Der Albrecht sah: Evidence – Eine Filmkritik

Der Albrecht hat sich nach langer Zeit mal wieder einen Film angesehen. Es war die Thrill Sneak am 2. Juni und der Film, mit dem Der Albrecht 78 Minuten seines Lebens vergeudete war: Evidence. Wo wollen wir also anfangen? Vielleicht so:

Für die Jungs: In einer Szene sieht man Nippel. In einer anderen einen nackten, propperen Frauenhintern. Für die pubertären Jungs: In einer anderen Szene sieht man einiges Gedärm. Für die Kinder unter den Jungs: Es gibt ein großes haariges Monster, welches, bis auf die Farbe, sehr an Sulley, den großen blauen Wuschelfreund des grünen Knirpses aus der Monster AG erinnert. Und um es dem Zielpublikum angemessenen Chauvinismus nicht fehlen zu lassen: Für die Frauen unter uns, Der Film ist bei weitem nicht so gruselig, schrecklich, blutig, wie es der Streit um die Altersfreigabe kolportiert.

Der Bundesstart von <em>Evidence</em> (Produktionskosten: 12.464 Dollar) wurde gerade um einige Monate verlegt. Hintergrund ist der Versuch, bei der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO) eine FSK 16 rauszupressen.

So toll scheints wohl nicht gewesen zu sein… (Foto: Tim Vüllers)

Was auf den ersten Blick vielversprechend für die Besucher der Thrill-Sneak im Studio Filmtheater klang, denn sie kamen in den Genuss, den Film hierdurch gleich einige Monate vor dem offiziellen Bundesstart zu sehen, ist eigentlich ein Trauerspiel: Sie mussten den Film vor allen anderen sehen.

Von Horror Filmen mag man halten was man will. Wenn aber ein ganzer Kinosaal, vollgestopft mit bewussten Horrorfilm-Gängern, im Zeitverlauf in gemeinschaftliches Gelächter einstimmt, ist das mehr als eine angsterfüllte Massenhysterie.

Im Stile des Blair Witch Projects (Die Kamera wird von den Protagonisten getragen) aufgebaut, ließ Produzent Howie Askins gemeinsam mit Drehbuchautor Ryan McCoy von Anfang an Ideenlosigkeit und den Mangel einer noch so dürftigen Storyline vermissen. Auch Genre-spezifisches Talent suchten die Kinozuschauer an diesem Abend vergebens. Mit gut der Hälfte des Filmablaufes im Tageslicht, war <em>Evidence</em> im Hinblick auf sein Genre schon fast surreal, wodurch selbst die wenigen gelungenen Schocker seltsam fehl am Platze wirkten. Die verpatzten Szenen waren dafür umso mehr am richtigen Ort und die Zuschauer konnten einmal mehr gemeinsam lachen, als Protagonistin Ashley auf der Flucht vor dem Monster/Alien/Kuschwelwusch hysterisch bezüglich eines vermeidlichen Fluchthauses herausschrie: „Oh mein Gott; es ist offen.“

<em>Evidence</em> dreht sich in seinem Ursprung um den angehenden Filmemacher Ryan und dessen drei beste Freunde. Ryan will mit seiner Spiegelreflexkamera einen Dokumentarfilm über seinen besten Freund Brett drehen. Warum dies ausgerechnet in der Wildnis geschieht und das Wohnmobil, welches die vier (menschlichen) Hauptdarsteller hierzu leihen, ausgerechnet einem nicht weiter vertieften Pornofilm-Produzenten gehört, wird ebenso wenig aufgelöst wie das sehr verwirrende Ende. Ausgerechnet jenes ist es, welches dem Film einen Hauch von filmerischer Daseinsberechtigung gibt. Plötzlich gibt es hinter all dem sinnlosen Vorgeplänkel der ersten 60 von 78 Minuten so etwas wie einen Handlungsstrang und soziale Kritik (Es werden illegale Tests an Menschen und Aliens durchgeführt).

Übrig bleibt am Ende leider trotzdem das Gefühl der geistigen Leere, angereichert mit einem großen Fragezeichen. Was haben sich Produzent und Drehbuchautor dabei Gedacht? Handelt es sich um einen extra langen Trailer für den Film, der erst in ein paar Monaten anläuft und dessen eigentliche Handlung erst im Abspann von <em>Evidence</em> angeschnitten wurde? Oder ist <em>Evidence</em> ein teuer produziertes Ego Shooter Computerspiel, für dessen Marketing man eigens einen Horrorfilm gedreht hat?

Evidence wird in ein paar Monaten in den deutschen Kinos anlaufen. Im Studio Filmtheater wird er nach der vernichtenden Publikumsbewertung vermutlich nicht noch einmal gezeigt. Schade ist das nicht.

Auch das Studio Filmtheater befand am Ende der Sneak übrigens, dass der Film „gruselig schlecht war“ und veranstaltet für alle Horror-Fans, die nicht auf ihre Kosten gekommen sind am 16. Juni 2012 um 22.45 Uhr einen neuen Versuch mit einem Film der im englischen Original gezeigt wird.

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Tim war 2012 Teil der Redaktion und Layouter der Print-Ausgabe.

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