Die Stimme kenn‘ ich doch?

Hinter mehreren Flaschen Rotwein, dichtem Zigarettenqualm, einem Stapel Bücher und loser Zettel genießen David Nathan und Simon Jäger die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Publikums an diesem Abend. Vielen sind ihre Namen wahrscheinlich zunächst kein Begriff, wohl aber die dazugehörigen Stimmen. Denn mit geschlossenen Augen liest nicht David Nathan, sondern Johnny Depp eine Passage aus einem Werk von Oscar Wilde und statt Simon Jäger lacht Matt Damon über kuriose Internetfunde. Es ist das erste Mal, dass die beiden deutschen Synchronsprecher, im Rahmen der Prima Vista Lesung, der Stadt Kiel einen Besuch abstatten. Die gebürtigen Berliner lesen beinahe alles, was die Zuhörer ihnen mitgebracht haben: Kochrezepte, Fußballsprüche, Tagebücher. Dabei wird schnell deutlich, dass sich zwei Meister ihres Faches über die Schulter schauen lassen. Johnny Depp und Matt Damon treten in den Hintergrund, sichtbar werden zwei Talente, die mit dem gesprochenen Wort so meisterhaft jonglieren, wie es nur die wenigsten vermögen. Und das tun sie auf eine Art und Weise, die so sympathisch ist, dass die rund 120 Zuhörer nicht anders können, als fasziniert dazusitzen und ab und zu laut aufzulachen.

„Eine große Spinnerei“

„Für uns ist das ja Spaß“, erklärt David Nathan. „Also ich sehe das nicht irgendwie als Arbeit, da haben wir ja unsere Jobs, sondern das ist sozusagen Privatvergnügen.“ Und später fügt er hinzu: „Es ist eine große Spinnerei, von der wir auch nicht wissen, was es ist und nur sagen können, dass wir froh sind, wenn Leute kommen und sich das angucken.“ Und dass sie mit diesem Projekt Erfolg haben, zeigt die Anzahl der verkauften Tickets. Was vor fünf Jahren ganz klein begonnen hatte, füllt mittlerweile Säle mit bis zu 600 Zuhörern. Was genau sie dann lesen, ist auch eher nebensächlich, wie Nathan erzählt. Eigentlich sei es völlig egal, ob es die Aufschrift auf einem Kaffeebecher oder Romeo und Julia sei, denn „wenn wir gut drauf sind und Spaß haben, kann man alles vorlesen, was den Leuten gefällt.“ Sie selbst nehmen sich dabei meist gar nicht so ernst. Ob, wie an diesem Abend, als Piggeldy und Frederick, Helmut Schmidt oder Arnold Schwarznegger, Simon Jäger und David Nathan schlüpfen bereitwillig und mit viel Feingefühl in die verschiedensten Rollen. Eine Fähigkeit, die sie auszeichnet und ohne die sie ihre Arbeit als Synchronsprecher sicherlich nur halb so gut erledigen könnten. Denn manche Rollen verlangen den beiden einiges ab. So etwa für Simon Jäger die Figur des Joker aus Christopher Nolans „The Dark Knight“ oder damals für David Nathan die Rolle des geistig behinderten Arnie alias Leonardo DiCaprio in dem Film „Gilbert Grape“. Beide sind jedoch inzwischen sehr erfahren, was Nathan treffend zusammenfasst: „Irgendwann hast du in diesem Synchronjob alles mal gemacht, du warst der Massenmörder, du warst der Liebhaber. Es kommt wenig, wo man sagt: Das ist jetzt aber was Neues, was mich herausfordert. Das hat man manchmal mit besonderen Schauspielern.“ Zu diesen zählt David Nathan auch Christian Bale, dem er ebenfalls die Stimme leiht. Mit ihm habe er sogar mal einen Kaffee zusammen getrunken, was allerdings eher selten der Fall ist. Sowohl er als auch Jäger stehen so genannten „MeetandGreets“ eher kritisch gegenüber: „Meistens werden das dann peinliche Gespräche am kalten Buffet.“ Einer ihrer Kollegen habe auf die Aussage eines Schauspielers: „Oh, I like your voice“ mit einem „I like your body“ geantwortet. „Weil er so aufgeregt war“, erklärt Nathan und lacht: „Und damit war dann das Gespräch auch beendet.“

