Embryo ohne Bein? Lass das (nicht) sein!

Wie ich in meiner Bachelorarbeit an meine moralischen Grenzen kam

Gerade Mäuse werden häufig in embryologischen Studien verwendet Bild: Pixabay // Tibor Janosi Mozes

Verformte Beine, ein verkürzter Rücken oder tot vor der Geburt: Als ich mir das Thema Einfluss von Vitamin A auf die Embryogenese für meine Bachelorarbeit reservieren ließ, hatte ich mir, als Neuling in der Embryologie, keine Gedanken über die Art und Weise der Erforschung dessen gemacht. Mich interessierte zunächst nur die Fragestellung. Doch nach wenigen Tagen der ersten Recherche zu meiner Literaturarbeit präsentierte sich die Wirklichkeit: Ich blickte in die Augen einer neugeborenen Maus, deren Vorder- und Hinterbeine stark missgebildet waren und beinahe komplett fehlten.

Grund dafür war das Ausschalten eines Gens, um einen Zusammenhang zwischen Vitamin A und der Ausbildung der Beine zu überprüfen. Da mich dieser Anblick nachhaltig geprägt hat, fragte ich mich, warum Tierembryonen in der Embryologie überhaupt eingesetzt werden. Um mir das zu beantworten, stellte ich anschließend Pro- und Contra-Argumente zusammen und wurde Zeugin eines inneren Konflikts.

Für alle Fachfremden: Die Bilder missgebildeter neugeborener Tiere sind eher eine Seltenheit in embryologischen Studien. Die Embryologie beschäftigt sich mit der Entwicklung einer befruchteten Eizelle und daraus entstehender Embryonen (Embryogenese). Also quasi mit der frühen kindlichen Entwicklung im Bauch der Mutter. Daher sah ich häufiger abstrakte Abbildungen, auf denen interessant geformte Zellhaufen als Embryonen bezeichnet wurden und blau- oder lilafarbene Unterschiede zeigten. Das Verständnis der Embryogenese und ihrer Abnormalitäten ist wichtig, um verschiedenste Fehler während Schwangerschaften zu vermeiden, damit gesundes Leben entstehen kann. Für die Forschung werden genetische Prozesse während dieses Stadiums in Modellorganismen untersucht. Modellorganismen wiederum sind Lebewesen, die in großer Anzahl im Labor gezüchtet werden, um als Versuchsobjekte für die Forschung zu dienen. Während meiner Recherche für die Bachelorarbeit begegneten mir am häufigsten Mäuse- und Hühnerembryonen. Diese, vor allem die der Maus, wurden genetisch verändert und entweder komplett oder teilweise untersucht. Dazu wurden Abschnitte des Embryos abgetrennt und unter die Lupe genommen. Die Art dieser Untersuchungen löst auch heute noch einen inneren Widerstand bei mir aus, obwohl ich es andererseits interessant finde, dass das so funktoniert. Doch weshalb wird so vorgegangen?

Tierversuche sind (noch) zentral

Als Grund für die Verwendung von Modellorganismen in der Embryologie wird genannt, dass auf diese Weise Versuche am Menschen vermieden werden. Dies ist möglich, weil unter anderem Mensch, Maus und Huhn eine ähnliche Körpergrundgestalt während der Embryogenese ausbilden – das phylotypische Stadium. Hinzukommend sind diese Tiere deutlich kürzer trächtig und Veränderungen im Erbgut werden so schneller erkennbar. Außerdem wird mit dieser Methode ein medizinischer Fortschritt erreicht, um unter anderem zukünftige Missbildungen oder Mangelerscheinungen eines Kindes vermeiden zu können. So wurde das gegenseitige Unterdrücken von Vitamin A und einem Gen in einem Mäuseembryo entdeckt. Dies könnte eine zentrale Rolle in der frühen Embryogenese spielen und gegebenenfalls ein Grund für etwaige Fehlbildungen sein. Zudem ist das Erlangen von neuem Wissen in diesem Bereich bisher noch alternativlos. Es werden neben den Versuchen an Tierembryonen weitere Verfahren diskutiert, aber nur bedingt oder noch gar nicht eingesetzt. Dazu gehören künstlich generierte oder menschliche Stammzellen eines Erwachsenen, abgetriebene menschliche Föten und Computersimulationsverfahren. Letzteres zählt zu dem wachsenden Feld der Bioinformatik, in welchem beispielsweise Gene durch Algorithmen gefunden werden können. Allerdings wurden im Falle von Vitamin A nur bisher bekannte Mechanismen via Computer dargestellt und keine neuen herausgefunden. Dabei ist dies gerade wichtig, um größere Zusammenhänge erschließen zu können.

Kopf sagt ja, Herz schreit nein

Obwohl ich diese Argumentation nachvollziehen kann, macht sich bei mir bei der Vorstellung der fast beinlosen Maus ein schweres, unangenehmes Gefühl im Magen breit. Versuche an Tieren in der Grundlagenforschung, zu der auch die Embryologie zählt, müssen peinlich genau gerechtfertigt und die (Eltern-)Tiere nach strengen Vorgaben artgerecht gehalten werden. Dennoch komme ich von dem Gefühl nicht los, dass wir uns über die Tiere stellen und etwas Unrechtes tun. Ich habe Mitleid mit ihnen. Hinzukommend verbinde ich den Embryo, ob von Mensch oder Tier, mit einem schutzlosen Geschöpf, aus dem (gesundes) Leben entstehen könnte, wenn wir nicht wären. Daher erreicht mich das Argument nicht, dass Embryonen noch keine Schmerzen empfinden können. Schließlich ist die Forschung an menschlichen Embryonen auch weitestgehend verboten. Deswegen komme ich bei dieser Thematik an meine moralischen Grenzen.

Trotzdem finde ich es wichtig, Fehlern mit dramatischen Folgen während der Schwangerschaft auf den Grund zu gehen. Nichts ist für werdende Eltern schlimmer, als ein plötzlicher Schwangerschaftsabbruch oder ein Kind, das keine zwei Tage überlebt – und das ohne ersichtlichen Grund. Allerdings bin ich auch dafür, dass noch mehr an alternativen Methoden geforscht und probiert werden sollte. Auf diese Weise könnten wir in Zukunft ohne Modellorganismen (und moralische Zweifel) neue Zusammenhänge in uns Menschen verstehen – auch in Bezug auf Vitamin A.

Autor*in

Selina, 23, studiert Ökotrophologie und ist seit Oktober 2018 Redakteurin beim Albrecht.

Selina Janzen
Über Selina Janzen 5 Artikel
Selina, 23, studiert Ökotrophologie und ist seit Oktober 2018 Redakteurin beim Albrecht.

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