Feen ohne Flügel

Warum „Fate" keine Realverfilmung von „Winx Club" ist

Bloom ist in der neuen Netflix-Serie eindeutig nicht mehr dieselbe wie früher. // Bild: Eileen Linke

Bis auf die Namen einiger Charaktere, die grobe Handlung und die leuchtenden Feenflügel im Intro erinnert nichts von Fate: The Winx Saga an das aufgedrehte, knallbunte Winx Club meiner Kindheit. Wir erleben die Geschichte der Fee Bloom noch einmal ganz von vorne – aber dunkler, grausamer und nicht für kleine Kinder geeignet. 

Mit The Chilling Adventures of Sabrina und Riverdale hat Netflix zwei erfolgreiche Adaptionen übernatürlicher Kindheitsheld:innengeschichten produziert und legt nun mit Fate nach. Als mir die Serie Ende Januar vorgeschlagen wurde, beschloss ich, das Original erneut zu schauen. Winx Club ist eine italienische Animationsserie, die seit 2004 läuft – erst auf RTL II und dann bei Nickelodeon. Insgesamt gibt es acht Staffeln, mehrere Spin-Offs und Filme, an der neunten Staffel wird momentan gearbeitet. Geschafft habe ich aber nur viereinhalb Staffeln – was als Kind eine magische Wirkung auf mich hatte, löst heute Übelkeit in mir aus. Achtung: Spoilerwarnung für beide Serien!  

Mit übernatürlichen Kräften gegen das Böse  

Im Grunde dreht sich die Original-Serie um die Feen Bloom, Stella, Musa, Aisha (dt. Layla), Flora und Tecna. Jede hat ihre besonderen Kräfte, Bloom zum Beispiel ist eine Feuerfee. Doch von ihren magischen Kräften erfährt sie erst mit 16 Jahren und besucht daraufhin die Feenschule Alfea. Dort lernt sie die anderen kennen, gründet mit ihnen den Winx Club und zusammen stellen sie sich immer wieder den bösen Mächten. Wiederkehrende Gegnerinnen sind drei Hexen, die sich die Trix nennen, aber die Feen bekommen Hilfe von den Spezialisten – eine Gruppe von nicht-magischen Jungs, mit denen sich natürlich auch bald Liebesbeziehungen entwickeln.  

Es gibt zwar so etwas wie eine Geschichte, die sich durch alle Folgen zieht, aber vieles ergibt schlicht keinen Sinn, das meiste wird nicht erklärt und der Rest einfach als gegeben in den Raum gestellt. Zum Beispiel ist die Fee Layla eine Wasserfee, zaubert aber nie mit Wasser und sie ist Prinzessin eines Planeten, der von Meerjungfrauen bewohnt wird – auch alle von Laylas Verwandten haben Flossen statt Beine, sie nicht. Außerdem wird in der Serie nie verraten, was mit Blooms leiblichen Eltern passiert ist, dafür müssen wir einen der Filme gucken. In Staffel vier sind sie aber plötzlich da, ohne weitere Erklärung. Winx Club sprengt den auch für Erwachsene akzeptablen Rahmen der Kinderserienlogik. Dazu kommt die gesamte Aufmachung, die aus heutiger Sicht nicht mehr angemessen für Heranwachsende ist. Die Feen werden übersexualisiert dargestellt, wenn sie sich verwandeln (so bekommen sie mehr Kräfte und Flügel), dann tragen sie quasi nur noch einen Bikini und posieren wie Pin-up-Girls. Die Mädchen sollen zwar „Girl Power“ verkörpern, allerdings äußert sich diese vor allem in Stutenbissigkeit und die neuen Outfits bei der Verwandlung sind natürlich wichtiger als die neuen Zauberkräfte.  

