Ein Workshop wie im Film

Wie drei Studentinnen einen eigenen Drehbuch-Workshop auf die Beine gestellt haben

Bild: Waldemar Brandt, Unsplash

Artikel von Anna Lena Möller und Frederik Bahr

Den Vorwurf, nicht genug Bezug zur beruflichen Praxis zu haben, muss sich die universitäre Lehre oft gefallen lassen. Das gilt insbesondere für die Geisteswissenschaften. Häufig ist die Rede vom „Elfenbeinturm“, in dem fröhlich (und weit weg von den Mühen gewöhnlicher Leute) vor sich hin geforscht wird. Was also tun? Studentische Initiative ist das Stichwort. 

Machen wir es mal konkret: Am Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien etwa sieht die Studienordnung vor, dass Masterstudierende das dritte Semester auch mit einer praktischen Arbeit verbringen, wie zum Beispiel literarische Veranstaltungen zu konzipieren oder Filme zu drehen. Den Studentinnen Franca Wißmann, Laura Engelhardt und Valerija Levin war das aber nicht genug. Sie haben kurzerhand auf eigene Initiative einen Drehbuch-Workshop ins Leben gerufen, der anderen Studierenden die Möglichkeit gab, hautnah die Arbeit eines Drehbuchautors mitzuerleben. 

Die Idee vom eigenen Workshop 

„Die Idee kam uns in einem Gespräch nach einem Seminar mit unserem Medienwissenschafts-Professor Markus Kuhn“, erzählt Laura. „Einige von uns spielten mit dem Gedanken, persönliche Ideen in einem Drehbuch zu verwirklichen. Wir stellten fest, dass ein solches praxisorientiertes Seminar in dem Angebot unseres Institutes fehlte. Professor Kuhn gab uns den Hinweis, dass sich so ein Projekt gut für eine studentische Initiative eignen würde und brachte uns mit PerLe in Verbindung.“ 

Bild: Mike Palmowski, Unsplash

PerLe – Projekt erfolgreiches Lehren und Lernen – gibt Lehrenden und Studierenden die Möglichkeit, Gelder zu beantragen, um innovative Lehrkonzepte zu verwirklichen [Hinweis der Redaktion: Nach 8 Jahren Laufzeit wird PerLe am 8. Dezember 2020 offiziell eingestellt]. „Die Antragsstellung war zunächst sehr aufwendig“, gibt Valerija zu. „Insgesamt haben wir fast ein Jahr dafür gebraucht, unser Projekt durchzubringen.“ Allerdings gab es auch positive Erfahrungen: „Uns wurde wörtlich bei allen Fragen weitergeholfen und wir haben wertvolle Tipps für die Struktur des Workshops und seine Organisation bekommen.“ 

Der Pate als Mentor im Geschichtenerzählen 

Als alles endlich in trockenen Tüchern schien, kam doch Corona dazwischen. Präsenzunterricht wie geplant? Wegen Covid-19 ausgeschlossen. Also musste auch der geplante Drehbuch-Workshop digital stattfinden. Der Workshop-Atmosphäre tat dies keinen Abbruch. Und irgendwie entwickelte sich der Workshop dann selbst wie ein Drehbuch. Die Prämisse: Von der Idee zur Story, von der Story zum Film. 

Bild: Marek Helsner

Im ersten Akt lernen sich bekanntermaßen die Protagonisten kennen, sie formulieren ihre Ziele und Wünsche und vernehmen schließlich, so besagt zumindest der Mythenforscher Joseph Campbell, den Ruf zum Abenteuer. Der Herold des Abenteuers war in diesem Workshop Marek Helsner, seines Zeichens Drehbuchautor beim VDD, dem Verband deutscher Drehbuchautoren, der für viele der Vorabendserien schreibt, mit denen die Workshop-Teilnehmenden aufwuchsen: SOKO Wismar, Notruf Hafenkante und Küstenwache, um nur ein paar zu nennen. Woche für Woche wurden dramaturgische Strukturen und Charakterentwicklung diskutiert. Als Mentoren standen den Teilnehmer*innen, insgesamt zwölf an der Zahl, in dieser Phase Marlon Brandon und Al Pacino in Der Pate, Julia Roberts in Erin Brockovich, sowie Claire Danies und Damian Lewis in Homeland zur Seite. Sie zeigten ihnen: Story ist die Metapher des Lebens, das Drehbuch ist die Partitur der Story! 

