Der Gipfelpunkt der Entfremdung

Der Effektive Altruismus will die Welt verändern - und vergisst die Gesellschaft. Ein Kommentar

von Eric Grabis

Quelle: Sean MacEntee/ flickr.com

28. April 2018

Altruistisches Handeln liegt im Trend. Aber was ist das eigentlich, Altruismus? Wikipedia definiert: „Das freiwillige Handeln mit dem Ziel, zum Wohl anderer zu wirken.“ Und wie äußert sich altruistisches Handeln konkret? Diese Frage ist in einer unübersichtlichen und vernetzten Welt umso drängender.

William MacAskill, Philosophiedozent am Trinity College, Oxford, würde in etwa Folgendes antworten: Gehen Sie arbeiten. Verdienen Sie Geld, viel Geld. Spenden Sie so viel wie möglich von diesem Einkommen an eine Organisation, die Moskitonetze an bedürftige Menschen in Afrika verteilt. Das hört sich unkonventionell an und das ist es auch: William MacAskill ist Mitbegründer einer neuen philosophischen Denkrichtung, die sich Effektiver Altruismus nennt.

Der Effektive Altruismus geht von der Grundannahme aus, dass Leid nicht weniger schlimm wird, wenn wir es nicht sehen. Genauer ist damit gemeint, dass es uns in den westlichen Industrienationen in der Regel und im internationalen Vergleich überproportional gut geht, während Menschen in ärmeren Regionen der Welt unter unvorstellbaren Bedingungen leiden. Der Effektive Altruismus hält es nicht nur für moralisch wertvoll, sondern für ethisch geboten, diesen Menschen zu helfen.

Der Effektive Altruismus ist eine utilitaristische Ethik, Ziel ist also das meiste Glück für die meisten Menschen. Er basiert auf drei Grundkonzepten, nach denen altruistisches Handeln ausgerichtet werden soll: Investition von Geld, Zeit und ethischem Konsum.
Die Investition von Geld ist das wichtigste Konzept des Effektiven Altruismus, gemeint ist das gemeinnützige Spenden. Der Effektive Altruismus hat ein differenziertes System aus Analysemethoden und Handlungsvorschlägen entwickelt, nach denen den Menschen geraten wird, wohin sie spenden sollen, damit ihr Geld bei der Verhinderung von Leid maximal wirksam ist (Kosteneffektivität). Investition von Zeit meint die ethische Berufswahl. Ein Kernkonzept des Effektiven Altruismus ist das sogenannte ‚Earning to Give‘: Es sei nach Gesichtspunkten der Kosteneffektivität die altruistischste Entscheidung, eine Karriere im Finanzsektor oder ähnlich lukrativen Branchen einzuschlagen, um einen hohen Betrag zu verdienen und davon wiederum das Maximum zu spenden. Selbsterfüllung durch altruistisches Handeln mit den Mitteln unserer modernen Marktwirtschaft.
Kleinere Stützpfeiler des Effektiven Altruismus sind die Empfehlung zu ethischem Konsum oder Meta-Engagement, um die Ideen zu verbreiten.

Eines ist klar: Effektiver Altruismus ist globalisierter Altruismus. Post-Postmoderner Altruismus. Entfremdeter Altruismus?
Die Ansätze des EA sind umstritten. Stichwort Kosteneffektivität: Wie soll Leid denn gemessen werden? Wollen wir Leid als Währung für globales Unrecht quantifizieren? Die Antworten des Effektiven Altruismus sind schwammig. Wie genau das summierte Leid berechnet wird, ist nicht ganz klar; häufig wird mit verhinderten Todesfällen argumentiert.

Der Effektive Altruismus geht von gewissen Grundannahmen aus, die man kennen sollte; einige von ihnen sind klar, andere weniger offensichtlich. Eine von diesen Annahmen ist folgende: Ich will altruistisch handeln. Das mag evident klingen, ist es aber nicht. Denn der Effektive Altruismus akzeptiert und baut auf einem ökonomischen System, aus dem altruistische Motivation als solche kaum je hervorgeht. Das heißt: Ein Karrieremensch, der nach der Schule seinen Weg bis in die Investmentbank oder Großkanzlei verfolgt, wird kaum Zeit und Motivation haben, sich intensiv mit (Effektivem) Altruismus zu beschäftigen. Von altruistischen Menschen ist dagegen kaum zu erwarten, dass sie eine solche Karriere überhaupt in Betracht ziehen.

Eine andere, explizite Grundannahme ist die der Austauschbarkeit: Menschen seien im heutigen Wirtschaftssystem ersetzbar. Bei der Wahl zwischen einem im herkömmlichen Sinne altruistischen Beruf wie Lehrer oder Arzt und einer Karriere im Finanzsektor sei es besser, in die Wirtschaft zu gehen und viel Geld zu verdienen, um es zu spenden. Denn Berufe wie Lehrer oder Arzt könnten genauso gut von nachrückenden Altruisten erfüllt werden, während in der Finanzbranche kaum altruistische Menschen nachrücken, die ihr Geld spenden. So könnte der Einzelne einen Unterschied – gewissermaßen aus dem System heraus – bewirken. Einmal davon abgesehen, dass diese Idee konsequent zu Ende gedacht Unsinn ist – wenn alle Altruisten in die Wirtschaft gehen, erzieht niemand mehr unsere Schüler*innen zu altruistischen Menschen – stellt sich die Frage, ob eine normative Ethik auf einem solchen, bloß deskriptiven Befund in Resignation aufbauen sollte. Aber vor allem negiert dieses Denken eine andere Prämisse des Effektive Altruismus: Nämlich, dass das Individuum etwas ausrichten, einen Unterschied machen kann. So beißt sich die Katze in den Schwanz.

