GEGEN DEN STROM – Filmkritik

Filmstart 13. Dezember 2018

Regisseur Benedikt Erlingsson (Von Menschen und Pferden ISL 2013) lässt seinen neuen Spielfilm Gegen den Strom wie einen Western beginnen. In Cinemascope Breitbildformat schreitet die Protagonistin Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) mit Pfeil und Bogen durch die isländische Natur. Auf der Tonebene unterstreicht der erklingende Marsch einer Trommel Hallas Entschlossenheit, die Starkstrommasten zu sabotieren, die die Stadt, und vor allem das örtliche Aluminiumwerk, mit elektrischer Energie versorgen. Hallas Motivation beruht nicht darin, sich von der Industrie Geld zu erpressen, im Gegenteil. Aus ihrer Perspektive tut sie es für das Gemeinwohl der Stadt, denn die Betreiber wollen das Werk an ein internationales Unternehmen verkaufen. In der Betrachtung schließt sich die Westernmetapher von Indianern und Cowboys, doch diese Geschichte erzählt nicht von dem einsamen Fremden, der zum Beginn des Films in die Stadt geritten kommt, um sie zum Happy End wieder zu verlassen, sondern von Halla, einer fünfzigjährigen naturverbundenen isländischen Chorleiterin und Umweltaktivistin.

Der Originaltitel von Erlingssons Werk ist Kona fer í stríð, frei übersetzt hieße der Film eigentlich „Eine Frau zieht in den Krieg“. Dieser spiegelt die Merkmale präziser wider und verweist bereits mit dem Filmtitel auf die Hyperbel. Aus Marketinggründen hat sich der deutsche Filmverleih hier vermutlich für einen kreativen Euphemismus entschieden. Denn Halla befindet sich buchstäblich in einem Krieg. Mit Drohnen, Hubschrauber und Wärmebildkameras überwacht die isländische Polizei schlussendlich das Gebiet. Fans des 80er Jahre Actionkinos werden sich mitunter an Dutch (Arnold Schwarzenegger) aus Predator erinnert fühlen. Wobei Halla kein Maschinengewehr aus ihrem Rucksack ziehen wird, soviel sei vorweggenommen, denn sie verortet sich nicht nur visuell zwischen Mahatma Gandhi und Nelson Mandela, dessen große Portraits über ihrem Klavier im Wohnzimmer hängen. Erst die Bewilligung eines fast vergessenen Adoptionsverfahrens lässt Halla über ihr Tun zweifeln.

Bereits in den ersten Minuten von Gegen den Strom wird die filmische Immersion auf humoristische Weise gebrochen, indem die den Soundtrack spielende Band in der filmischen Welt nicht nur sichtbar wird, sondern ebenso mit ihr interagiert. Der Film verweist damit ausdrücklich, dass er mit einem Augenzwinkern betrachtet werden soll. Spätestens nach dieser Sequenz sollte niemand mehr einen Politthriller erwarten. Aus dem Grund dürfen die Figuren überzeichnet etwas naiv oder auch dumm handeln, da es der Komik dient. Von Slapstick über makaberen Witz bis zu Situationskomik wird in Gegen den Strom ein breites Spektrum an Humor bedient.

Wem der Humor und das wunderschöne Grün der isländischen Flora nicht ausreichen, für den eröffnet der Film darüber hinaus mehrere politische Diskurse, deren Fortführung er jedoch dem Publikum überlässt. Zum einen über die Globalisierung sowie Vorurteile gegenüber Fremden und zum anderen die selbstbestimmte Kriegserklärung einer Frau gegen Großkonzerne im Verhältnis zu einem jungen Mädchen, welches in einem bewaffneten Konflikt ihre gesamte Familie verliert.

Fazit: In erster Instanz ist Gegen den Strom ist eine wundervolle, abenteuerliche, fast märchenhafte isländische Komödie, die mit einem Augenzwinkern auf ihren Inselstaat schaut, der von Familienstammbäumen, Traditionen und einer traumhaften Flora geprägt ist. Des Weiteren eröffnet der Film Diskurse über die positiven und negativen Auswirkungen der Globalisierung sowie das Familienleben. Regisseur Benedikt Erlingsson gelingt es sehr gut, die Balance zwischen Drama und Komödie zu wahren. 

8 von 10 KinoKatzenpunkten

 

 

 

 


Bildquelle: Pandora Film

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Marc Asmuß
Über Marc Asmuß 43 Artikel
Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

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