Eine Kreuzfahrt, die ist lustig, eine Kreuzfahrt, die ist dreckig

Quelle: liebeslakritze (flickr)

Kreuzfahrten sind so beliebt wie noch nie – nur wenige denken dabei an die Umweltbelastung

Kiel ist der drittgrößte Reisewechselhafen Nordeuropas. Von hier starten zahlreiche große Anbieter wie TUI Cruises mit Mein Schiff, Aida Cruises oder Costa Crociere ihre Routen durch die Ostsee. Dass Kreuzfahrten gerade im Trend liegen, zeigt die Entwicklung der Besucherzahlen. Gingen im Vergleich 2009 noch 290 000 Kreuzfahrtgäste in Kiel an Bord, so waren es bereits 458 000 im Jahr 2015. Laut des internationalen Kreuzfahrtverbands Cruise Lines International Association (CLIA) hat sich die Anzahl der deutschen Passagiere im Zeitraum 2005 bis 2015 auf 1,81 Millionen verdreifacht. Damit liegen die Deutschen bei der Zahl der gebuchten Schiffsreisen an erster Stelle in Europa, gefolgt von den Briten und Italienern.

Kreuzfahrten haben in den letzten 15 Jahren einen enormen Imagewechsel durchlebt. Galt die Kreuzfahrt früher als spießige Reiseform für gutbetuchte Senioren, welche dem nasskalten deutschen Winter entfliehen wollten, so avancierte sie mit der Zeit zur massentauglichen Pauschalreise auf hoher See. Einen zentralen Faktor für diesen Erfolg sieht die CLIA im Preis-Leistungs-Verhältnis von Kreuzfahrten. Im Jahr 2015, so ermittelte die Studie Der Hochsee-Kreuzfahrtmarkt Deutschland 2015, betrug der Durchschnittspreis einer Kreuzfahrt 1 580 Euro. Keine andere Reiseform böte zu einem vergleichbaren Preis eine so große Vielfalt an Destinationen, Routen und Angeboten, so Helge Grammerstorf, National Director von CLIA. Anbieter wie Aida Cruises werben auf ihrer Website mit All-inclusive-Angeboten wie einer fünftägigen Reise durch das Mittelmeer für 549 Euro – Stopps in Marseille und Barcelona eingeschlossen. Viele Reisende lassen sich von solchen Angeboten verführen, vergessen jedoch, dass die Umwelt einen hohen Preis für ihre Buchung zahlt.

Denn Kreuzfahrtschiffe produzieren so große Schadstoffmengen wie kein anderes Transportmittel. Laut dem Naturschutzbund Deutschland (NABU) benötige es fünf Millionen Autos auf der gleichen Strecke, um so viel Schadstoffe freizusetzen wie ein einzelnes Kreuzfahrtschiff. Aber nicht allein die Emissionshöhe lässt die Luxusliner zu wahren ‚Dreckschleudern‘ werden, sondern auch der Tankinhalt. So konnte der NABU in seinem NABU-Kreuzfahrtranking 2016 feststellen, dass alle in Europa fahrenden Schiffe weiterhin Schweröl tanken, anstatt auf das umweltverträglichere, aber auch teurere Schiffsdiesel umzusteigen. Schweröl ist ein Abfallprodukt der Ölindustrie, welches bei der Verbrennung einen hohen Anteil an Schwefeloxiden freisetzt. Diese Gase sind hochgradig giftig und senken den pH-Wert des in der Atmosphäre vorhandenen Wassers, sodass saurer Regen entsteht. Neben dieser langfristigen Folge, welche nicht unmittelbar Auswirkungen auf den Verursacher haben muss, hat der hohe Ausstoß von krebserregenden Rußpartikeln einen direkten Einfluss auf die Lunge und das Herz der Kreuzfahrenden und der Menschen, die in den Hafenstädten leben. Hinzu kommt, dass achtzig Prozent aller Kreuzfahrtschiffe in Europa keine Abgasreinigung besitzen. Anders als beim PKW gelangen die gesamten Emissionen ungefiltert in die Umwelt – und das auch, wenn das Schiff im Hafen liegt. Denn anstatt die örtliche Stromversorgung zu nutzen, lassen die meisten Schiffe den Motor auch hier laufen, um eine ausreichende Stromversorgung an Bord zu gewährleisten. Häufig besitzen die Kreuzfahrtterminals keine entsprechende Vorrichtung, denn der Strombedarf eines an Land liegenden Schiffes ist so hoch wie der einer Kleinstadt.

