Der Tod gehört dazu

Vom Berufsalltag eines Menschen, der fast täglich mit dem Töten von Tieren konfrontiert wird

Bild: Yan Krurov // Pexels

Wir sprechen hiermit eine Triggerwarnung aus: Der folgende Beitrag enthält Darstellungen vom Tod eines Tieres. 

Es ist Montag, 05:45 Uhr, als Jan Tobel* (29) in der Morgendämmerung die Tür seiner Wohnung in Berlin-Zehlendorf hinter sich zuzieht und sich mit seinem Border Terrier Piet auf den Weg zu seinem Auto macht. Vor ihm liegen knapp zwei Autostunden Fahrt bis zu seinem ersten Einsatzort des Tages. „Als Nutztierarzt kommst du halt zu den Tieren, die Tiere nicht zu dir“, sagt der dunkelhaarige Tierarzt wenig später, während er sich Kaffee-nippend durch den morgendlichen Verkehr der A 100 im Westen Berlins in Richtung Brandenburg navigiert. 

Tobel, der auf einem Hof im Elbe-Weser-Dreieck aufgewachsen ist und nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung zum Landwirt absolvierte, ist zudem passionierter Jäger. Nach einer Dreiviertelstunde Autofahrt parkt er sein Auto für einen kurzen Spaziergang neben der Landstraße am Rande eines Waldes, in dem er regelmäßig auf die Jagd nach Damm- und Rotwild geht. „Das versuche ich so oft wie möglich, damit Piet genug Bewegung hat“, erklärt Tobel, während er den Hund anleint. 

Töten als Notwendigkeit 

Tagsüber als Arzt Tiere retten und nach Feierabend als Jäger Wildtiere töten – schließt sich das nicht aus? „Nein, denn die Jagd erfüllt eine notwendige gesellschaftliche Aufgabe“, entgegnet Tobel bestimmt. Viele der Wälder hier seien beinahe reine Kiefer-Monokulturen und von der zunehmenden Trockenheit stark bedroht. In diesem Wald habe der Eigentümer daher in der Vergangenheit massiv in die Aufforstung zum Mischwald investiert. „Damit die jungen Bäume nicht gefressen werden und sich entwickeln können, muss der Wildbestand in dieser sensiblen Phase abgesenkt werden“, sagt der Berliner.  

Die Vorbehalte, die der Jägerschaft oftmals entgegengebracht werden, könne er dennoch verstehen. Die Jägerschaft habe lange Zeit viel für ihr schlechtes Image getan. Das Bild vom alten grimmigen Mann mit Dackel und Wand voller Jagdtrophäen sei leider oftmals zutreffend gewesen. Doch die Jägerschaft habe sich in der jüngeren Vergangenheit in dieser Hinsicht massiv gewandelt. Das reine Trophäensammeln sei weitestgehend verpönt, so Tobel, der Fleisch fast ausschließlich von selbst erlegten Tieren konsumiert. Auf dem Weg zurück zum Auto passiert der Tierarzt ein kleines Waldstück, das mit einem engmaschigen, knapp zwei Meter hohen Zaun umrahmt wurde. Ein solcher Zaun sei die Alternative zur scharfen Bejagung, erklärt er. „Es kann aber auch nicht das Ziel sein, das Wild aus dem Wald auszusperren.” 

Zurück im Auto zieht kurze Zeit später die Brandenburger Provinz mit ihren Windkrafträdern und grauen, von Leerstand gezeichneten Orten vorbei, während Tobel über den Tod als Teil seines Berufsalltags spricht: Als Tierarzt sei das Euthanasieren, also Einschläfern, von kranken Tieren aus gesundheitlichen Gründen natürlich nicht leicht, aber gehöre zum Beruf. Was ihn jedoch wahnsinnig ärgere, seien vermeidbare Fälle, die erst dann gemeldet werden würden, wenn es für eine Behandlung schon zu spät sei. „Anstatt die genesene Kuh als Nutztier schlachten und verwerten zu können, muss ich sie dann töten, weil gepennt wurde.” 

Berufsalltag zwischen Leben … 

Es ist 08:30 Uhr als der Tierarzt, wie jeden Montag, auf den Hof einer Agrargenossenschaft mit 650 Milchkühen an der Grenze von Brandenburg und Sachsen-Anhalt vorfährt und seinen dunkelblauen Overall anzieht. Trotz der modernen Landmaschinen, neben denen Tobel sein Auto geparkt hat, deutet die triste Bausubstanz des Betriebes unzweifelhaft auf dessen DDR-Ursprünge hin. 

„Als Rindertierarzt bist du die meiste Zeit auf der Suche nach Eiter”, scherzt Tobel kurze Zeit später, während er sein Skalpell desinfiziert. Vor seinen dunkelgrünen Gummistiefeln liegt eine große Lache der haferschleimartigen Flüssigkeit auf dem Spaltenboden des Stalls. Gerade hat er mit einem gezielten Schnitt „Kuh 129” von einer tennisballgroßen Eiterbeule über dem rechten Ohr befreit – seine erste Patientin des Tages.  

