Eklektik BerlinIstan

Deutsch-Türkin, Muslimin, Lesbe, DJane : keine Andere steht so für die Politisierung der Clubmusik wie İpek İpekçioğlu. Indem sie versucht musikalische Grenzen zu überschreiten, tut sie das auch gesellschaftlich. In ihren Sets nimmt DJ Ipek ihre Hörer mit auf eine Reise durch die Kulturen, Sprachen und Musikstile der Türkei, Nordafrikas, Israels, Persiens, des Balkans, Griechenlands und Bollywoods, und macht strategisch geplante Ausflüge nach Großbritannien und in die USA.

Am 21.10. führt sie diese Reise im Rahmen des „Türkischen Sommers“ in den Rathausbunker in Kiel. Vorab sprach der ALBRECHT mit ihr über ihre musikalischen und gesellschaftlichen Anliegen.

Man kann ja eine Menge Beschreibungen deines Stils im Internet und anderswo lesen. Was für eine Beschreibung hörst du am liebsten?

Ich nenne es selber Eklektik BerlinIstan. Eklektik weil ich stilübergreifend arbeite, BerlinIstan weil ich einmal Berlinerin und zum anderen Post Instanbulerin bin. Also ein Wortspiel: Berlin und Istanbul.

Zugleich ist Istan im türkischen eine Endung für Land, wie Pakistan. Und ich finde, dass Berlin schon anders ist als Deutschland. Berlin ist nicht gleich Deutschland, Deutschland nicht gleich Berlin. Berlin hat eine eigene Kultur, eine eigene Struktur, was die Clubkultur angeht. Daher auch BerlinIstan.

Ein Eklektik KielIstan könnte es dann also nicht geben?

Habt ihr denn so viele Migranten bei euch? Habt ihr denn so viel Clubkultur?

Berlin hatte ja auch die Mauer, das prägt eine Stadt ja auch. Eine Stadt die abgeschnitten ist von den restlichen Städten Deutschlands, entwickelt ihre ganz eigene Kultur.

Kiel liegt sozusagen gleich am Fuß von Dänemark, wo man mitm Bötchen oder Auto gleich dort sein kann, also das ist noch bisschen was anderes. Berlin war wirklich ein goldener Käfig und abgeschnitten. Bis zur nächsten Stadt musste man stundenlang anstehen. Es ist eine ganz eigene Mentalität, die Berlin einfach hat.

Besonders vor ein paar Jahren wurdest du mit deinem Stil sehr gehypt, als „Zeremonienmeisterin der transkulturellen Völkerverständigung“ zum Beispiel…

So wurde ich genannt. Ich würde mich selbst nicht so bezeichnen. Ich finde aber es ist eine sehr sehr ehrenvolle Bezeichnung, die ich auch gerne annehme.

Zeremonien verlaufen in der Regel ja nach einem festgelegten Protokoll. Ist das bei deinen Sets auch so?

Nein, feste Protokolle gibt es in meinen Sets natürlich nicht. Ich bin einfach spontan. Ich entscheide das sehr emotional was ich in dem Moment spiele. Aber da ich sehr stil- und genreübergreifend auflege und auch sprachenübergreifend, daher die Zeremonienmeisterin. Aber nein es geht nicht nach einem bestimmte Protokoll.

Du warst ja nun schon überall auf der Welt mit deinen Sets unterwegs…

Ich war viel unterwegs, aber nicht überall.

Gab es Orte, an denen du dachtest „Hier kann ich mit meiner Musik nichts erreichen?“

Es gibt solche Orte auch in Deutschland. Da muss ich noch nicht mal weit weg fahren. Für mich ist aber schon wichtig, dass ich die Leute erreiche. Daher hab ich immer ne Menge Musik dabei und checke aus, womit ich die Leute erreichen kann, womit kann ich sie dann dahin bringen, wo ich sie hinbringen möchte. Es gibt manchmal Parties wo die Musik nicht so toll ankommt und es gibt Parties, wo sie super super geil und cool ankommt. Also ich würd sagen, das gibt’s überall, das ist nicht länderspezifisch. Ich hab in China total viel Spaß gehabt, obwohl die Leute mit der Musik erstmal nicht wirklich viel anfangen konnten, aber die haben sich dann herangeführt und das hat sehr gut funktioniert.