Bei Betrachtung der Faktenlage stellt sich die Frage, warum die Politik und die deutsche Regierung noch keine Maßnahmen zur Regulierung und Beschränkung der Umweltbelastung durch Kreuzfahrtschiffe unternommen hat. Insbesondere in Kiel, wo in den letzten fünf Jahren eine rot-grüne Koalition das Land regierte, verwundert das Schweigen zum Thema Kreuzfahrt. Zwar werden Umweltstandards der Kreuzfahrtschiffe von der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation festgelegt, jedoch ließe sich mit Emissionsbeschränkungen für Hafengebiete oder der Pflicht eines Filtersystems für deutsche Gewässer einiges erreichen. Doch da die Kreuzfahrtbranche Jobs sichert und schafft, scheut sich die Politik davor, ihr zusätzliche Kosten und Auflagen aufzudrängen. Außerdem profitieren der Tourismus und regionale Unternehmen in den Anlaufhäfen von den Kreuzfahrtgästen. In Hamburg liegt die Wertschöpfung aus der Kreuzfahrt laut Handelskammer beispielsweise bei 270 Millionen Euro jährlich. Würde es die Pflicht einer Abgasanlage in deutschen Gewässern geben, könnte kaum ein Schiff noch hier anlegen. Auch der deutschen Industrie kommt der Kreuzfahrtboom zugute: Bis 2019 werden zwölf neue Schiffe mit einem Auftragswert von insgesamt 8,9 Milliarden Euro in deutschen Werften gefertigt. Die CLIA berechnete, dass die Kreuzfahrtindustrie 45 700 neue Arbeitsplätze alleine 2015 in Deutschland geschaffen habe. Und die Aussichten bleiben gut für die Kreuzfahrtanbieter. So schätzt die Branche, dass bis 2030 sieben bis acht Millionen Chinesen eine Schiffsreise buchen werden. Schon jetzt sind circa die Hälfte der in europäischen Werften gefertigten Kreuzfahrtschiffe für den asiatischen Markt bestimmt – Tendenz steigend.

Was für Auswirkungen der Kreuzfahrtboom auf die Umwelt und den Klimawandel hat, wird sich erst auf lange Sicht feststellen lassen. Fakt ist, dass die Kreuzfahrtschiffe die Umwelt erheblich belasten. Solange allerdings der wirtschaftliche Erfolg und nicht die Belastung von Mensch und Umwelt im Fokus der deutschen Politik stehen, sollte jeder Reisende für sich entscheiden, ob er die Folgen seiner Reise vertreten kann und mag. Schöner wäre es, wenn er sich hierüber irgendwann keine Gedanken mehr machen müsste, sondern ohne die Verursachung von Umweltbelastungen die Sonne an Deck und die Altstadt von Barcelona genießen könnte. Doch bis dahin scheint es momentan noch ein langer Prozess der Erkenntnis, Einsicht und Innovation zu sein.


Titelbild: liebeslakritze (flickr)

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Sophie Luisa Dieckmann
Über Sophie Luisa Dieckmann 17 Artikel
Sophie studiert Germanistik und Kunst. Seit April 2015 ist sie Teil der Redaktion des ALBRECHTs. Sophie ist für den Bereich 'Zeichnungen' zuständig und greift hier auch gerne selbst zum Stift.

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