Nachdem Tobel den weiteren Morgen mit der routinemäßigen Untersuchung der „frischabgekalbten” Kühe verbracht hat, geht er um 09:45 zu seinem Auto, um sein mobiles Ultraschallgerät für die TU, die Trächtigkeitsuntersuchung, zu holen. Zurück im Stall verschwindet er von nun an in kurzen Abständen mit der Ultraschallsonde in der rechten Hand bis zur Schulter in verschiedenen Kuh-Hintern und kontrolliert das Ultraschallbild auf dem kleinen Monitor in seiner linken Hand. „Alles in Ordnung….tragend…Ziste links…nicht tragend”; die Befunde, die Tobel in Richtung des Mitarbeiters Dietmar* äußert, der diese in den Listen auf seinem Klemmbrett in den Händen durch den Stall folgt, fallen kurz aus. Beide scheinen zufrieden mit der Trächtigkeitsquote und dem Gesundheitszustand der besamten Kühe zu sein. 

… und Tod. 

Kurze Zeit später gelangen die beiden bei „Kuh 243” an. Sie sei bereits in der vergangenen Woche von seiner Kollegin aufgrund einer Infektion mit einem Kolibakterium untersucht wurden, erklärt der junge Tierarzt. „Ist noch nicht besser geworden?”, fragt Tobel in Richtung Dietmar, während er die Kuh untersucht. „Ne, gibt auch weiterhin nur zwei Liter Milch”, entgegnet Dietmar nach einem kurzen Blick auf seine Listen. „Dann kommt die zum Schlachter, oder?”, fragt Dietmar. „Ja, ich denke schon”, antwortet Tobel wenige Augenblicke später. Mit diesen knappen Worten scheint das Schicksal der Kuh besiegelt. Die beiden gehen zur nächsten Kuh. 

„Die ist schwanger. Seh’ ich an den Augen”, scherzt ein weiterer Mitarbeiter wenig später im Vorbeigehen, während Tobel gerade das Ultraschallbild eines jungen Rindes kontrolliert. Tobel winkt ihn heran und zeigt auf sein Ultraschallgerät. „Hast Recht. Hier, da kannst du den Embryo gut erkennen”, sagt Tobel schmunzelnd, während der Mitarbeiter seine Brille aufsetzt, um auf das schwarz-weiße Ultraschallbild zu blicken. „Das hab’ ich bei Nicole* damals auch an den Augen gesehen”, entgegnet der Mitarbeiter lachend in Richtung Dietmar und verschwindet wieder. 

Es ist 11:35 Uhr, Tobel hat gerade die neugeborenen Kälber des Betriebs untersucht, als ihn eine Mitarbeiterin des Betriebes in den Hof vor den Stall führt, in dem auf einem provisorisch hergerichteten Strohbett eine Kuh auf dem Bauch liegt: Sie könne nicht mehr von allein aufstehen und sei deshalb in den Hof gebracht worden, erklärt die Mitarbeiterin mit starkem Brandenburger Dialekt. Tobel tastet konzentriert das rechte Hinterbein des Tieres ab, während die Mitarbeiterin dieses vorsichtig auf und ab bewegt.  

Wenig später steht Michi*, der eilig hinzugerufene Herdenmanager, mit ernster Miene neben Tobel und hört dessen Befund: „Rechtes Hinterbein komplett kaputt…scheint starke Schmerzen zu haben…tierschutzrelevant“. „Ne, dit hat kein Sinn“, antwortet Michi einsichtig. 

Nun geht alles schnell: Der Tierarzt geht eilig zu seinem Auto und öffnet die Kofferraum-Klappe, der bis dahin selig auf dem Beifahrersitz schlummernde Piet schreckt vom Lärm aus dem Schlaf. Wenige Augenblicke später kniet Tobel mit einer präparierten Spritze in der Hand neben dem Hals der Kuh, den Michi zur Seite dreht. Gezielt sticht der Tierarzt mit einer Kanüle in die Halsvene und setzt die Spritze mit der blauen Flüssigkeit an. Dann drückt er sie nach unten.  

Es dauert nur wenige Sekunden, bis der Hals der Kuh wegsackt. Der Kopf fällt dumpf ins Stroh. Nach einer halben Minute schnippt der Veterinär vorsichtig mit dem Mittelfinger in das Auge des Tieres. „Das wäre der letzte Reflex des Körpers. Wenn der aussetzt, kann man sicher sein, dass die Kuh tot ist“, erklärt er und verschwindet mit den zuvor geholten Utensilien wieder in Richtung Auto. 

Es ist 11:51 Uhr, als Tobel wenige Minuten später zurückkommt. Die Kuh ist aus dem Strohbett im Vorhof verschwunden. Ein Mitarbeiter hat den Kadaver bereits mit dem roten Hof-Radlader abtransportiert. Der Tod gehört hier offensichtlich zum alltäglichen Geschäft – auf beiden Seiten. 

*Name von der Redaktion geändert. 

Autor*in

Arne studiert Poltikwissenschaft und Soziologie an der CAU. Seit 2020 ist er als Redakteur Teil des ALBRECHT und leitet seit 2021 das Ressort Weißraum und betreut als Head of Design die Social-Media-Kanäle.

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Arne studiert Poltikwissenschaft und Soziologie an der CAU. Seit 2020 ist er als Redakteur Teil des ALBRECHT und leitet seit 2021 das Ressort Weißraum und betreut als Head of Design die Social-Media-Kanäle.

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