Von Literatur und norddeutschen Süßigkeiten

Zu ihrer Prima Vista Lesung sind die beiden mit dem Wohnmobil angereist und haben es sich nicht nehmen lassen, bei Sonnenschein die Stadt mit dem Fahrrad zu erkunden. Sie sind schon lange befreundet, brauchen „wenige Worte“, um sich zu verstehen, wie Jäger es ausdrückt. Dieses Projekt sei eine gute Möglichkeit, die Freundschaft zu pflegen, was bei ihrer Arbeit meist schwierig ist. Denn außer in der Kantine, würde man sich selten über den Weg laufen. Jeder werde allein aufgenommen. „Wir machen etwas, was jemand von uns hören möchte. Da entwickelt sich kein Spiel“, sagt Jäger. Bei der Lesung sei dies aber anders. Simon Jäger und David Nathan entscheiden selbst, was sie lesen und wie sie es lesen. Dass die Zuhörer nicht ihre Lieblingserstausgabe mitbringen sollten, versteht sich dabei von selbst. „Wir benehmen uns halt wie die wilde Wutz“, lacht Jäger und Nathan stimmt zu. Bücher, die am Ende des Abends Wein- und Brandflecken aufweisen, seien also keine Ausnahme. Im Mittelpunkt der Lesung stehe die Unterhaltung der Zuhörer, doch auch das Ziel, Literatur auf andere Art und Weise unter die Leute zu bringen, verlieren die beiden Synchronsprecher nicht aus den Augen. David Nathan erläutert: „Man kann Texte auch ganz anders behandeln. Und das versuchen wir.“ Dabei seien es nicht nur die Zuhörer, die etwas Neues lernen. Manchmal würden sie dort auch Bücher entdecken, die sie vorher nicht kannten. Ganz zu schweigen von bis dato unbekannten Redewendungen und dialektalen Eigenheiten. „Naschis?, “ fragt Simon Jäger laut ins Mikrofon, als er in einem Text über das fremde Wort stolpert. „Kenn ich nicht.“

„Ich bekomme Schmerzensgeld“

So kreativ und frei, wie bei ihren Lesungen, können die beiden Synchronsprecher aber nicht immer arbeiten. „Der Beruf des Synchronsprechers verändert sich“, so Nathan. Es ginge heutzutage viel mehr um Schnelligkeit und somit auch um Geld. Die Qualität würde darunter deutlich leiden oder wie Simon Jäger es formuliert: „Ich kriege keine Gage, ich bekomme Schmerzensgeld.“ Dennoch lieben beide ihren Beruf. Doch ist der Wandel, der sich innerhalb ihres Berufsfeldes vollzieht, auch ein Grund, weshalb sie die Prima Vista Lesung veranstalten: „Wir können unseren Job und wollen ihn auch gerne mal wieder ausüben“, fasst Simon Jäger zusammen. „Wir bauen unsere eigene Bühne und hoffen, dass es jemandem gefällt.“ Und dass dies der Fall ist, wird nach jenem Abend wohl auch niemand mehr bestreiten wollen.

Das komplette Interview findet ihr hier:

Der Joker und Batman im Interview

Die deutschen Synchronsprecher David Nathan und Simon Jäger waren im Rahmen ihrer Prima Vista Lesung zu Gast im TNG-Shop in Kiel. David Nathan, der unter anderem Johnny Depp seine Stimme leiht, ist schon lange mit seinem Kollegen Simon Jäger, der deutschen Stimme von Matt Damon, befreundet. In einem gemeinsamen Interview erzählten sie uns, wie es ist, sich selbst auf der Leinwand zu hören, mit Christian Bale Kaffee zu trinken und weshalb es wichtig ist, sich hin und wieder über ihren Job als Synchronsprecher aufzuregen.

Was war eure Motivation bei den Prima Vista Lesungen mitzuwirken?

Simon Jäger: Das läuft ja schon sehr lange. Also vor fünf Jahren hatte ich tatsächlich mal die Idee, dass es doch langweilig ist, wenn man immer nur mit konzeptionellen Lesungen kommt und jeder schon weiß, was vorher passiert. Und außerdem ist es ja auch spannender, wenn das Publikum mit einbezogen wird. Und dann haben wir das ausprobiert und es lief gut.