Stört es dich nicht, dass die meisten der Tanzenden die Texte wahrscheinlich garnicht verstehen?

Wieso sollte mich das stören. Es verstehen ja auch nicht alle perfekt englisch. Dann müsste ja der DJ, der englische Musik auflegt, sich auch daran stören. Es muss auch nicht jeder die Texte verstehen. Ich versteh auch nicht alles. Zumal ich ja auch mal arabische, chinesische oder indische Sachen spiele.

Mir ist wichtig, dass die Texte nicht nationalistisch oder Gewalt verherrlichend gegenüber Menschen sind, dass sie nicht hetzerisch oder sexistisch sind. Das ist für mich No Go Area.

Du hast ein Eklektik Berlinistan erschaffen.

Erschaffen hört sich so groß an, so nenne ich meinen Stil.

OK, aber du hast einen Raum erschaffen, wo Menschen mit unterschiedlichstem background zusammenkommen. Kann das auch außerhalb der Tanzfläche funktionieren?

Durchaus! Also ich glaube schon. Ich lege jetzt seit fast 13 Jahren bei der Veranstaltung Gayhane – HomOriental Dancefloor – House of Halay als Resident DJ auf. Und das ist in erster Linie eine Gay Party.

Aber die Veranstaltung hat es geschafft, dass eine Öffnung innerhalb von Berlin speziell in Kreuzberg stattfindet. Also innerhalb der Migranten Community und der deutschen Community. Das heißt Transen kommen in ihrer Kleidung auf diese Veranstaltung, viele Lesben, Schwule, Bisexuelle. Deutsche, Menschen aus der Türkei, Kurdistan, Armenistan, Israel, aus Arabischen Ländern, Brasilien. Also sehr menschenübergreifend, generationenübergreifend, kulturübergreifend. Und da kann es auch passieren, dass die Kopftuch tragende Mutter mit dem 16 Jährigen kleinen türkischen Macho und dem 25 Jährigen Transe zusammen Kreistanz tanzt. Und das ist schon was Besonderes.

Also ich glaube durchaus, dass man durch Musik, die eine universale Sprache hat und universal auch alle Menschen erreichen sollte, durchaus etwas schaffen kann, wo Menschen zusammenkommen, sich gemeinsam fühlen, sich stark fühlen und aus dieser Begebenheit sagen „Ok wir machen jetzt unsere eigene Struktur und wir bilden jetzt unsere eigene Community“ Das kann Musik durchaus schaffen.

Dieser Sommer steht kulturell in Kiel ja ganz unter türkischer Fahne. Was denkst du, bringt ein „Türkischer Sommer“ in Kiel und für Kiel?

Ich war erst kurz in Kiel zu einer Veranstaltung des SHMF. Es war super toll muss ich sagen, das Konzert und die Menschen, die dort hin gekommen sind. Aber sonst kenn ich mich leider in Kiel nicht so gut aus. Aber ich finds toll, dass es auch einen türkischen Sommer in Kiel gibt.

Wirst du noch als Gast auf einer anderen Veranstaltung hier anzutreffen sein?

Ich werd das zeitlich nicht schaffen. Ich komme am 21., fahre am 22. wieder zurück und am 23. bin ich dann in Israel.

Du hörst ja die ganze Nacht deine eigene Clubmusik. Was hörst du denn privat?

Ich höre privat sehr viel ruhige Sachen, wenn ich selbst entspannen möchte. Also sehr viel klassische Musik. Wenn ich dann selbst Party machen möchte. Dann hör ich schon gerne auch tanzbare Sachen, aber auch mildere Sachen.