Die Reise zum eigenen Stoff ist beschwerlich 

Das eigentliche Abenteuer, der Weg der Prüfungen, der den zweiten Akt eines jeden Films und seine Substanz ausmacht, folgte sogleich auf dem Fuß. Ganz harmlos kam er in Form der Bitte daher, eine eigene Ideenskizze für einen Film zu entwickeln. Dass der ursprünglich als Blockseminar erdachte Workshop nun als wöchentliche Veranstaltung stattfand, war dabei Fluch und Segen zugleich. Angespornt durch die anderen Teilnehmer*innen war der Wunsch und Wille groß, von Woche zu Woche die eigene Geschichte und ihre Hauptcharaktere weiter zu entwickeln. Nicht nur das eigene Ego wurde dabei manchmal zum Antagonisten, sondern hin und wieder auch ein überlasteter Server oder eine schlechte Audioverbindung. Dem zum Trotz machten die Teilnehmenden es sich zur Aufgabe, sich gegenseitig so gut wie möglich zu unterstützen. Nicht nur durch positives Feedback während der Besprechung der einzelnen Filmstoffe, sondern auch durch die omnipräsente Chatfunktion des Videokonferenzsystems, die sich immer wieder mit zusätzlichen Kommentaren, Filmtipps und ermutigenden Worten füllte und durch gelegentlich privat ausgetauschte Mails. 

Kunstfilm oder Blockbuster? 

Ganz unterschiedlich waren die Filmideen, über die von Sitzung zu Sitzung gesprochen wurde. Vorschriften zur Länge der Stoffe gab es keine. Ein Kunstfilm über die Rolle der Mutter stand so neben einer großangelegten Serie, deren Setting das antike Rom ist. Zwei Sci-Fi-Dystopien, eine für Erwachsene, eine für Jugendliche, entstanden neben einer Kurzfilmmetapher über das Lesen. Zum Ende des zweiten Aktes kamem alle Teilnehmenden an den Punkt, an dem einmal formuliert werden musste: „Ich komme gerade nicht weiter. Irgendwie habe ich gerade eine Schreibblockade.“ Die eine oder der andere waren an dieser Stelle bereit, ihre Filmidee in den Wind zu schließen. Neue Inspiration war deshalb dringend notwendig. 

Bild: Anna Lena Möller

Diese kam im dritten Akt wieder durch Marek Helsner, der Einblicke in die eigenen Arbeiten und in die Branche möglich machte – sowie durch die Ankündigung einer finalen „Prüfung“. In der vorletzten Sitzung hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, dem Filmproduzenten Rudi Pitzel die verschiedenen Filmstoffe vorzustellen. Er sei von der Qualität der Arbeiten überrascht worden, ließ dieser später ausrichten, „man solle an den Stoffen unbedingt dranbleiben“. Ein solches Lob von einem Branchenprofi war für die Teilnehmenden ein wunderbares Ergebnisbild für diesen Workshop. Gleichzeitig war die Arbeit an den Drehbuchstoffen damit noch nicht vorbei. Tatsächlich liegt die eigentliche Arbeit sogar noch vor den Teilnehmenden, denn aus den entstandenen Exposés muss nun ein Drehbuch entstehen, mit griffigen Dialogen und anschaulichen Szenenbeschreibungen. 

Ende gut, alles gut? 

Franca, Laura und Valerija jedenfalls sind zufrieden mit ihrem Workshop: „Es gab hier und da einige technische Hürden, doch alles in einem lief es sehr gut.“ Ein besonderes Lob gilt für sie den Studierenden. „Die Studis waren richtig heiß auf den Workshop. Ich glaube keine von uns hat mit so viel Beteiligung gerechnet. Wie verrückt haben viele an ihren Stoffen gearbeitet und die Feedbacks der anderen, des Workshopsleiters und des Produzenten eingearbeitet“, lässt Franca ausrichten. Der Workshop habe den Dreien gezeigt, „dass es möglich ist, in dem sonst sehr abstrakten universitären Umfeld der Geisteswissenschaften mal etwas berufsbezogener und vor allem interdisziplinär zu lernen.“ 

Bleibt zu hoffen, dass vielleicht auch in Zukunft ein solches praxisorientiertes Lehrangebot erhalten bleibt. Oder dass der eine oder die andere Student*in ebenfalls die Initiative ergreift und den eigenen Wunsch-Workshop verwirklicht. 

Autor*in

Frederik ist 25 Jahre alt und studiert an der CAU Gegenwartsliteratur und Medienwissenschaft im Master. Er ist seit April 2019 Teil der Redaktion des Albrechts.

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Hier veröffentlicht DER ALBRECHT seine Gastartikel – eingesandt von Studierenden, Professor*innen und Leser*innen der Zeitung.

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