David Nathan: Also es war Simons Idee und jetzt machen wir das. Und es ist auch keine Lesung. Vielleicht ist es auch eine Lesung, vielleicht ist es aber auch etwas völlig anderes. Wir haben das selber noch nicht definiert, aber das muss man ja eigentlich auch gar nicht. Für uns ist das ja Spaß. Also ich sehe das nicht irgendwie als Arbeit, da haben wir ja unsere Jobs, sondern das hier ist sozusagen Privatvergnügen. Das kann man nicht ernst nehmen. Wir freuen uns immer total, wenn es voll ist und Leute kommen.

Welche Texte lest ihr denn am liebsten in euren Prima Vista Lesungen? Witzige, selbst geschriebene?

Nathan: In Berlin haben wir es jetzt manchmal, dass immer dieselben Texte kommen. Da muss man immer ein bisschen aufpassen, weil es dann ja kein Prima Vista mehr ist, da wird’s dann langweilig für uns. Und wie gesagt, unser oberster Anspruch ist, wenn wir oder die Leute keinen Spaß mehr an der ganzen Sache haben, dann hören wir auch damit auf und gehen damit auch keinem mehr auf den Zeiger. Eigentlich ist das völlig egal, ob das die Aufschrift auf dem Kaffeebecher ist oder Romeo und Julia, wenn wir gut drauf sind und Spaß miteinander haben kann man alles vorlesen, was den Leuten gefällt. Schön ist natürlich, dass man viele Sachen zeigen kann. Manchmal geht’s trauriger zur Sache je nachdem, wie wir uns fühlen. Obwohl es im Grunde immer eine lustige Veranstaltung wird. Selbst, wenn wir uns vornehmen, heute mal ernst zu machen, die Leute sollten sich amüsieren.

Nimmt man sich das vor? Heute mal ernst?

Nathan: Naja, wir haben das manchmal, dass wir drei Tage hintereinander irgendwo auftreten, irgendwo hinfahren. Und dann denkt man sich: Ach komm, wollen wir vielleicht nicht mal die Sachen ernst nehmen, so wie sie da kommen. Aber das klappt dann meisten nicht, dann fällt man doch wieder in irgendetwas Komisches.

Jäger: Es ist ja auch schwer, einen sehr lustigen Text ernst vorzutragen. Andersherum klappt es meist besser.

Nathan: Es ist eine große Spinnerei, von der wir auch nicht wissen, was es ist und nur sagen können, dass wir froh sind, wenn Leute kommen und sich das angucken und wir gemeinsam Spaß haben.

Jäger: Motivation ist, glaube ich, Spaß.

Nathan: Und natürlich, man könnte auch großspurig sagen, wäre es schön, Literatur unter die Leute zu bringen – auf andere Art und Weise. Das ist natürlich auch unserer Gedanke, muss ich zugeben. Nehmt das nicht immer alles so ernst, sondern seid spielerisch, lest einfach. Das ist so die Message. Nehmt euch Bücher! Man kann Texte auch ganz normal behandeln. Und das versuchen wir zu tun.

Ist es normalerweise so, dass ihr in größeren Locations auftretet?

Nathan: Wir haben ganz klein angefangen. Das erste Mal war da Oliver Rohrbeck (der hier die Lauscherlounge leitet, unter dessen Label wir das sozusagen machen), der hat ja klein angefangen mit Livehörspielen. Da hat man sich mal hingesetzt und der hat Kollegen zusammengeholt, die was vorlesen und daraus hat sich das entwickelt. Als wir mal nicht wussten, was wir machen sollten, hatte er die Idee: Lass die Leute doch mal mitbringen. Und da waren das am Anfang vielleicht 50, dann waren es 200 und jetzt kann man auch mal vor 600 Leuten lesen.

Ihr seid doch eben mit dem Fahrrad schon hergekommen, dass heißt ihr seid nicht nur professionelle Synchronsprecher, sondern auch –

Nathan:  Gut Befreundet, ja.

Uns interessiert das gerade durch eure Rollen als Batman und Joker. Wie wichtig ist es eigentlich, dass man sich privat auch gut versteht, um einen Dialog gut sprechen zu können?

Nathan: Dazu kann man sagen, dass wir das zwar zusammen gemacht haben, aber nicht in Wirklichkeit, sondern ich war montags da und er dienstags.

Jäger: Und arbeiten kann man tatsächlich…  jetzt werden wir ja doch wieder gehässig! Die Zeit ist nicht mehr da. Es ist völlig egal, ob  man zusammen da steht oder nicht. Wir machen etwas, was irgendjemand gerne von uns hören möchte. Da entwickelt sich kein Spiel.