Ab der dritten Staffel gibt es dann gar keine zusammenhängende und sinnergebende Geschichte mehr, die einzig interessanten Charaktere, die Trix, sind in der vierten Staffel auch nicht mehr dabei. Etwa bei der Hälfte der fünften Staffel habe ich letztendlich aufgegeben: sie hatte die eklige Nebenwirkung, dass auf einmal die Charaktere nicht mehr gezeichnet sind, sondern animiert und damit aussehen wie sprechende Sims-Figuren. Aber nur, wenn sie im Meer sind, an Land ist die Serie wieder im Comic-Stil. Das war zu viel für mich – Zeit, die Realverfilmung anzuschauen. 

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„Ich hab’ noch niemanden mit Flügeln gesehen“, kommentiert Bloom ihren ersten Eindruck von der Feenschule Alfea. „Nun, die hatten wir vor langer Zeit“, antwortet die Schulleiterin, „aber mit unserer Weiterentwicklung ging die Transformationsmagie verloren.“ Halleluja! Keine albernen Verwandlungen mehr. Es hat sich aber noch mehr geändert.  

Fate nimmt sich die erste Staffel von Winx Club zwar als Inspiration, entwickelt sie aber weiter, entwirrt die komplizierteren Handlungsstränge und verändert sie dennoch grundlegend.  

So hat die neue Serie, im Gegensatz zum Original, eine richtige Handlung, die durch gut animierte Effekte und einen modernen Soundtrack unterstützt wird. Trotzdem wird sie auch kontrovers diskutiert, was vor allem mit der Besetzung zusammenhängt. 

Einige Charaktere bleiben, die meisten mussten verschwinden. Das hat medial einen Shitstorm ausgelöst, weil zum Beispiel die Latina-Fee Flora durch ihre weiße Cousine Terra (die es im Original gar nicht gibt) ersetzt wurde und die ostasiatische Musa von einer nicht-ostasiatischen Schauspielerin verkörpert wird. Zurecht wird den Produzent:innen Whitewashing vorgeworfen, vor allem weil der Rest der Serie in einem feministischen und progressiven Ton gedreht wurde. Ich finde es aber genauso problematisch, dass diese Diskussion nun auf dem Rücken der Schauspielerinnen ausgetragen wird, so wird zum Beispiel ständig nach der Herkunft von Elisha Applebaum (Musa) gefragt. 

Es hat sich ausgeglitzert 

Abgesehen davon haben sich die Macher:innen Mühe gegeben, die Geschichte der Feen ganz neu zu erzählen – und auch das frühere, jetzt erwachsene Zielpublikum anzusprechen. Denn die Magie ist nicht wie bei Winx voller Glitzer, Schmetterlingen und Harfenmelodien. Sie kann gefährlich sein und schwere Konsequenzen mit sich bringen, was Bloom direkt zu Beginn der Serie lernen muss. Auch die Gegner:innen sind deutlich böser, blutiger und gruseliger geworden. 

In den ersten fünf Minuten bekommen wir die volle Dosis Feminismus. Bloom lässt sich nicht mansplainen, ihr Vater fordert zum Gendern auf und Terra wehrt sich gegen ihre Mobber. Was etwas deplatziert, fast peinlich wirkt, löst bei mir nur Gutes aus, immerhin war das Original das Sexistischste, was ich je in einer Kinderserie gesehen habe. So hat Netflix in seiner so typischen Art nicht nur den aktuellen Trend getroffen, sondern gleich für alle klar gemacht, dass der alte Winx Club tot ist. Trotzdem wirkt vor allem der Feminismus nur eingestreut, denn irgendwie scheint Bloom nicht genau zu wissen, was Mansplaining eigentlich ist und wirft das dem ersten jungen Mann, der seine Hilfe anbietet, einfach vor. 

Alles wurde komplett modernisiert, den Winx Club gibt es nicht mehr, nur noch eine WhatsApp-Gruppe der Feen, die sich Winx Suite nennt, öfter kommt das Wort Winx nicht mehr vor. Generell scheint es, als würden sich die Protagonist:innen mehr auf die Technik verlassen als auf die Magie, denn wir sehen mehr Instagram-Stories, Videoanrufe und YouTube-Tutorials als echte Zauberei. Das erklärt, warum Tecna, die Fee der Technologie, von den Autor:innen aus der Clique geworfen wurde. Als Charakter musste sie gehen, aber sie reinkarnierte in der Form des 21. Jahrhunderts? Und um zu zeigen, dass die Feen typische Teenager sind, bekommen wir gleich in der ersten Folge Sex, Drugs and Rock ‘n Roll geboten. Die coolen Kinder kiffen eben.  

