Die vermeintliche Erholung, die zur Tortur wurde

Über Kinderverschickungen und warum meine Oma bis heute keinen Sellerie essen kann

Bild: Marlieb Linde

Vor ungefähr 65 Jahren war meine Oma Marlieb zweimal im Kinderheim Lenster Hof. Damals war sie neun und elf Jahre alt. Sie war sehr dünn und sollte in dem Heim in den Sommerferien über mehrere Wochen Erholung finden und zunehmen. Kinderverschickung wurde das damals genannt. Allerdings klingt das, was meine Oma mir erzählt, nach alles anderem als Erholung. Doch was genau ist diese Kinderverschickung überhaupt? 

Triggerwarnung: Dieser Beitrag beinhaltet Beispiele von (sexualisierter) Gewalt gegen Kinder. 

Die Doku, mit der alles begann 

Es ist ein grauer November-Tag und ich habe ganz Netflix durchgeschaut. Was jetzt? Zum Rausgehen ist es zu kalt und auf alles andere habe ich auch irgendwie keine Lust. Ohne ein wirkliches Ziel öffne ich YouTube und weil mein Algorithmus mich sehr gut kennt, wird mir sofort eine Doku vorgeschlagen. Wurden deine Eltern verschickt? Missbrauch in den Ferien heißt der Film vom Y-Kollektiv. Darüber verwirrt, wie und wohin Menschen verschickt werden sollen und was meine Eltern damit zu tun haben, klicke ich auf das Video. Da war mir noch nicht bewusst, dass mich das Thema so schnell nicht mehr loslassen würde. 

Es geht um Kinderverschickungen, die von den 1950er bis in die 1980er Jahre üblich waren. Kinder, die meist aus ärmeren Familien kamen und/oder krank waren, wurden in Kinderheime geschickt, um dort ihre Ferien zu verbringen und sich zu erholen. Das waren keine Kinderheime im klassischen Sinne von Waisenhäusern, sondern eher Einrichtungen, die einer heutigen Jugendherberge am nähesten kommen. Da sich viele Familien keine Kur leisten konnten, war das die günstigere Alternative. 

Was nach einer guten Möglichkeit für die Kinder klingt, hatte aber auch Schattenseiten: Damals durfte nicht darüber gesprochen werden, was während dieser Freizeiten wirklich passiert ist. Die Doku berichtet, wie nach und nach immer mehr Fälle von Kindesmissbrauch in diesen Verschickungen ans Tageslicht kommen. In Erfahrungsberichten erzählen ehemalige Betroffene von Schlägen über Vergewaltigungen bis hin zu wochenlanger Isolation im Zimmer. Die Doku macht mich traurig und fassungslos. Gleichzeitig drängt sich mir der Gedanke auf, ob es in meiner Familie jemanden gibt, der so eine Kinderverschickung erlebt hat. 

Die Geschichte meiner Oma 

Bild: Marlieb Linde

Und tatsächlich: Meine Oma wurde als Kind in den 1950er-Jahren zweimal verschickt. Ich bin froh, als sie sich bereit erklärt, mir von ihren Erlebnissen zu erzählen. Noch erleichterter bin ich, als klar wird, dass sie keine körperliche Gewalt oder Schlimmeres überstehen musste. Trotzdem schockiert mich, was sie mir über ihre Zeit am Lenster Hof erzählt. 

Der Lenster Hof liegt in Grömitz an der Ostsee, es sind nur einige Minuten zu Fuß vom Heim bis zum Meer. Das Haus, in dem Marlieb damals war, gibt es heute immer noch. Es heißt jetzt Freizeithaus Lenste und kann für Schulklassen gemietet werden. Ostseefreizeit Grömitz nennt sich das Ganze. In der Nähe gibt es einen Zoo, einen Golfclub und viel Natur. So idyllisch, wie das Ferienörtchen heute wirkt, war es damals aber bei Weitem nicht. 

Ferienfreizeit oder Gefängnis? 

Wie eine erholsame Freizeit hat sich das damals für kein Kind angefühlt. Aus den Erzählungen meiner Oma und der Doku weiß ich von Schlägen, Haare-Ziehen und Vernachlässigung. „Wir durften von zu Hause keine Schlafanzüge mitnehmen, das haben wir alles da gestellt bekommen. Wie im Gefängnis. Ein oder zwei durfte jedes Kind haben“, berichtet Marlieb mir. An Spiele oder andere kindgerechte Aktivitäten kann meine Oma sich nicht erinnern. „Wenn einer weinte und Heimweh hatte, sind wir nicht in den Arm genommen worden – das ging überhaupt nicht“, erklärt sie. 