Nathan: Na doch, schon. Jetzt übertreibt er ein bisschen. Ich weiß aber, was er meint. Es ist schon eine schöne Arbeit, die wir auch wirklich mögen. Es ist aber auch Arbeit. Ich habe daran zwei Tage zu tun gehabt, er wahrscheinlich länger, weil es auch eine schwierigere Rolle war. Aber man trifft sich da nicht mehr, jeder wird für sich aufgenommen und später wird es zusammengemischt. Was natürlich die Gefahr birgt, dass man in Wirklichkeit gar nicht miteinander redet, sondern quasi immer ins Nichts. Und das hört man ja auch, wenn die Leute nicht miteinander reden, sondern nur die Sätze sagen, wie sie da stehen. Also dieser Film, das war eine ganz normale Arbeit, in der wir zufällig, wie schon in vielen anderen Filmen und Serien, miteinander zu tun hatten. Und entweder trifft man sich in der Kantine und isst zusammen oder nicht.

Jäger: Wenn einer von uns beiden die Regie übernimmt und der andere praktisch als Schauspieler agiert, da ist es sehr vorteilhaft, wenn man befreundet ist. Weil man sich einfach besser kennt, weniger Worte braucht.

Nathan: Sagen wir mal, wir haben beide viel zu tun, wir stehen viel im Studio oder lesen Hörbücher. Diese Wochenenden in Kiel oder sonst wo sind für uns immer eine Möglichkeit, Stunden zusammen zu verbringen, Spaß auf der Bühne zu haben und unsere Freundschaft auch zu pflegen. Aber das tun wir nicht bei der Arbeit, überhaupt nicht.

Wo wir gerade schon bei der Arbeit und beim Film sind. Gab es irgendeine Rolle oder Figur, die besonders schwierig zu synchronisieren war? Bei der ihr vielleicht große Probleme hattet?

Jäger: Probleme nicht, eher, was einen besonders reizt, was besonders reizvoll ist. Das ist bei mir ganz klar „Joker“. Aber Probleme gibt es nicht, das ist ein ganz normaler Job. Wir lernen das und dann macht man das.

Nathan: Es gibt natürlich anspruchsvollere Arbeiten. Bei mir ist das auf jeden Fall der Film Gilbert Grape. Das würde man heute gar nicht mehr erkennen, dass ich das bin. Da das ja nun auch fast schon 20 Jahre her ist. Da habe ich den Leonardo DiCaprio gesprochen, den damals noch keiner kannte. Und wir dachten wirklich, das wäre ein Behinderter, das kann man nicht spielen. Das war richtig harte Arbeit, weil ich da wirklich kreischen musste. Das war tagelange Quälerei, so habe ich es in Erinnerung. Und es ist auch ganz gut geworden, wie im Original. Das ist so etwas, wo man sich dran erinnert und irgendwie denkt: „Cool, das hast du irgendwann mal gemacht.“ Aber irgendwann hast du in diesem Synchronjob alles Mal gemacht. Du warst der Massenmörder, du warst der Liebhaber. Es kommt wenig, wo man sagt: das ist jetzt aber was Neues, was mich herausfordert. Das hat man manchmal mit besonderen Schauspielern, aber auch nicht immer. Die Filme sind dann doch nicht so neuartig, alles ist irgendwie schon einmal da gewesen.
Gibt es auch Figuren, die ihr gerne gesprochen hättet? Wo ihr sagen würdet: „Die Rolle fand ich gut, den hätte ich auch gern gesprochen?“

Nathan: Ja, klar. Ich sehe was und denke: „Oh, hätte ich auch gerne gemacht.“ Steven McQueen zum Beispiel. Das kommt schon altersmäßig nicht hin, aber solche Typen hätte ich schon gerne schon mal gesprochen. Oder Robert De Niro – wenn ich in dem Alter wäre.

Jäger: Das sind Typen. Mir fehlen generell in der Fernsehlandschaft Gesichter. Das sind alles glattgebügelte Kerle. Da haben wir Glück mit unserem Jahrgang. Aber sonst sind die alle sehr stereotyp dargestellt. Da gibt’s auch nicht wirklich viel, was man an schauspielerischem Fähigkeiten mitbringen muss, um die Jungs zu synchronisieren, weil sie alle sehr gradlinig sind. Die Effekte sind viel wichtiger als das Spiel. Wenn ich mir Star Wars, diese neuen Dinger anschaue, die alle vorm „Green Screen“ gedreht wurden, da haben die ja nicht mal mehr miteinander agiert. So ein totgespieltes Ding.