Schade finde ich, dass die drei bösen Hexen von Winx Club, die Trix, bei Fate in eine Person zusammengepresst werden – in Beatrix, die nur die Elektrizitäts-Zauberkraft einer Hexe (Stormy) besitzt. Damit ist sie auch nur ein Drittel so böse, ernstzunehmend und stark wie ihre Vorbilder. Ich hatte mich eigentlich auf die Darstellung der Trix gefreut, immerhin hätten Icys Eiszauber und Darcys Manipulationskraft kinoreife Effekte und mehr Grusel gebracht.  

Einige der (unendlichen vielen) verwirrenden Details des Originals werden bei Fate aufgeklärt: Musa ist zum Beispiel eine Mentalfee, anstatt einer Musikfee wie im Original. Das bedeutet, sie kann die Gefühle anderer spüren und hört deswegen Musik, um sich einen klaren Kopf zu verschaffen. Aber noch viel wichtiger ist, dass das Universum aufgeräumt wurde, in dem die Feen leben! Im Original gibt es verschiedene Planeten, von denen die Feen jeweils kommen. Aber es ist nie ganz klar, wie alles zusammenhängt. Jetzt gibt es einfach eine andere Welt, in der die unterschiedlichen Planeten zum Kontinent werden und das ganze wird der Schlichtheit wegen auch Anderswelt genannt.  

Trotzdem stellt sich mir eine Reihe neuer Fragen, die mich sauer machen – immerhin hatte ich gehofft, dass die Macher:innen der Realverfilmung nicht nur wie ich fünf, sondern alle acht Staffeln angeschaut haben und ähnlich daran verzweifelt sein müssen, wie wenig Sinn alles ergibt. Vielleicht ist das aber auch ihr liebevolles und künstlerisches Tribut an das Original. Wie sonst lässt sich erklären, dass Bloom keine Ahnung von der Anderswelt hat, die dort lebenden Feen aber alles über Harry Potter, Amerika und die Erde generell wissen und Instagram nutzen? Und mir ist immer noch nicht klar, warum die Spezialisten in einer magischen Welt leben, aber die einzigen Wesen ohne Magie sind – und warum trainieren sie mit Schwertern? Wenn sie Selfies in den sozialen Netzwerken posten können, dann können sie auch moderne Waffen nutzen. Mit Pistolen wäre der Kampf gegen die Bösen wohl auch zu leicht gewesen.  

Still better than Twilight 

Fate kann völlig losgelöst von Winx geschaut werden, es reiht sich wunderbar in die Jugendfilme mit dystopischen Aufstandsgeschichten ein, denn die Aufmachung erinnert sehr an Die Tribute von Panem oder Divergent. Und gerade diejenigen von uns, die immer noch enttäuscht sind, dass der letzte Divergent-Film nie zustande kam, können sich bei dieser Serie freuen: Die Spezialisten, die an der Feenschule zur Kampfelite ausgebildet werden, erinnern nicht nur wegen des harten Trainings, sondern auch wegen der Outfits und den Charakterzügen stark an die Ferox.  

Wer sich von dem Gedanken verabschiedet, bei Fate in Nostalgie schwelgen zu können und wem es auch nichts ausmacht, dass die erste Staffel schon nach sechs Folgen abrupt endet, wird an der Serie Gefallen finden. Es ist keine bahnbrechend neue Geschichte, die Protagonist:innen haben typisch amerikanische Charakterzüge, aber trotzdem werden wir gut unterhalten. Doch egal, ob ihr Fate gucken wollt oder nicht, schaut euch bloß nicht noch einmal das Original an! Behaltet die bunten Winx so in Erinnerung, wie sie in eurer Kindheit waren – tut euch selbst diesen Gefallen.  

Autor*in

Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

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Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

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