Ein Versuch über das postmoderne Buch der Offenbarung

Ein Kommentar

Folgt man dem Urteil der Wiki-Weisen, dann stellt Virtualität nicht einfach eine weitere und andere Realität dar, sondern zeichnet sich gerade durch deren Vortäuschung aus. Sie ist ein entmaterialisierter Schein von geistiger Struktur, in deren harmonisierten Kosmos man sich entsprechend erhebt als entkörperlichtes Profil. Längst nicht mehr lässt sich dieses auf ein kommunikatives Werkzeug reduzieren, vielmehr ist die digitale Sphäre bereits belebt durch unzählige Cyberwesen. Ihr Dasein ist nichts als die reine Aktivität – das heißt nach aristotelischem Vokabular – ein ewiges und göttliches Sein (darum auch unser Begriff on im Altgriechischen das überhaupt Seiende bedeutet).

Wie wollten wir uns dieser alten Parallele zwischen Virtualität und Religiösität verschließen, wo wir doch seit Nietzsche eine Ahnung haben von der ewigen Wiederkehr des immer Gleichen. Das heißt in unserem Fall: Der postmoderne Geist gebiert eine typisch mittelalterliche Spiritualität wieder, und zwar in Vermittlung über jenen blauen Heilland namens Facebook.

Perfekte Übereinstimmung  der symbolischen Formen. (Foto: ms)
Perfekte Übereinstimmung
der symbolischen
Formen.
(Foto: ms)

Denn dient nicht dies Buch der tausend Gesichter als Ventil für aktuellste Neuauflagen eines alten Konflikts, dem zwischen weltlicher und geistlicher Macht? Seine Lakaien bestaunten es als Ermöglicher oder gar Motivator des arabischen Befreiungschlags, jenes Frühlings, der insbesondere religiöse Bewegungen und Bruderschaften zur Blüte brachte. Und so gilt auch im Westen nichts Neues. Erleben wir nicht derzeit den Kampf zwischen Fürst Schäuble und jener substanzlosen Empörung der Deutschen, die dazu neigt in ihrer virtuellen Schwebe hängen zu bleiben und zwar in Form von rebellischen Posts (der Wurzel des Begriffs Postmoderne)? Wie immer siegt bei uns letztlich die weltliche Macht, dank des lapidaren und stets partikularen Aktionismus eines Portals, das unser aller Angelegenheiten gleichviel enternstet hat. Die politischen Appelle eines Occupy Sit-ins gleichten in ihrer Wirksamkeit dem Reformismus eines deutschen Papstums. Nun sind sie beide abgetreten – das ist die Kurzlebigkeit des schlechten Gewissens.

Facebook ist folglich auch prädestinierter für Happenings, deren Äquivalente wiederrum im Hochmittelalter die Kreuzzüge waren. Man sage mir, ob es so abwegig ist, die damalige Mobilisierung aller Stände für das heilige Event, zu vergleichen, mit den spontanen Kissenschlachten heutiger Flashmobs, in denen all die Überdrüssigen alltäglicher Banalität ihre Erlösung suchen? Es hatten sich damals Orden gegründet, von Templern und Johannitern, die durchaus als Vorläufer der Facebook- Gruppen gelten können – denn sie nutzten in gleichem Sinne eine geistige Gemeinschaft als Mittlerinstanz zu weltlichen Übeln, das heißt Exzessen von damals kriegerischer, heut meist alkoholischer Natur.

Unsere körperliche Vergänglichkeit spielt dabei keine Rolle mehr, denn wie noch vor Zeiten dem gläubigen Menschen, ist es heute dem Cybermönch möglich seine Person ins ewige Jenseits einzuschreiben. Es bedarf dazu gleichermaßen der (Selbst-)Offenbarung, jenem Gebot, das laut AGB zu Jahrtausendbeginn von einem jungen Mann auf dem Zuckerzauberberg empfangen worden war. Im unvergänglichen Logos seines Datensystems hinterlassen wir unser Narrativ, indem wir Rechenschaft über unsere Lebenslinie ablegen. Im reinsten Bilderwahn versuchen wir unsere Identität festzuhalten, reproduzieren die vergangenen heiligen Momente, ähnlich den kirchlichen Darstellungen biblischer Szenen. Oft kommen dabei auch okkultistische Ausartungen vor, von sinnerfüllten Horoskopen und postumen Heiligsprechungen (man siehe die populäre Gruppe Wir wollen Guttenberg zurück).

Es ist dieser letzten Wahrheit scheinbar nicht zu entrinnen, dass nämlich Facebook durch und durch christianisiert ist. Sein Credo liegt ganz im Sinne der agape: Jeder ist jedem sein Freund! Wir bebeichten uns gegenseitig über unsere Ausschweifungen in einem Raum der Konsequenzlosigkeit, wo uns denn auch nichts anderes zuteil werden kann als Mitlike. Fassen wir es also mit Žižek zusammen: Gleich wie das Christentum die symbolische Kompensation des Mangels an objektiver Moralität ist, so hat Facebook in einer individualistisch atomisierten Gesellschaft den Mangel an festen sozialen Bindungen behoben durch deren Delegation an symbolische (Ver-)Bindungen, die sich denn als Repräsentationen von Freundschaften auch niemals in der Realität zu behaupten brauchen – oder hat das Christentum jemals des Umstandes gelitten, dass von uns sogar und womöglich noch keiner einen Gottmensch hat Wässriges verwandeln sehen, in den schmackhaften Wein eines gemeinsamen Abendmahls unter Sterblichen?! Amen and out.

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Über Patrick Jütte 0 Artikel
Patrick ist 21 Jahre alt und studiert Philosophie und Geschichte an der Uni Kiel. Seit dem Wintersemester 2012/13 ist er Teil der Redaktion, seit dem Sommersemester 2013 Ressorleiter für gesellschaftliche Themen. In seinen Artikeln befasst er sich vor allem mit Sozialkultur und Politik.

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