Nathan: Aber ansonsten muss ich sagen, bin ich dankbar, dass ich in dieser Generation bin, wo ich Johnny Depp und Christian Bale sprechen kann. Denn das sind Typen, bei denen man wenigstens nicht weiß: Was ist dieses Mal? Die verändert sich eben und sind geile Schauspieler. Da habe ich – haben wir – richtig Glück mit unseren Jungs.

Jäger: Meine sterben ja.

Nathan: (lacht) Das liegt bestimmt an dir.

Wie war das eigentlich für dich, Simon, als Heath Ledger gestorben ist? Welche Bedeutung hatte sein Tod für dich?

Jäger: Es ist ja nicht so, dass ich persönlichen Kontakt zu ihm hatte oder wir telefoniert hätten. In erster Linie stirbt jemand, den ich aus dem Fernsehen oder von der Leinwand kenne. Und dann kommt natürlich irgendwann – da fühl ich mich ihm etwas verbundener, dadurch dass ich so viel diese Karriere mitverfolgt habe und so lange und intensiv mit ihm oder mit diesem Bild, das er verkörpert hat, probiert habe, zu arbeiten – dass mir sein Spiel immer sehr entsprochen hat. Dadurch vermute ich natürlich schon, dass, wenn wir uns mal näher kennengelernt hätten, es sich bestimmt auch gut entwickelt hätte oder wir ein Gespräch hätten führen können. Aber ich kenne ihn ja nicht. An den Job habe ich gar nicht gedacht. Da ist halt ein Typ gegangen, den ich sehr toll fand, von dem ich gerne mehr gesehen hätte. Aber mehr ist es dann eigentlich auch nicht. Klar, so ein bisschen emotional bin ich damit verbunden, aber nicht so, dass es etwas Besonderes ist.

Du hast gerade gesagt, du hättest Heath Ledger nie kennengelernt?

Jäger: Ja, ich bin ihm mal begegnet – auf Premierenfeiern. Da arbeiten wir, das ist scheiße, wenn man sich da über den Weg läuft. Was soll man sich da sagen? Also da sitzen wir, schauen auf die Menschenmassen  – was machen wir da eigentlich? Und sicher, wenn man privat mal einen Kaffee trinkt, das ist eine Sache, aber dieses „MeetandGreet“ oder was denn da irgendwie künstlich erzeugt wird, was soll man sich denn da sagen?

Nathan: Ich selbst hatte das bis jetzt ein Mal. Ich hatte das bis jetzt immer vermieden und verabscheut. Es gibt natürlich Kollegen, die rennen dann da hin. Ich kann das auch verstehen, auf eine Art und Weise, aber meistens werden das peinliche Gespräche am kalten Buffet: „Oh, I like your voice.“ Einer unserer Kollegen hat mal zurückgesagt, weil er so aufgeregt war: „I like your body“. Und damit war dann das Gespräch auch beendet. Das braucht man ja eigentlich nicht. Für die sind wir, im besten Fall, ein notwendiges Übel, aber nichts, womit die zu tun haben wollen. Außer mit Christian Bale hatte ich das mal bei der letzten Berlinale, weil er da einen Film hatte und ich auch. Da haben wir uns kurz eine halbe Stunde getroffen, einen Kaffee zusammen getrunken und wirklich ein relativ privates Gespräch geführt. Und das war auch okay, da ist man auf Augenhöhe. Aber wenn du da als die deutsche Stimme von jemandem auftauchst und nicht mehr, dann sind die oft auch kühl. Die sitzen im Kino, sehen sich, hören sich selbst mit einer völlig fremden Stimme – die können das nur scheiße finden. Wenn man sich bei der Arbeit begegnen würde und sich austauschen könnte, wäre das etwas anderes. Aber so muss das eigentlich nicht sein. Ich kann darauf sehr gut verzichten. Ich find‘s nur ärgerlich, wenn ich irgendeinen großen Film synchronisiere. Denn meine Frau liebt Johnny Depp, schon vor zwanzig Jahren fand die den total geil – zufälligerweise, das hat jetzt nichts damit zu tun, dass wir verheiratet sind. Aber das ärgert mich, wenn ich zur Premierenfeier gehe und nicht sagen kann: „Komm, wir schütteln kurz die Hand, du kannst ihm in die Augen sehen, du kannst ihn einmal anfassen.“ Aber er ist die ganze Zeit umgeben von 20 Bodyguards, guckt genervt, will auch keinen sehen. Es wird mir nicht ermöglicht, als immerhin deutscher Sprecher, zu sagen: „Ey, kannst du mal kurz meiner Frau die Hand geben? Dann kannst du ja weitergehen.“ Da wird man abgeblockt. Und das finde ich ein bisschen nervig. Aber das ist auch alles.

