Die Krise des Kinos: Fällt die Traumfabrik dem technischen Wandel zum Opfer?

Wenn man heutzutage in die Traumfabrik geht, sind viele Kinosäle nur noch schwach ausgelastet, oftmals sogar fast leer. Nicht selten kommt es vor, dass man in einer frühen Abendvorstellung nur noch mit zehn anderen Personen im Raum sitzt. Fakt ist, dass die Zuschauerzahlen gewaltig zurück gegangen sind. Nach einer neuen Studie der Filmförderungsanstalt (FFA) zur aktuellen Entwicklung des Kinomarktes sank die Zahl der Zuschauer in Deutschland von 159 Millionen im Jahr 2002 auf nur noch 126 Millionen im letzten Jahr. Vor allem in der Altersgruppe der 20 bis 29-Jährigen ist in den letzten zehn Jahren die Anzahl der Besucher um ein gutes Drittel auf 26 Prozent im Jahr 2011 zurückgegangen. Auch bei den Jugendlichen bis 19 Jahren gibt es stark rückläufige Entwicklungen. Waren es 2002 noch 30 Prozent, sind es 2011 nur noch 23 Prozent gewesen, die sich eine Filmvorstellung angesehen haben. Gleichzeitig sinkt der Kinobesuch pro Kopf: Insgesamt gehen Menschen heute durchschnittlich nur noch vier Mal im Jahr in einen Filmpalast.

Einige Konsequenzen hatte der Besucherrückgang bereits: Die zunehmende Monopolisierung auf dem Kinomarkt führt zu einem Aussterben der Filmtheater in den Städten. In der Kinolandschaft sind nur noch wenige große Ketten wie Cinemaxx und CineStar übriggeblieben, die aktuelle Hollywoodfilme zeigen. So gibt es häufig nur noch ein Kino pro Stadt, das populäre US-Spielfilmware zeigt. Viele Mainstreamkinos mussten in den vergangenen Jahren schließen, wie 2006 das Capitol-Kinocenter der Kieft-Gruppe in Lübeck.

Ein Großteil des Besucherrückgangs liegt vor allem an der Möglichkeit, sich heute die neuesten Spielfilme bereits vor dem Kinostart auf illegalen Internetseiten wie kinox.to im Netz anschauen zu können. Wieso Geld bezahlen, wenn ich den Film auch um sonst im Internet schauen kann? 16,1 Millionen Menschen besuchten im ersten Halbjahr 2011 nach Untersuchungen der FFA Internetseiten mit illegalen Medieninhalten. Beim Herunterladen und Streaming illegaler Filme oder Serien im Netz bildeten die 18-29 Jährigen dabei die größte Nutzergruppe.

Dazu kommen die in den letzten Jahren rasant gestiegenen Ticketpreise der Kinobetreiber. Der Eintrittspreis ist laut dem neuesten FFA-Bericht von 5,55 Euro im Jahr 2001 auf durchschnittlich 7,39 Euro im Jahr 2011 gestiegen. Hinzu kommen Aufschläge für Überlänge, Loge und Wochenendvorstellungen, sodass sich der Ticketpreis auch für Studenten auf bis zu 10,50 Euro beläuft. Vier bis fünf weitere Euro müssen für einen 3 D-Film bezahlt werden. Der Trend ging in den letzten Jahren zudem gegen das öffentliche Kino. Inzwischen kann jeder sein eigenes Homekino haben: Neueste Fernsehgeräte mit riesigen Bildschirmflächen und gestochen scharfer Bildqualität stehen schon bei vielen Menschen zu Hause im Wohnzimmer.

Mögliche Auswege für die Kinobetreiber stellt die neue 3D-Technik dar, die dem alten Massenmedium neues Leben einhaucht. Dass die neue Filmtechnik die sinkenden Besucherzahlen schon etwas abmildern konnte, zeigt die aktuelle Studie der Filmförderungsanstalt. Danach entfiel jeder fünfte Besuch im Kino auf einen dreidimensionalen Blockbuster. Außerdem konnte die neue räumliche Filmerfahrung in allen Altersgruppen Zuwächse verzeichnen. Jeder zehnte Besucher dieser Darstellungsform ging zudem erst durch 3D wieder ins Kino.

Ein weiterer gesellschaftlicher Trend könnte ebenso für das Kinos sprechen: Public Viewing. Ob bei Fußball-Weltmeisterschaften oder bei Olympia, Menschen wollen nicht allein Fernsehen schauen, sondern in Gesellschaft. Im Bedürfnis nach dem Gemeinschaftsgefühl könnte eine Chance für das Kino liegen. Besondere Events wie Marathon-Programmierungen bei Filmforstsetzungen wie zuletzt bei „Breaking Dawn“ locken Zuschauer verstärkt ins Kino. Kleinere Lichtspielhäuser wie das Filmtheater am Dreiecksplatz in Kiel bieten sonntags eine Tatort-Aufführung an. Doch wirklich verdienen tut das Kino daran nicht, da der Eintritt umsonst ist. So kann der Filmpalast nur über Getränke und Snacks auf Einnahmen hoffen, Imagepflege betreiben und den Besuchern Lust auf das restliche Programm machen.

Daneben versuchen Betreiber großer und kleiner Kinos mit zielgruppenspezifischen Filmabenden dem Zuschauerschwund entgegenzuwirken: Beispielsweise richtet sich die Aktion „Cinelady“ im CineMaxx vorwiegend an Frauen, die mit Prosecco und Häppchen einen neuen Film als Preview gezeigt bekommen können. „Cinemen“ vom Cinestar richtet sich dagegen mit einem Actionfilm-affinen Programm hauptsächlich an Männer.

Kinobetreiber versuchen zudem, atmosphärisch neue Wege zu gehen: In Berlin gibt es bereits das erste Bettenkino sowie Säle, die mit antiken Möbeln und Couches ausgestattet sind und damit eine heimische, gemütliche Atmosphäre erzeugen wollen. Außerdem veranstalten einige Kinos  in Schleswig-Holstein Open Air-Vorstellungen im Sommer.

Dennoch gab es in der Vergangenheit trotz Besucherrückgängen auch gegenläufige Entwicklungen. Diverse Filme konnten in den letzten Jahren Einnahmerekorde und Best-Listen knacken, und das obwohl es dem Kino so schlecht geht. Möglich machen es die seit Jahren stark steigendenden Ticketpreise. Denn der Erfolg von Kinofilmen wird nicht an den absoluten Zuschauerzahlen, sonderm am Einspielergebnis der Filme gemessen. So kann es durchaus sein, dass ein Blockbuster wie „Avatar“, der 2010 „Titanic“ als den erfolgreichsten Film aller Zeiten ablöste, ähnlich viele oder gar weniger Zuschauer als „Titanic“ hatte. Durch die höheren Preise versuchen die Kinobetreiber Umsatzeinbrüche bei den Besucherzahlen zu kompensieren.

Neue Einspielergebnisse in Rekordhöhe belegen, dass das Kino nicht vom Aussterben bedroht ist. Durch die wachsende Anzahl von Medienangeboten und die Etablierung des neuen Massenmediums Internet hat sich das Nutzerverhalten der Medienkonsumenten verändert und das Medium Kino an Zuschauerzahlen eingebüßt. Dennoch stellt der Kinobesuch für viele Menschen immer noch ein soziales Event dar. Denn Fernsehen kann jeder allein zu Hause. Ins Kino geht man aus.

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Über Marcel Kodura 17 Artikel
Marcel Kodura ist seit Oktober 2010 als Redakteur beim Albrecht tätig. Er schreibt vor allem über gesellschaftliche Themen.

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