Denke ich an Festivals, dann denke ich ans Kino

Nie war es einfacher einen Film zu produzieren, ob mit einer Spiegelreflexkamera oder dem Smartphone, selbst Profiequipment ist mittlerweile ‚bezahlbar‘. Wir erfahren eine Demokratisierung des Filmemachens, davon profitieren primär Filmschaffende. Parallel erzeugt dies einen größeren Output sowie ein heterogeneres Feld an Filmproduktionen, welches im besten Fall wiederum zu Synergieeffekten für regionale Filmfestivals und deren Publikum führt. Diesen Aspekt hat das Team vom Filmfest SH offensichtlich ebenso erkannt und proklamiert mit dem Motto „regionaler, konzentrierter, intensiver“ die 22. Veranstaltung vom Filmfest SH.

Dieser Kommentar ist eine Ergänzung zum Nachbericht (Erzähl mir eine Geschichte aus Schleswig-Holstein), welcher aufgrund des begrenzten Raumes in der Printausgabe vom ALBRECHT online erscheint. Wie es im Nachbericht kurz angesprochen wird, hat das Filmfest SH während seines 25-jährigen Bestehens einige strukturelle Veränderungen durchlebt. Die gravierendste ist wohl die Fusion des Vereins Kulturelle Filmförderung Schleswig-Holstein mit der Filmförderung Hamburg im Jahr 2007. Zurück bleiben der im letzten Jahr in Filmkultur Schleswig-Holstein umbenannte Verein sowie das Kieler Büro (Filmwerkstatt) der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Das Filmfest SH ist im Zuge des Zusammenschlusses der beiden Landesfilmförderungen an die Filmwerkstatt übergeben worden, die gegenwärtig aus drei Mitarbeitern*innen und einer FSJlerin besteht. Damit das Festival in seiner Form überhaupt stattfinden kann, bedarf es der Kooperation mit dem Kino in der Pumpe und dem Verein Filmkultur SH.

Obwohl das Programm überzeugte, ein Großteil der Filmemacher*innen vor Ort waren und sich nach ihren Filmen den Fragen von Moderierenden oder Publikum stellten, fehlte es an irgendetwas. Es beginnt beim Ticketsystem, das ausschließlich auf einzelne Filmblöcke und somit kurzweilige Besuche ausgerichtet ist, und endet damit, dass Filme mit einer Laufzeit von über zwanzig Minuten vom Wettbewerb ausgeschlossen waren. Kompensiert wurde der Umstand durch zwei Publikumspreise (für Filme unter zwanzig Minuten und über zwanzig Minuten), die von der Filmkultur SH stammten.

Die Ausrichtung auf regionale Themen und Produktionen ist, in Anbetracht der steigenden Anzahl an Filmproduktionen, eine vielversprechende Idee, die dem Festival helfen könnte, seinen Charakter neu zu definieren und über längere Zeit zu einem Markenzeichen auszubauen. Obwohl das Kino seit jeher ein Ort ist, der uns fremde Welten und unbekannte Orte zeigt. So ist es bezeichnend, dass das Publikum mit Mon Père Le Poisson (Mein Vater der Fisch) eine französisch-deutsche Koproduktion zum besten ‚Langfilm‘ ausgezeichnet hat und damit konträr zum Motto des Festivals den Publikumspreis vergab. Wobei Co-Regisseurin Britta Potthoff an der Muthesius Kunsthochschule studiert hat und damit eine Art Alumni-Status innehat. In solchen Fällen böte es sich an, Filme dieser Art in einer separaten Kategorie zu programmieren, die parallel zum Wettbewerb laufen, wie es in diesem Jahr beispielsweise bei den Webserien geschah. Dadurch ließe sich das Programm thematisch öffnen, ohne mit dem Motto zu brechen, außerdem ist es eine Wertschätzung für Filmschaffende und Festival, aktuelle Filme ehemaliger Nordlichter auf dem Filmfest SH zu zeigen. Es bietet jungen Filmemachern*innen die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und überregionalem Networking. So einfach ein Alumni-Block oder Retrospektive beim Filmfest SH auf dem Papier skizziert ist, wird die Umsetzung vermutlich in erster Linie an den finanziellen und damit einhergehend personellen Mitteln scheitern. Die Festivaldirektion hat höchstwahrscheinlich nicht aus Mangel an Einsendungen sein Programm um beinahe die Hälfte reduziert.