Werdet ihr eigentlich oft im Alltag anhand eurer Stimmen erkannt?

Nathan: Also mir passiert das sehr selten. Ich bin ja auch Berliner und dann glauben die Leute das eh nicht, wenn man denen erzählt, was man beruflich macht. „Mhm, alles klar, einen S-Fehler und Akzent, das kann ja gar nicht sein.“ Ist mir eigentlich auch ganz recht. Das erkennen sowieso nur Leute, die eine Affinität dazu haben, viel ins Kino gehen oder so. Also beim Popcornkaufen ist mir das schon ein paar Mal passiert. Da wird man komischerweise erkannt. Aber es hat sich noch nie ein Taxifahrer umgedreht, wie bei unserem Kollegen Christian Brückner, der Robert De Niro spricht. Der hat so eine markante Stimme. Aber bei mir ist das eigentlich nie so. Ist wahrscheinlich auch ganz gut.

Jäger: Und wenn es passiert, irritiert es mich doch sehr. Da kann ich gar nicht mit umgehen.

Wie ist das für euch, wenn ihr eure Stimme auf der Leinwand „seht“? Schaut ihr euch eure Filme überhaupt an?

Nathan: Also als ich 18 war oder 20, bin ich voller Freude ins Kino gegangen, hab ganz alleine in der Mitte gesessen mit irgendwelchen Leuten und mich gefreut, dass ich das bin, der da zu hören ist und niemand weiß es. Natürlich macht das stolz. Aber irgendwann ist es wie in jedem Job.

Jäger: Das ist wie die A2, irgendwann kennt man sie.

Nathan: Man hört auch seine Fehler und alles, was man nicht mag – das hört man natürlich verstärkt, das andere weniger. Deswegen gehe ich eigentlich nie in Filme, wo ich selber mit zu tun hatte. Oder nur, wenn es Batman ist. Das macht mir immer noch Freude, dass ich daran teil hatte. Aber ich renne nicht mehr wegen jedem Film ins Kino. Man hat sich an seine eigene Stimme gewöhnt. Irgendwie ist es ja auch komisch.

Jäger: Wenn der Fernseher läuft und ich in der Küche stehe und mich höre, denke ich: „Mach aus!“

Nathan: Das geht aber jedem so. Geht euch ja auch so, wenn ihr euch hört.

Jäger: Oder, wenn ihr lest, was ihr vor zwei Jahren geschrieben habt. Das ist ja auch: „Oh Gott, was hab‘ ich denn da gemacht?“

Nathan: Wir haben vor 20 Jahren zusammen eine Zeichentrickserie synchronisiert, eine japanische Animeserie.

Ich: Welche war das?

Nathan: Robin Hood. Ich war Robin Hood und er war Will. Ich könnte mich bepissen, wenn ich das höre. Wir sind so kleine Jungs, die ganz sauber sprechen.

Jäger: (lacht) Wir haben nicht sauber gesprochen.

Nathan: Ja, ich konnte gar nicht sauber sprechen. Da war ich noch viel zu blöd für.

Jäger: Da fällt mir ein, wie wir das aufgenommen haben. Abends teilweise, so um 20 Uhr angefangen und um 22:30 Uhr durfte ich gehen und du musstest noch weitermachen.

Nathan: So wurde unsere Freundschaft begründet. Dann hatten wir viele Jahre Pause und dann haben wir uns wiedergetroffen.

Jäger: Und dann haben wir da einfach weitergemacht.

Wie sieht eigentlich bei euch die Vorbereitung auf eine Rolle aus?

