Feminist als Egoist

Ein Kommentar von Jonas Koch

Foto: unsplash

Vom ersten feministischen Engagement Mitte des 19. Jahrhunderts bis ins moderne 2020 hat sich eine Menge getan. Schon immer bewegt, provoziert und polarisiert das Thema Feminismus die Gesellschaften. Vom Erkämpfen erster Grundrechte für Frauen bis zur echten Gleichwertigkeit war und ist es leider noch immer ein langer Weg. Dabei fällt auf, dass Männer zu dieser Emanzipation bislang herzlich wenig beigetragen haben. Die Abgabe der eigenen Privilegien fällt nicht nur oft doch schwerer als gedacht, sondern stellt sich für viele auch die Frage, was es überhaupt bedeutet, ein männlicher Feminist zu sein.  

Die Diskussion über den Feminismus ist zunehmend polarisiert. Dabei prallen akademische Selbstverständlichkeiten und sozial verfestigte Lebensrealitäten aufeinander, und während die einen schon im Übermorgen theoretisieren, verharren die anderen noch im Vorgestern. Auch scheint sich vielen Menschen eine Position förmlich aufzuzwingen: Frauen scheinen dazu gedrängt, Feministinnen zu sein und in homogen männlichen Runden wie dem Stammtisch kommt es oft,unangenehmerweise, zum ‚Locker Room Talk’. Frauen mit konservativem Familienbild scheinen sich ebenso rechtfertigen zu müssen, wie männlichen Feministen der Witz über genderneutrale Sprache ungefragt garantiert ist. 

Allgemein halten sich Geschlechterbilder bemerkenswert hartnäckig. Zugeschriebene Eigenschaften werden dabei zwar ständig erweitert und ersetzt, sind jedoch weiterhin quicklebendig.  

‚Wonderwoman’ ist intelligent, erfolgreich, verführerisch und erweitert ihren Beruf der ‚Hausfrau’ um den der ‚Karrierefrau’, während der ‚Karrieremann’ und ‚Hausmann’ hingegen weiter schlicht Mann heißt. Vom Ertragen unverschämter Anmachen, von Sprüchen, Beleidigungen, Komplimenten, Berührungen und Witzen, die zu oft ausschließlich auf das Geschlecht, statt auf die Person gemünzt werden, ganz zu schweigen. Morbide Geschlechterbilder lösen sich auf, aber ihr Aussterben dauert noch lange an.   

Moderne Stammtischrunde. Foto: unsplash

“Querulanten haben am Stammtisch nichts zu suchen!” 

Für Männer reduziert sich das Interesse am Feminismus oft auf eine Beobachterrolle. Sei es aus Desinteresse, Nicht-Betroffenheit, Unwissenheit oder der Angst, sich als Mann nur falsch äußern zu können. Für ‚echte Kerle’ ist das Thema Feminismus kein Thema, sondern Gendersternchen lediglich Ausdruck der himmelschreienden Irrelevanz einer Befreiung von der angeblichen Unterdrückung. Oft verstehen Penisträger den Feminismus auch schlicht falsch; oder pervertieren diese leider oft vorzufindenden Fehlinterpretationen feministischer Anliegen, was absurden Pseudodebatten über die zahllosen Frauen, die doch mit Freude ihr Dasein als Hausfrau im konservativen Familienbild verleben würden, zeigen. Der Entzug von Privilegien wird zu oft als Entzug von Rechten missdeutet.  

Die Befreiung von der Norm, was wirklich männlich ist, ist aber nicht weniger legitim und schreitet nicht weniger schleichend voran als sein feminines Pendant. Der moderne Mann ist Allrounder statt Familienpatriarch; doch noch immer muss er seiner sozialen Rollenerwartung gerecht werden. ‚Superman’ ist erfahren aber neugierig, beruflich erfolgreich aber bescheiden, klug aber nicht intelligent, einfühlsam aber nicht weich, charmant aber nicht belehrend, treu aber frei.”  

Und so wird immer noch der Werkzeugkoffer als Geschenk bei Bezug der ersten Wohnung zur Botschaft mit ungewolltem Subtext: Du bist nun verantwortlich und musst reparieren, installieren, werken können. Auch die Pflicht zum Gentleman ist noch immer da: Jacke abnehmen, Getränke holen, Tür öffnen, Jacke teilen, die Rechnung zahlen. Das ist zwar höflich, aber deshalb nicht weniger eine genderbezogene Erwartungshaltung.  

Welcher Mann darf sich schon schminken oder ist nicht rechtfertigungspflichtig, wenn er Krankenbruder, Putzmann oder Empfangsmann werden will. Welcher Mann kann schon den Billy Elliot machen, ohne als verweichlicht oder verweiblicht denunziert zu werden? 

Dabei geht es um weit mehr, als nur eine mögliche ‚weibliche’ Seite ausleben zu dürfen oder angebliche Frauenberufe zu ergreifen. Es geht darum, seine eigenen Erwartungshaltungen für das eigene Handeln und für das Leben nicht von einem gesellschaftlichen Männlichkeitsbild abhängig zu machen. Darum, sich nicht diktieren zu lassen, wie Mann mit Gefühlen umzugehen hat, für was er sich zu interessieren hat oder welche Dinge er können muss. Der männliche Feminist ist mehr als die stille Zustimmung hinter emanzipierten Frauen. Die Auflösung der Geschlechterbilder bringt auch für Männer die Freiheit, ‚unmännlich’ zu sein. Feminismus funktioniert daher auch für Männer, aus Egoismus. Feminismus – und darauf will ich hinaus – ist eine Angelegenheit aller Geschlechter.   

Autor*in

Jonas studiert Philosophie und Politikwissenschaft und ist seit 2020 Teil der Redaktion. Er ist gebürtiger Osnabrücker und schreibt über Gesellschaft, Literatur und alles, was spannend ist.

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