Welche Künstler haben dich besonders beeinflusst?

Musikalisch würd ich sagen Nitin Sawney, er ist indisch britisch und der macht tolle Jazzsachen, mit nem atrken politischen aber auch indischen background. Natacha Atlas würd ich sagen. Sezen Aksu, türkischer Popstar, also in der Türkei sehr prägend.

Hast du schon mal überlegt mit dem Auflegen auf zu hören?

Nö, erstmal nicht. Ich liebe meinen Job. Ich liebe es aufzulegen. Manchmal ist es anstrengend, aber eigentlich bekomme ich sehr viel Kraft und Stärke daraus. Und ich mags einfach den Menschen Freude zu geben. Ich mag es mir in meinem Kopf Konzepte zu machen: Wohin will ich die Leute mitnehmen, wieder rausholen, wieder reinstecken. Wie komme ich an die Menschen ran, wie baue ich musikalisch einen Bezug zu diesen Menschen auf. Das sind für mich alles wichtige Sachen. Es ist nicht so, dass ich hingehe und sage ich spiele da jetzt mein Standard-Set, mir ist egal ob die Leute es mögen oder nicht sondern mir ist durchaus wichtig, dass die Leute das mögen, dazu tanzen, das annehmen. Und solange die Leute mich buchen und solange ich den Job gerne mache, werd ich nicht damit aufhören.

Aber meine Zukunftsvision ist vermehrt in die Produktion zu gehen und vermehrt auch mir klassischer Musik zu arbeiten, also mit Live Musikern und Orchestern und ich mach dann die Beats und die Effekte drunter.

Es macht sehr viel Spaß zu sehen, dass viele verschiedene Stile, die scheinbar nicht zueinander gehören, durchaus eine Synergie bilden können. Wenn eine 60 Jährige Frau, die sonst auf Klassik steht, begeistert ist, wenn sie Breakdancer auf der Tanzfläche sieht und für einen türkischen 15 Jährigen Mann applaudiert, der sagt „Ey ich hätt nicht gedacht, dass die klassische Musik doch so toll ist“. Find ich toll, wenn ich Menschen mit so was erreichen kann.

Ich freu mich auf Kiel. Ich kann mich erinnern, dass Kiel das letzte Mal als ich da war eine sehr schöne Atmosphäre hatte. Also von der Stimmung her, wie die Sonne dort schien. Und deswegen freu ich mich auch auf Kiel.

Wenn ihr erleben wollt, wie DJ Ipek im Rathausbunker die Massen bewegt, dann schreibt bis einschließlich Mittwoch auf unserer Internet- oder Facebookseite einen Kommentar, was sie sich in Kiel alles anschauen sollte.

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Über Bernadett Skala 5 Artikel
Bernadette war bis 2012 Kulturchefin beim Albrecht.

4 Kommentare

  1. Obligatorisch ist natürlich ein Spaziergang an der Kiellinie zu dem Seehundbecken, weiter geht’s im Alten Botanischen Garten, in dem die Bäume im besten Fall Gedichte tragen, zur Stärkung lohnt sich ein Abstecher zum türkischen Restaurant im Bahnhof und falls noch Zeit bleibt: eine kleine Schifffahrt zum Phallus von Kiel nach Laboe – wobei der Strand mehr hergibt als das berühmte Denkmal.

  2. …nicht anschauen, sondern einfach akustisch genießen solltest du die Geräuschkulisse des Kieler Hafens… insbesondere die Schiffshupen der Großen, die man sogar fühlen kann…

  3. Ein Aufenthalt in Kiel ohne abends einen Blick ins Tuchholsky zu werfen geht nicht – man muss diese Kultdisco erlebt haben und selbst am Boden einmal kleben geblieben sein. Danach geht es dann mit einem Döner in der Hand auf einen Absacker in den Hanging Garden…

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  1. DJ Ipek kehrt zurück in den Gleimtunnel! « Gleimtunnel-Party Blog

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