Nathan: Man schaut sich den Film an. Das ist alles, was du an Vorbereitung hast. Und wenn man das schafft, sich den Film anzugucken, kann man schon froh sein. Manchmal geben sie den Film gar nicht raus oder es gibt noch gar kein Bild. Also bei Batman zum Beispiel haben wir, würde ich sagen, 60 Prozent Bild und 40 Prozent gar kein Bild. Aus dem einfachen Grund, dass du, wenn ein besonderer Special Effect im Hintergrund ist, das ja mit deinem Handy abfilmen und ins Internet stellen könntest – was wohl schon auch passiert ist. Da geht es ja um unfassbare Summen. Nicht, dass wir davon irgendetwas abbekommen würden – nicht im Mindesten – aber wenn du es filmst, vorher ins Netz stellst, haben die das Gefühl, es gehen ihnen 30 Millionen durch die Lappen. Und deswegen sind die da eisenhart, da gibt’s dann kein Bild. Das ist dann wie Hörspielsynchronisieren. Wenn du dann den Film in Gänze sehen darfst, irgendwo im geheimen Kämmerlein, darfst du schon froh sein. Dann weißt du nämlich, was passiert. Kann auch sein, dass du das nicht weißt und alle raten: „Hm, was könnte da…?“

Jäger: Schleppt der jetzt einen Kasten Bier oder zieht der einen Elefanten?

Nathan: Bei „Matrix 3“ war kein Bild, da hast du nur den Mund gesehen. Und ich hab mich immer gefragt: „Was ist denn da?“ und der Regisseur meinte: „Ich glaube, die fliehen vor irgendetwas.“

Jäger: Da könntest du wirklich denken, die hauen sich gerade auf die Fresse. In Wirklichkeit sitzen sie auf dem Klo.

Nathan: So werden uns die Bedingungen immer mehr erschwert, dass man gar nicht mehr richtig synchronisieren kann. Denn dazu gehört, dass man ins Gesicht schaut und da wirklich ist. Dass man versucht nachzuempfinden. Dann kommst du dem nahe. Dann kann auch das, was er macht, transportiert werden. Wenn du es nicht mehr siehst, ist es immer eine Lüge – komischerweise.

Jäger: Es ist auch eine ästhetische Frage, glaube ich. Oh Gott, wir werden philosophisch. Ich hör auf!

Nathan: Wir wollten auch gar nicht meckern, aber ihr hört schon, unser Beruf verändert sich und wird uns erschwert. Deswegen werbe ich immer dafür, dass man Synchron gut findet. Ich weiß, dass die meisten jungen Leute das ablehnen und verstehe das auch. Ich bin aber so aufgewachsen, ich liebe das. Es ist immer eine Verfälschung, aber es ist übertragbar, auch gut übertragbar. Und es wird uns immer schwerer gemacht. Wenn man sich die Serien im Fernsehen ansieht, da ist ja kein wahres Wort mehr dabei, das ist ja nur noch so dahingesagt. Und die Leute regen sich darüber nicht auf oder, wenn sie sich darüber aufregen – zu Recht – dann bei uns, aber wir können eigentlich gar nichts dafür. Wir müssen in einem Tempo arbeiten…

Jäger: Früher haben sie den Film adaptiert. Das heißt, sie haben sich den Film angeschaut und gesagt: „Wie kann man den Film auf Deutsch umsetzen, dass alle Leute es verstehen?“ Und wenn man den Unterschied hört, sagst du auch: Die klingen ja ganz anders. Ja natürlich klingen die anders, aber es passt wunderbar, Bild auf Bild, alles super. Und heute sagen sie: Hör dir doch mal den Laut im Original an, der macht „Huäh“, nicht „Äuah“.

Nathan: Obwohl das eigentlich völlig egal ist. Die Soundmenschen haben gewonnen gegenüber den künstlerischen. Und die entscheiden, wie es zu klingen hat.

Jäger: Jetzt haben wir‘s schon wieder gesagt.

Nathan: Wir kommen nicht drum herum. Aber man muss sich auch darüber aufregen, das ist unser Leben.

Jäger: Es betrifft alles. Es ist ein kreativer, künstlerischer Beruf und Prozess und wenn es nur noch in einem rein technischen Prozess passiert, wo nur noch die Schnelligkeit der Computer zählt.

Nathan: Dann ist es auch egal, ob wir das machen oder irgendjemand anderes. Und dann sind wir an dem Punkt, wo man sagt: Wir können gar nicht mehr so eine Qualität abliefern, wie wir könnten und die wollen auch gar nicht mehr so eine Qualität. Sondern die wollen, dass es irgendwie deutsch ist.

