Das selbstbeherrschte Ich als Ziel

Neue Apps und überwachende Uhren versprechen Selbstoptimierung

Seit April diesen Jahres ist die Apple Watch erhältlich. Beworben wurden vor allem ihre Möglichkeiten, die eigene Ernährung und Fitness zu messen und zu kontrollieren. So zählt die Uhr nicht nur Kalorien und Schritte, sondern misst auch den Herzschlag und wie oft die Träger vom Stuhl aufstehen. Lauter als nützlich angepriesene Apps, die für die Apple Watch verfügbar sind und zum Teil von Apple selbst stammen, ergänzen das Bild. So können die Nutzer sich eigene Ziele setzen und ihren Fortschritt in Tabellen und Grafiken überprüfen. Apple selbst spricht in einem seiner Werbespots von Succeeding – also vom Erfolgreich sein – und dem gesünderen Leben. Die Apple Watch reiht sich jedoch nur in einen Trend ein, der vor allem auf der anderen Seite des Atlantiks seit einiger Zeit für große Begeisterung sorgt. Seit vielen Jahren wird der Markt der Apps, die der Selbstkontrolle und Selbstoptimierung der jeweiligen Nutzer dienen, immer unübersichtlicher.

Anwendungssoftware auf Handy oder Tablet, die zum Beispiel eine Optimierung der Ernährungsweise oder des Arbeitspensums versprechen, helfen die Vermessung des Ichs zu perfektionieren. Sie sagen einem nicht nur regelmäßig, was falsch läuft, sondern auch was zu ändern ist. Das alles dargestellt in Grafiken, die an Aktienkurse erinnern. Für Selbstoptimierungsprofis gibt es dann auch noch Apps, die selbst auferlegte Aufgaben abfragen. Bei Nichterfüllung müssen vorher selbst gewählte Geldbeträge gezahlt werden, bei erfolgreichem Bestehen folgt das virtuelle Lob. Das Smartphone wird somit zum Fitness- und Lebenscoach.

Nicht nur in der IT-Branche gilt dies als nächstes großes Ding und stößt nur selten auf Kritik. Im deutschsprachigen Raum werden die Erfinder dieser Apps vorwiegend für ihren schlechten Datenschutz kritisiert, dabei sollte sich eine Gesellschaft viel eher fragen, was es über sie selbst aussagt und wohin es führt, wenn die Optimierung des Ichs zum Trend wird.

Die Idee, sich selbst mithilfe von Protokollen oder ähnlichem zu optimieren, ist uralt. Schon Goethe notierte mehr als 30 Jahre seinen Tagesablauf, um produktiver zu arbeiten. Trotzdem scheint die Selbstoptimierung an einen neuen Punkt gelangt zu sein, der seinen Ursprung in einer Welt mit Evolutions- und Leistungsgedanken zu haben scheint. So werden nicht mehr nur Dauer und Zahl der Aktivitäten festgehalten, sondern auch körperliche Funktionen gemessen und bewertet. Dazu kommt dann der durch Technik ermöglichte Vergleich mit Anderen, der von nicht wenigen Anwenderinnen und Anwendern genutzt wird.

Auch wenn die meisten Firmen ihre Apps unter Stichpunkten wie einem bewussteren Leben oder der Produktivitätssteigerung verkaufen, scheint in allen Fällen die Selbstkontrolle und Beherrschung des Tagesablaufs bzw. der eigenen Gesundheit im Vordergrund zu stehen. Der Mensch wird als etwas dargestellt, das beherrscht und in Form gepresst werden müsse. Wer sich eine solche App installiert, sollte sich fragen, ob er oder sie sich rein nach seiner erbrachten Leistung bewerten lassen will und ob es das ist, was ein gutes und erfülltes Leben ausmacht. Bisher scheint diese Frage in den Diskussionen um Apps zur Selbstoptimierung nicht aufzutauchen, dabei ist sie unumgänglich.

Vor allem was die Thematik des Versagens angeht, besteht noch viel Diskussionspotenzial. So ist das Scheitern an einer Aufgabe nur menschlich und vielleicht manchmal sogar unumgänglich, wird durch solche Apps allerdings als Fehltritt und als zu beseitigende Eigenschaft dargestellt. Der Mensch wird allein auf die Ergebnisse seiner körperlichen oder auch geistigen Anstrengungen reduziert und eine Gesellschaft, die dies als neuen Trend auffasst, sollte sich fragen, woher dieser Wille kommt. Als Grund für solche Bewegungen scheint Ängstlichkeit durch. Sowohl die Angst des Einzelnen der Gesellschaft oder dem – vielleicht nur virtuellen – Gegenüber nicht zu genügen, allen voran aber sich selbst. Zusätzlich scheint die Gesellschaft aufgrund dessen eine Vorstellung von einem guten und gesunden Leben abzukaufen, die sich rein über Produktivität und körperliche Fitness definiert.

 

Conny Knieling
Über Conny Knieling 5 Artikel
Conny ist 23 Jahre alt und studiert Philosophie und Mathematik. Seit Herbst 2013 schreibt sie für den Albrecht.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*