Geistigkeit ist (k)ein Privileg der Männer

Der Hochschulbesuch von Frauen war nicht immer selbstverständlich. Ein Rückblick: Frauen und Bildung war bereits 1767 ein heikles Thema. So schrieb Herder in seinen „Fragmenten“: „Das Frauenzimmer gehört ohne Zweifel nicht in die Hörsäle und Studierzimmer der Gelehrten“. Im 18. Jahrhundert war die Frau gemeinhin Gattin, Hausfrau und Mutter.

Auch heute lehren zu wenig Frauen an der Uni, warum wohl? Foto: alo.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts konnten Frauen nur im Ausland studieren. 1896/97 hospitierten die ersten zwölf Frauen an der Uni Kiel, die meisten studierten in den Geisteswissenschaften. Drei Jahre später waren noch immer 76 von 277 Vorlesungen gesperrt. Deutschland war in der Tat das Schlusslicht unter den europäischen Ländern, in denen Frauen studieren durften. 1908 waren zweieinhalb Prozent der Studenten weiblich, der Anteil stieg in der Weimarer Republik 1919 auf knapp zehn Prozent und kletterte 1932/33 auf seinen vorläufigen Höhepunkt mit 18,8 Prozent. In der Zeit des Nationalsozialismus sank die Zahl studierender Frauen erheblich. 1933 durfte der Anteil der Studentinnenzehn Prozent der gesamten Studentenschaft nicht überschreiten, angeblich um die Arbeitslosigkeit zu bewältigen. Gauleiter Giesser riet Studentinnen auf einer Kundgebung in München: „…sie sollten sich nicht an den Universitäten herumdrücken, sondern lieber dem Führer ein Kind schenken.“

Seit 1950 wandelte sich das Frauenbild, sie wurden selbstbewusster und forderten mehr Rechte ein. Der prozentuale Anteil der habilitierten Dozentinnen lag Ende der Dekade bei knapp zwei Prozent. Trotzdem lautete die Aussage eines Professors 1960: „Geistigkeit ist ein Privileg der Männer“. Erst die im internationalen Vergleich befürchtete „Bildungskatastrophe“ führte im Rahmen der Bildungsexpansion in den 60er und 70er Jahren zum Anstieg des Studentinnenanteils in der BRD.

Aus der Studentenbewegung der 1968er-Zeit erwuchs eine neue Frauenbewegung. 1972/73 überstieg der Anteil der Studentinnen zum ersten Mal 30 Prozent. 1980 lag der Anteil der Professorinnen am Lehrpersonal dagegen bei ungefähr drei Prozent. Die Novellierung des Hochschulrahmengesetzes fünf Jahre später legte Hochschulen dann die Verpflichtung auf, auf die Beseitigung von Nachteilen für Wissenschaftlerinnen hinzuwirken. Nahezu an allen Hochschulen in Deutschland wurden Gleichstellungs- und Frauenbeauftragte eingesetzt.

In den 90er Jahren nahm im vereinigten Deutschland die Zahl der Studentinnen weiter zu. 2004 lag ihr Anteil an den Universitäten sogar bei 50,1 Prozent und an den Fachhochschulen bei 37,6 Prozent. An der Uni Kiel gab es im letzten Wintersemester 23 447 Studierende, davon waren 53,7 Prozent weiblich. Auch bei den Studienanfängern war der Anteil im gleichen Studienjahr ähnlich. Bei den Habilitationen kamen die Frauen dagegen nur auf sechs von insgesamt 31. Heute sind von den 2062 Wissenschaftlern nur zirka 1/3 weiblich. Auffällig ist, dass es an keiner der acht Fakultäten mehr Professorinnen als Professoren gibt: Verblüffend sind Zahlen wie 75 zu sieben an der Medizinischen beziehungsweise 103 zu 16 an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Auch an der Fachhochschule Kiel sind mit Abschluss des Jahres 2010 von 121 Professoren nur 22 weiblich. Nur an der Rechtswissenschaftlichen und der Philosophischen Fakultät gibt es mehr wissenschaftliche Mitarbeiterinnen als Mitarbeiter.

Wann brechen die Frauen endlich in die Riege der Männer ein? Foto: alo.

Zu diesem Thema äußerte sich die Gleichstellungsbeauftragte der Uni Kiel Dr. Iris Werner folgendermaßen: „Für viele Frauen bietet der lange und unsichere Karriereweg an der Universität keine attraktive Perspektive, so dass sie sich häufig nach dem Studium lieber in andere Berufsfelder orientieren. Um an gute Stellen heranzukommen, muss man nicht nur gute Leistungen aufweisen, sondern auch gut vernetzt sein“. Hinzukomme, „dass nicht alle Stellenbesetzungs- und Berufungsverfahren so chancengerecht ablaufen“ und dass viele überalterte Geschlechterstereotype noch zu tief und fest in den Köpfen säßen. Hier stellt sich die Frage nach der Frauenquote ganz neu.

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Agnes war bis 2011 Teil der Redaktion.

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