Jäger: Schnell deutsch, damit sie schnell das Ding ins Kino bringen können, damit sie möglichst viel Umsatz haben.

Nathan: Aber vielleicht kriegen wir das Ruder ja irgendwann noch einmal rumgerissen.

Geld, Geld, Geld.

Nathan: Geld, Geld, Geld – wie überall. Und bei uns wirkt sich das eben so aus, dass die Qualität extrem leidet, meiner Meinung nach.

Jäger: Meiner Meinung nach auch. Ich kriege keine Gage, ich bekomme Schmerzensgeld.

Nathan: Es gibt natürlich Highlights und, wie gesagt, ich bin froh, wenn ich bei guten Filmen dabei bin.

Jäger: Ich will auch nicht sagen, dass alles scheiße ist. Es ist sehr kompliziert und unseren Job lieben wir, da sind wir uns einig.

Nathan: Aber hier [bei den Prima Vista Lesungen] kann man sich ausleben zum Beispiel.

Jäger: Da hast du auch unsere Motivation, warum wir so einen Quatsch machen. Wir können unseren Job und wir wollen den auch gerne mal wieder ausüben. Da, wo wir ihn gelernt haben, können wir es nicht mehr. Und so viele andere Bereiche gibt es nicht, wo das überhaupt noch erforderlich ist. Also bauen wir uns unsere eigene Bühne und hoffen, dass es jemandem gefällt. Und solange wir alle Spaß damit haben, machen wir weiter und wenn wir feststellen, wir langweilen die Leute nur noch, machen wir was anderes.

Nathan: Das wird sich auch immer weiter verändern. Das ist jetzt nicht dieses Konzept, was immer da sein wird – Prima Vista – vielleicht kommen wir auch mal hierher und sagen: „Heute ist aber nicht Prima Vista, heute gibt’s ein Thema oder lesen ein ganz bestimmtes Buch vor.“

Jäger: In Berlin haben wir im letzten Jahr was aufgeführt mit Musik.

Nathan: Und das hat auch gut funktioniert. Man kann sich in jede Richtung entwickeln, was das angeht.

Jäger: Man braucht ein Publikum natürlich. Wir können das auch zuhause für uns machen, das macht genauso viel Spaß. Aber es ist motivierender und schöner, wenn jemand da ist, dem es gefällt und sich unterhalten fühlt und man es nicht für die leere Luft macht. Aber es ist kein kommerzieller oder finanzieller Gedanke, der dahinter steht.

Nathan: Gottseidank! Wir können uns das sozusagen als Hobby geben. Das ist total schön. Und wir haben Schwein eigentlich.

Jäger: Ja, haben wir ein Schwein!

Dieses Interview führten Kyra Vüllings und Cihan Köse.

Autor*in
Kyra Vüllings
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Kyra Vüllings, Studentin der CAU, war seit 2012 aktives Mitglied der Albrecht-Redaktion. Von Juli 2014 bis Juni 2015 übernahm sie die Leitung für das Ressort "Gesellschaft".

1 Kommentar

  1. Ein tolles Interview! Etwas derartiges mit den Beiden habe ich noch nirgendwo finden können. Umso schöner das alle Beteiligten sich die Zeit genommen haben.
    Die Prima Vista Lesungen sind eine großartige Sache! Als Hobbyschreiber ist es eine besondere Ehre und ein einmaliges Erlebnis, wenn solche Stimmprofis einem den eigenen Text vorlesen.

    Ich hatte dieses Glück und zehre noch nach über einem Jahr davon.
    Ich hoffe sehr, das die Synchronbranche wieder zu ihren alten Verfahren und Werten zurückkehrt.
    Denn es wäre wirklich schade, wenn wunderbare Sprecher und Sprecherinnen die Lust an ihrem Job und die Möglichkeit verlieren, Qualität abzuliefern.
    Denn noch zählt Deutschland, meiner Meinung nach zu einem der Länder mit den besten Synchron- und Hörbuchsprechern.

    Ich wünsche den beiden noch lange Freude und Erfolg an und mit ihrer Arbeit und das die Prima Vista Lesungen noch lange stattfinden.

    Und nocheinmal an das Albrecht Team: Danke für dieses Interview! 🙂

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