Aus der Perspektive der Filmschaffenden sowie des Publikums befinden wir uns in der glücklichen Situation, aus einem hohen und thematisch heterogenen Angebot an Filmfestivals in Schleswig-Holstein und Hamburg wählen zu können (um nur einige zu nennen: Nordische Filmtage Lübeck (1956), Husumer Filmtage (1986), Flensburger Kurzfilmtage (2000), DbA-Kurzfilmfestival (2007), Fetisch Film Festival (2008) sowie Transgender Filmfestival (Traum-Kino Kiel) und nicht zu vergessen die diversen Werkschauen der Hochschulen und dem Nur 48 Stunden Wettbewerb). Es braucht jedoch Geduld, um einen guten Ruf aufzubauen, darüber hinaus ist es vorteilhaft, sich von anderen Festivals zu unterscheiden. Wie beispielsweise das zum dritten Mal in Kiel stattfindende Internationale Meeresfilmfestival – CineMare. Sie kombinieren ein regional relevantes und präsentes Thema, das gleichzeitig internationale Filmproduktionen nicht ausschließt. Das bietet die Möglichkeit, einen größeren Markt erschließen zu können und sich parallel von den bereits existierenden Festivals abzugrenzen.

Das Filmfest SH profitierte von der Zusammenarbeit mit der Filmkultur SH. Dessen Helfer*innen dem Festival, mittels der Filmkultur Lounge, zu etwas mehr ‚Feierlichkeit‘ verhalfen. Zusätzlich zu einem fb-Livestream konnten sich die Filmemacher*innen in diesem Jahr vor einer Logo-Wand fotografieren lassen. Davon hat das Publikum vor Ort leider nicht allzu viel mitbekommen, ausgenommen sie folgten dem Event über die sozialen Medien. An dieser Stelle kann ein erneuter Bezug zu einem Film des Programms gezogen werden, Philip Goreckis Zwischenwelten (D 2017). In dem das Protagonistenpaar (Achtung Spoiler) im virtuellen Second Life, statt in der Realität zueinanderfindet. Ähnlich mutete die Filmkultur Lounge an; in der Realität befand sie sich nur einen Raum entfernt, doch wie der Protagonist in Zwischenwelten, traute sich ebenso das Publikum nicht den entscheidenden Schritt in der Realität zu gehen. Womit die Filmkultur Lounge fast ausschließlich mit Filmschaffenden besetzt war. Es ist per se nichts Schlimmes und vollkommen legitim, dass die Filmemacher*innen mit der Filmkultur Lounge einen Ort haben, an dem sie sich feiern und vernetzten können. Wenn es niemand anderes für sie macht, übernehmen es die Filmschaffenden im Umkehrschluss selbst. Prekär ist dabei jedoch die Doppelrolle einiger Filmemacher*innen zu bewerten, die abwechselnd als Künstler*in sowie in der Funktion der Organisatoren*innen (in der Filmkultur Lounge) aufgetreten sind. Dieses aus der Not geborene Missgeschick hinterlässt, bei der ansonsten erstaunlichen und leidenschaftlichen Arbeit, einen bitteren Nachgeschmack und wirft die Frage auf, wer feiert hier eigentlich wen und was?

Die Filmkultur Lounge hätte beispielsweise ein Raum für die physische Zusammenkunft von Zuschauer*innen und Filmemacher*innen abseits des Kinosaals sein können, in dem gleichzeitig ein Teil der Zeit bis zum nächsten Filmblock verbracht werden könnte. Damit würden die Filmschaffenden mittels ihrer Werke in Verbindung mit dem Publikum gefeiert werden. Es war schade, zu sehen, dass viele der Besucher*innen nach der Vorstellung das Haus wieder verlassen habe. Glücklicherweise sind zu den jeweiligen Filmblöcken neue erschienen, wodurch eine ständige Fluktuation herrschte und den Saal konstant füllte.

Schlussendlich können sich Veranstalter, Filmteams und das Publikum über jeden Besucher*in freuen, egal ob eine, zwei oder alle Filme geschaut wurden. Denn sie haben das 22. Filmfest SH rückblickend, auch wenn es sich hier teilweise nicht so liest, zu einem schönen Ereignis gemacht und das Filmfest SH als wichtigen Faktor der regionalen Filmszene und Kinokultur bestätigt.

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Marc Asmuß
Über Marc Asmuß 40 Artikel
Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

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