffentlicht DER ALBRECHT seine Gastartikel – eingesandt von Studierenden, Professor*innen und Leser*innen der Zeitung.

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