Ein Abend mit Julia Engelmann, Baby

Eine Poetryslammerin rockt das Kieler MAX

Das Licht wird gedimmt und ein heller Scheinwerfer auf die Bühne gerichtet. Unter Applaus betritt Julia Engelmann die Bühne des ausverkauften Max Nachttheaters. Sie wirkt ein wenig aufgeregt, versucht dies aber  mit Witzen zu überspielen. Mit einer blumigen Sweatshirt-Jacke und ihren weißen Sneakers steht sie vor dem Bühnenbild, das aus gebastelten Sternen besteht: „Dies ist mein kleines Universum, nur für euch“, wie Julia später erzählt. Sie ist die Poetryslammerin, die mit ihrem Text One Day/ Reckoning Text über Nacht zu einem Internetphänomen wurde.

Der Abend ist ein buntes Potpourri aus Texten ihres Buches, neuen Gedichten und einigen Liedinterpretationen. Der wohl bewegenste Augenblick ist die Widmung eines Gedichts, das sie für ihre Eltern geschrieben hat, die auch im Publikum sitzen. Doch neben diesem emotionalen Moment gibt es viele komische Augenblicke: die Präsentation des Songs, den sie betrunken mit einer geschrieben hat oder ein Gedicht aus der Perspektive einer Muschel. Julia schafft es mit ihrer offenen und entspannten Art stets das Publikum zu begeistern. Zum Ende ihres Auftritts lüftet sie ein lang gehütetes Geheimnis: Im Oktober erscheint ihr zweites Buch Wir können alles sein, Baby. DER ALBRECHT traf Julia zuvor zum exklusiven Interview.

ALBRECHT: Es ist schon fast über ein Jahr her, dass du mit One Day/ Reckoning Text große mediale Aufmerksamkeit bekommen hast. Wie schaust du auf diesen Moment, als das Video plötzlich überall zu sehen war, zurück?

Julia Engelmann: Es ist immer noch völlig verrückt, dass genau mir das passiert. Es war wie eine kleine Wundertüte, die an diesem Tag geplatzt ist. Ich dachte zuerst, dass das Video in zwei Wochen sowieso wieder vergessen ist. Das war aber so. Es hat mein Leben tatsächlich nachhaltig beeinflusst, was dazu führt, dass ich diesen speziellen Moment niemals vergessen werde. Es führte dazu, dass ich sehr viele Möglichkeiten bekam: Ich habe ein Buch geschrieben, bin sehr viel gereist und war zuletzt sogar auf Tour.


Die große Resonanz auf dein Video kam für dich sehr überraschend und unerwartet. Wie wäre dein Leben verlaufen, wenn es diesen Moment mit der Veröffentlichung deines Textes nicht gegeben hätte?

Wenn dieser Moment der Veröffentlichung ausgeblieben wäre, hätte ich trotzdem genauso weitergemacht, wie ich es quasi auch mache: Ich hätte weiter mein Psychologiestudium verfolgt, hätte weiter geschrieben und wäre mit meinen Texten auch aufgetreten. Da das Video gerade zur Klausurenphase veröffentlicht wurde, hatte ich das Glück, dass ich der unbequemen Phase kurzfristig entfliehen konnte.

Wann hast du eigentlich mit dem angefangen und wer hat dich inspiriert?

Ich habe schon in der Grundschule versucht ein Buch zu schreiben. Das sollte auch kein großer Roman werden, ich wollte einfach schreiben und hatte Spaß daran. Eigentlich habe ich erst mit 15 Jahren richtig angefangen zu schreiben. Damals habe ich viele Gedichte geschrieben. Eine große Inspiration waren und sind immer noch Songtexte. Aber nicht nur Musik finde ich wahnsinnig inspirierend, sondern auch Literatur: riesengroßer Harry Potter-Fan, diese Bücher haben mich unglaublich beeinflusst. Später war ich dann auch immer öfter auf Poetry Slams. Ich finde es unglaublich inspirierend, andere Poetry Slamer zu hören.

In deinen Texten werden häufig wie beispielsweise Facebook thematisiert. Wie nutzt du diese?

Ich trenne da zwischen meinen privaten und öffentlichen Profilen. Auch wenn viele Poetry Slamer Fanpages haben, fand ich das irgendwie immer seltsam. Diese Vorstellung, dass bei Freunden angezeigt wird „Julia Engelman gefällt dir“, finde ich absurd. Ich habe echt lange gebraucht, um diesen Schritt zu gehen. Privat hingegen poste ich eigentlich nie was. Ich habe auch schon seit fünf Jahren das gleiche. Soziale Netzwerke sind interessant, aber auch unglaublich ablenkend und zerstreuend.

Für den Stern du eine regelmäßige Kolumne. Ist es nicht schwierig bei einem Text, der in einem gewissen Turnus veröffentlicht werden muss, kreativ zu sein?

Bei mir ist es gerade so, dass ich sehr gut arbeiten kann, wenn ich unter Druck stehe. Das ist mein großer Vorteil. Dieser Termindruck ist gut, da ich wirklich regelmäßig über Dinge schreiben kann, die mich zu diesem Zeitpunkt gerade. Ich finde das ist eine tolle Gelegenheit. Da ich meine Gedanken teilen kann, erfahre ich indirekt auch, was die Leser für eine Meinung zu diesem Thema haben. Man lernt also indirekt mit den Lesern über das Leben zu reflektieren.

Neben dem Schreiben von Texten gehört die Schauspielerei auch zu deinen Leidenschaften. Du standest zwei Jahre lang für die Serie  vor der. Welches Rollenangebot würde dich denn am meisten reizen?

Ich würde super gerne bei einem Comedy-Format wie Saturday Night Live mitwirken, das wäre grandios. Wenn ich auf Youtube unterwegs bin, schau ich mir immer die SNL-Clips oder die Late Night Show von Jimmy Fallon an. Ich finde das einfach so toll, dass da viel ohne Skript gearbeitet wird, so wirkt es auch viel spontaner, authentischer und witziger. In Deutschland gibt es zwar auch ähnliche Formate, wie Stefan Raab oder Jan Böhmermann beweisen, aber in den USA genießen diese Sendungen einfach einen höheren Status und werden auch anders zelebriert.

In One Day/Reckoning Text sagst du, dass wir, wenn wir alt sind, an die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können. Welche Geschichten möchtest du erzählen, wenn du alt bist?

Ich hoffe, dass ich auf ein tolles, zufriedenes Leben zurückschauen kann. Dass ich zufrieden bin mit dem, was ich erreicht habe und auch noch viele tolle Dinge erleben werde. Hoffentlich werde ich später viel Gutes über mein Leben berichten können.

Vielen Dank an Julia Engelmann.
Das Interview führte Redakteur Eric Kluge.

 

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Über Eric Kluge 36 Artikel
Eric schreibt seit dem Sommersemester 2013 für den Albrecht. Seit 2015 leitet er das Kulturressort und ist für alle kulturelle Neuigkeiten Kiels im Print und Online verantwortlich.

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