Die Scharia in Libyen und jetzt wird alles besser?

Ein Kommentar

Euphorisch feiern die Libyer ihre Befreiung von dem Despoten Muammar al-Gadaffi. Der ehemalige Diktator wurde umgebracht, ist tot. Hingerichtet. Exekutiert. 42 Jahre der Tyrannei nehmen damit ein Ende. Auch der Westen hat seinen Teil dazu beigetragen, dass sich die Libyer von ihrem krankhaften Führer befreien konnten. Bedingungslose Unterstützung erfuhren sie in ihrem Kampf für die Freiheit: Durch die Nato, die sozusagen die Luftwaffe der libyschen Rebellen war und durch Waffen, die ein Teil des Westens lieferte.

Dabei wäre es nicht das erste Mal, dass der Westen seine zukünftigen Feinde mit Waffen unterstützt hat. Afghanistan ist das schmerzhafte Paradebeispiel für Fehlentscheidungen in jeglicher Hinsicht: Im Kalten Krieg waren die Taliban auf der Seite der USA und wurden deswegen mit Waffen ausgestattet. Heute dauert der Afghanistankrieg bereits zehn Jahre und hat mindestens 19 000 Tote gefordert. Jeder Fünfte war ein westlicher Soldat, insgesamt mehr als 40 deutsche Soldaten mussten am Hindukusch ihr Leben lassen. Die Taliban sind heute einer der schlimmsten Feinde des Westens und ein Ende des Krieges ist noch lange nicht in Sicht.

Es wäre also durchaus sinnvoll gewesen, zu wissen was genau denn die neue Regierung in Libyen besser machen würde. Wer hat eigentlich die Rebellen unter Kontrolle? Was kommt jetzt? Und wird jetzt wirklich alles besser?

Die Hinrichtung Gadaffis lässt nur mutmaßen, welchen Weg die neue Regierung in Libyen einschlagen könnte: Anstatt dem Diktator einen Prozess zu machen, ihn vor Gericht zustellen und damit, anders als er es tat, an einen Rechtsstaat zu appellieren, wurde der Despot laut Informationen des Spiegels regelrecht exekutiert. Er wurde erschossen, aus nächster Nähe ermordet. Ich kann den Groll, die Wut und den Hass der Menschen verstehen, aber ich unterstütze auch keine Mörder. Für meine Begriffe war die Ermordung Gadaffis Willkür und Selbstjustiz. Frei nach dem Prinzip Gleiches mit Gleichem zu vergellten. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Mit Gadaffis Hinrichtung haben die Rebellen, in meinen Augen, ihren Charme als Freiheitskämpfer eingebüßt.

Aber keine Panik. Jetzt heißt es erstmal „wait and see“. „Es wird die Aufgabe einer neuen Regierung oder einer verfassungsgebenden Versammlung wie in Tunesien sein, eine Verfassung zu erarbeiten“, sagt Prof. Dr. Anja Pistor-Hatam, die Kieler Expertin für Geistes- und Kulturgeschichte des Vorderen Orients. Sie lehrt an der Kieler Universität im Bereich Islamwissenschaft. Weiter sagt sie:  „Die Aufgabe westlicher Nichtregierungsorganisationen ebenso wie der Regierungen besteht darin, in diesem Prozess beratend zur Seite zu stehen, wie dies in Tunesien und Ägypten auch geschieht.“ Unlängst wurde durch die Übergangsregierung in Tripolis bekannt gegeben, dass für den neuen libyschen Staat die Scharia als Grundlage dienen wird. Für die Frauen Libyens könnte das bedeuten, dass sie zukünftig vielleicht sogar noch weniger Rechte haben als unter Gadaffi. Aber auch das ist noch nicht sicher. „Die Scharia ist erst einmal kein kodifiziertes Recht, sondern die ständige Fortentwicklung von Regeln, deren Grundlagen vor allem im Koran und der Sunna, also dem vorbildlichen Leben des Propheten Muhammad, zu finden sind“, sagt Pistor-Hatam. Es bleibt abzuwarten, inwiefern die Scharia in Zukunft das Leben der Menschen in Libyen bestimmen wird. Man kann nur hoffen, dass die Menschen, die für ihre Rechte auf die Straßen gegangen sind, sich ihre hart erkämpften Rechte nicht gleich wieder nehmen lassen.

Wichtig wird sein, dass der Tod Gadaffis aufgeklärt wird. Auch dazu könnte der Westen einen wesentlichen Teil beitragen. „Problematisch ist natürlich, dass es den europäischen Regierungen erneut wesentlich um den Zugang zu den libyschen Ressourcen geht“, sagt Pistor-Hatam. Hoffentlich ändert sich für die mutigen Menschen in Libyen trotzdem etwas. Hoffentlich bekommen sie mehr Rechte und hoffentlich war nicht alles umsonst. Nicht nur den Frauen Libyens, der ganzen Bevölkerung kann man nur wünschen, dass sie eine bessere Zukunft vor sich haben.

Foto: Jens Rosenwald / pixelio.de

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Über Alexa Magsaam 0 Artikel
Alexa war bis 2012 als Chefredakteurin des Albrechts zuständig. In ihren Artikeln befasste sie sich vor allem mit gesellschaftlichen Themen.

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