Der Alltag in der Verschickung 

Die Kinder mussten früh aufstehen, später einen Mittagsschlaf machen und um 20 Uhr war Nachtruhe. Da musste das Licht aus sein, es durfte nicht mehr gelesen oder gesprochen werden. Andere Zimmer als das eigene Sechsbettzimmer durften nach der Nachtruhe nicht betreten werden, es gab allerdings gemeinsame Toiletten auf dem Flur. „Das haben auch viele genutzt, um sich kurz zu treffen, aber das ging nicht lange. Wir standen immer unter Beobachtung“, erzählt mir meine Oma. Bis jetzt klingt das alles nach einer relativ normalen Kinderfreizeit mit der Strenge, die damals gang und gäbe war. Doch dann fängt meine Oma an, mir vom Essen zu erzählen. 

Die Geschichte mit dem Sellerie 

„Wir mussten das essen, was auf den Tisch kam und wir durften uns auch nicht selber auffüllen. Das mussten wir auch aufessen – egal, was es war“, berichtet Oma mir und so wie sie das erzählt, klingt das übergriffig. Es darf dabei aber auch nicht vergessen werden, dass es sich hier um die Nachkriegszeit handelt, in der das Essen knapp war und mit dem gearbeitet werden musste, was vorrätig war. Einmal gab es eine Scheibe Sellerie zum Mittag. Marlieb hasste Sellerie und konnte ihn einfach nicht aufessen. Zu ihrer Überraschung wurde sie nicht bestraft und durfte nach dem Mittag mit den anderen Kindern zum Mittagsschlaf gehen. Doch sie wurde natürlich nicht verschont. Eine Betreuerin kam zu ihr ans Bett, schnitt ihr den Sellerie in Stückchen und blaffte sie an: „Das wird aufgegessen!“ Schließlich habe das Gemüse viele Vitamine und Marlieb solle immerhin zunehmen und gesund werden. „Ich merk es noch im Mund. Mir lief das Wasser zusammen, aber bestimmt nicht, weil es lecker war“, erzählt meine Oma. Nach dem dritten Stück merkte Marlieb, dass sie sich bald übergeben musste und bettelte darum, aufs Klo gehen zu dürfen. Natürlich durfte sie nicht. Schließlich ging es nicht anders und das hilflose Mädchen übergab sich. „Der Betreuerin ist alles ins Gesicht gekommen. Und da hat sie mir eine geklebt“, erzählt Marlieb weiter und ich höre in ihrer Stimme, dass sie diesen Moment gerade noch einmal durchlebt. Nach der Ohrfeige habe sie geweint und wollte nach Hause, durfte aber auch das nicht. Ungefähr sechs Wochen später, als Marlieb endlich zu Hause war, sagte sie zu ihrer Mutter: „Ich fahr nie, nie, nie wieder in ein Kinderheim!“ Zwei Jahre später war sie trotzdem erneut im Lenster Hof, denn ihre Mutter hatte Zwillinge bekommen und wenig Zeit für ihre anderen Kinder. Es ist wohl kein Zufall, dass meine Oma, meine Mutter und ich bis heute keinen Sellerie essen können. 

Bild: Marlieb Linde

Was die Vergangenheit uns beibringen kann 

Es klingt zwar ein bisschen makaber, aber: Meine Oma ist mit dem, was sie erlebt hat, noch glimpflich davongekommen. Andere Menschen, die früher auf einer Kinderverschickung waren, sind bis heute traumatisiert und können das Erlebte nicht richtig verarbeiten. 

Ich bin mehr als froh, dass so ein Umgang mit Kindern heutzutage nicht mehr der Regelfall ist. Umso wichtiger finde ich es, Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen, damit uns klar wird, dass nicht alle Menschen so ein Glück hatten, wie die meisten von uns es haben. Ich werde meine eigenen Klassenfahrten von damals jetzt in einem sehr viel positiveren Licht sehen – zum Glück gab es da auch nie Sellerie. 

Autor*in

Mira ist 20 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Februar 2021 das Ressort Hochschule.

Über Mira Jacobsen 6 Artikel
Mira ist 20 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitet seit Februar 2021 das Ressort Hochschule.

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