Eine grundsätzliche Systemkritik fehlt dem Effektiven Altruismus komplett. Er stützt sich auf ein System, das die Schere zwischen Arm und Reich nicht nur akzeptiert, sondern aktiv vergrößert und zieht die Erträge, die er notwendiger Weise braucht, aus dem Unrechtssystem, das er zu bekämpfen versucht. Dabei sind weitreichende Folgen denkbar, die sich auch durch sehr präzise Analysen nicht absehen lassen. Etwa die Potenzierung von Stress und Unglück, die ein Effektiver Altruist in hoher Position bei unterstellten Mitarbeitern hervorrufen kann. Fakt ist, dass der Effektive Altruismus das gesamte Weltglück in den Fokus nimmt, aber auch, dass er unsere heimischen gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Probleme aus den Augen verliert.

Die Idee des Spendens mündet in die Verpflichtung, lebenslang zehn Prozent des Einkommens zu spenden, die Effektive Altruisten eingehen, um sich zu disziplinieren. Dabei besteht nicht nur die Gefahr, langfristig Motivation und Sinn des eigenen Handelns aus den Augen zu verlieren, vielmehr widerspricht dieser Vorschlag auch der übereinstimmenden Auffassung von Altruismus als freiwilliges Geben. Auch wenn man die Verpflichtung anfangs freiwillig eingeht, besteht die Gefahr, dass sich eine Eigendynamik aus der eigenen Erklärung und dem Netzwerk, das sie empfängt, entwickelt. Das führt dazu, dass der Effektive Altruismus zu dem wird, was er so gerne nicht wäre: Dogmatismus.

Zwischenfazit: Effektiver Altruismus ist Burnout-Altruismus. Nicht umsonst werden auf der Website der deutschen Stiftung für Effektiven Altruismus Tipps für den Fall gegeben, dass es einem zu viel wird mit der Uneigennützigkeit. In einem Vortrag (TED Talk vom 20. Mai 2013) des australischen Philosophen Peter Singer, ebenfalls Mitbegründer des Effektiven Altruismus, erzählt dieser von einem jungen Mann, der sich aus Gewissensbissen und nach einer kruden Aufrechnung von Lebensjahren und Geld dazu entschlossen hat, eine Niere zu spenden. Singer ist „embarrassed“ ob diesen Akts der Güte, zu dem er selbst inspiriert hat, denn er selbst habe seine Nieren noch. Er beruhigt sich mit dem Dahersagen einiger Zahlen, die er gespendet habe. Die Szene wirkt skurril und zeigt die Konsequenzen des Versuchs, Güte zu quantifizieren: Sie wird messbar. Und wo etwas messbar gemacht wird und zugleich so tief in kapitalistischer Denkweise verankert ist, kommt es automatisch zu Konkurrenzsituationen. Die Frage drängt sich auf: Worum geht es hier wirklich? Ist das nur das Lebensprojekt einiger in Selbsthass und Sinnlosigkeit versinkender Mitglieder westlicher Konsumgesellschaften auf der Suche nach Selbstwert? Nein, das ist es nicht. Aber das ändert nichts daran, dass Güte weder aufgerechnet werden kann, noch konkurrenzfähig ist.

Singer vollführt zum Ende seiner Argumentation desselben Videos ein Gedankenexperiment. Man stelle sich ein Kind in Lebensgefahr vor, man selbst komme da gerade vorbei und müsse nun die Entscheidung für oder gegen ein Einschreiten treffen. Als Kosten stehen ein Paar gute Schuhe oder dergleichen auf der Rechnung, die bei der Rettung kaputt gehen (Opportunitätskosten). Singer stellt die Frage: Wer hilft? Die Antwort des Publikums ist einstimmig. Singer kontert: Und was ist mit den Kindern in Afrika? Die sterben und verhungern täglich. Und Sie könnten helfen, indem Sie spenden (entsprechend der Opportunitätskosten, die Sie für das andere Kind aufgewendet hätten).
Charmant, oder? In einer Gesellschaft, die so fest von ihrer Rationalität überzeugt ist und so stark auf diesem Wert baut, wäre es vollkommen irrational, Singer nicht zuzustimmen. Die Logik des Experiments zwingt fast zu altruistischem Verhalten. Es steht außer Frage, dass altruistisches Handeln das Potential hat, dem eigenen Leben Sinn und einer Gesellschaft Form zu geben. Aber genau dieses Grundpotential kann der Effektive Altruismus nicht fördern oder bereitstellen, er fordert es mit einer unangebrachten und nicht nachhaltigen Härte. Er stellt keine passable oder annähernd umfassende Philosophie der persönlichen Lebensgestaltung oder des gesellschaftlichen Zusammenlebens dar.

Altruismus, das war das freiwillige Handeln mit dem (intrinsischen) Ziel, zum Wohl anderer zu wirken. Zu altruistischem Handeln kann man nicht zwingen: Das muss von innen kommen. Wir sollten überlegen, ob wir unsere Definition von Altruismus den heutigen Marktbedingungen anpassen und resignieren. Oder ob wir versuchen, unseren Alltag und die Bedingungen, in denen wir lernen und arbeiten, so zu modifizieren, dass altruistisches Handeln besser möglich wird. Der Effektive Altruismus ist ein Vorschlag.
Entscheiden müssen wir.

 

Titelbild: Sean MacEntee / flickr.com

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Über Eric Grabis

Eric Grabis

Eric ist 20 Jahre alt und seit Februar 2018 beim Albrecht. Er studiert Deutsch und Englisch.

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