Die Sternkäppchen und die alten Wölfe

Ein Zukunfts-Märchen über das Gendern

Sternkäppchen im Kampf mit dem alten grauen Wolf. //Bild: Eileen Linke

Redaktionelle Anmerkung: Aus Satiregründen wird in der folgenden Glosse mit dem Genderstern gegendert. Seit 2021 gendert DER ALBRECHT grundsätzlich mit dem Doppelpunkt.

Es war einmal ein Land, in dem sich die Geister schieden. Ein grausamer Krieg der Überzeugungen, in dem zwei rivalisierende Gruppen der Gesellschaft versuchten, möglichst viele Anhänger – wie die Wölfe sagen würden – oder Anhänger*innen – wie die Sternkäppchen sagen würden – hinter sich zu vereinen.  

Gendern wäre eine Verunreinigung, Verunstaltung oder – schlimmer noch – Vergewaltigung der Sprache. Letzteres meinte der alte graue Wolf zum Besten geben zu müssen, der seinerseits einmal die berühmten Worte „Palim Palim“ verlauten ließ. Doch ein Einzelkämpfer war er keinesfalls, Wölfe treten ja bekanntlich im Rudel auf. Diese Wölfe heulen nicht mehr den Mond um die Wette an. Nein, viel aufregender ist es doch, darum zu wetteifern, wer die unerklärlichste, unverständlichste, ungefragteste Meinung zum Thema Gendern abgeben kann. Viele weitere Vertreter seiner Art machten es schon vor. So auch ein alter hellblonder Wolf, dessen Wortwahl zwar nicht so extrem war wie die des alten grauen Wolfes, doch immerhin ließ er sich dazu hinreißen, das Gendern als Verunglimpfung der Sprache zu bezeichnen. Besonders beeindruckt waren die anderen Wölfe aber vom „Hyper, Hyper“ und „Döp-döp-döp dö-dö döp-döp-döp“, was er hinterherheulte, um seiner Meinung besonderen Nachdruck zu verleihen. 

Darüber konnten die Sternkäppchen nur den Kopf schütteln. Für sie war es eindeutig: Wer Worte wählt wie „Palim Palim“, der – und ja, an dieser Stelle wird absichtlich nicht gegendert – sollte sich mit Äußerungen über eine vermeintliche Verunstaltung der Sprache zurückhalten.  

Ach wie gut, dass jede*r weiß, was ein Wolf gern so verspeist! Genau: Sternkäppchen. So trug es sich zu, dass die Wölfe ein großes Festmahl planten. Sie luden unter einem Vorwand alle Bürger des Landes ein. Bei der Vorstellung der unzähligen Leckerbissen, die sie vertilgen wollten, lief ihnen schon das Wasser im Munde zusammen. Doch als der Tag gekommen war, so begab sich kein einziges Sternkäppchen zu dem Festmahl. Warum? Na, weil diese sich eben nicht angesprochen fühlten!  

Lernen wollten die alten Wölfe daraus aber nicht. Lieber heulten sie weiter um die Wette ihre Meinung in die Welt hinaus – egal, ob man sie hören wollte oder nicht. Langsam aber sicher neigte sich die Ära der Wölfe dem Ende zu. Aus alten Wölfen wurden ältere Wölfe und nach und nach gingen sie von dieser Welt und ihr Geheule verstummte. 

Währenddessen gelang es den Sternkäppchen, immer mehr Anhänger*innen zu gewinnen. Die genderneutral sprechende Gesellschaft wuchs immer weiter und inzwischen musste keine*r von ihnen sich mehr übersehen oder ausgeschlossen fühlen. Die Liebe für die Sterne hatte sich unter allen Bürger*innen gefestigt. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann gendern sie noch heute. 

von Helena Koberg

Autor*in

Hier veröffentlicht DER ALBRECHT seine Gastartikel – eingesandt von Studierenden, Professor*innen und Leser*innen der Zeitung.

Über DER ALBRECHT – Gastartikel 21 Artikel
Hier veröffentlicht DER ALBRECHT seine Gastartikel – eingesandt von Studierenden, Professor*innen und Leser*innen der Zeitung.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*