Gestatten: Blackbear

Ein Junge aus L.A. auf dem besten Weg zum Weltruhm

„Niemand kennt Blackbear“ – so begann ich im Mai 2016 eine Plattenkritik über Blackbears EP Drink Bleach. Zu dem Zeitpunkt veröffentlichte der US-amerikanische Musiker neue Musik, scheinbar vollkommen ohne Agenda, stets zuerst auf Soundcloud, hatte keines seiner Alben auf CD rausgebracht und niedliche 743 390 monatliche Hörer auf Spotify. Heute sind es über zehn Millionen. In Deutschland kennt ihn trotzdem noch niemand – dachte ich.

Ich stolperte über Blackbear per Zufall: Beim Erstellen einer unterschwelligen Hass-Playlist, entdeckte ich Idfc vom 2015 erschienenen Album Deadroses – seitdem erzähle ich jedem, der nach meinem Musikgeschmack fragt, von Blackbear. Ja, ich muss zugeben, meine Brust ist über diese Entdeckung stolzgeschwellt. Aber ganz abgesehen davon, dass ich diesen schönen, stets in den Wahnsinn treibenden Satz „Ich fand den schon cool, bevor ihn alle anderen cool fanden“ sagen kann, bekam ich so die fast einmalige Chance, einen Musiker schon halbnackt in der Umkleide beobachtet zu haben, bevor er seinen Sprung ins Haifischbecken der Musikindustrie wagte.

Matthew Tyler Musto wurde am 27. November 1990 in Pennsylvania, USA, geboren, verbrachte seine Kindheit im sonnigen Florida und zog als Teen nach Los Angeles. Eine Stadt, die seiner Karriere förderlich und in seinen Texten immer wieder zu finden ist. Schon in der Schule war er Teil von Polaroid, die für eine High-School-Band sehr aktiv waren. Tatsächlich existiert ein YouTube-Video, in dem Polaroid in einem Taco Bell spontan performt. Mat, bekleidet in einem „1990 Soccer Camp“-Shirt, mit schwarz gefärbten Haaren, einer Frisur, die er damals wohl als cool erachtete, und zweifach gepiercter Unterlippe, beatboxt und rappt. „Baby bear is so fucking cute“, kommentiert eine Nutzerin unter dem Video.

Blackbear // Quelle: Jillianwilsonmbn / Wikimedia Commons https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blackbear_headshot_.jpg
Mat Musto alias Blackbear // Jillianwilsonmbn

Das finden auch viele 16-jährige Mädchen in Berlin. ‚Big Bear‘ war dieses Jahr nämlich zum ersten Mal auf Tour in Europa. Schon in der  – unter anderem durch Ausweiskontrolle – ungewohnt langen Schlange vor dem Club bemerkte ich auffallend viele Menschen, die aussahen, als läge ihr Schulabschluss nicht allzu lang zurück. Bevor die ausverkaufte Show im Gretchen losging, spielten sie Rap – und dann Hollaback Girl. Die Menge rastete aus, ein Typ neben mir sagte: „Ich dachte, ich wäre hier auf einem Rap-Konzert.“ Das Gekreische, das Blackbear empfängt und auch während der, mit ihren nur rund 60 Minuten bedauerlich kurzen, Show nicht abebbt, hat wohl nicht nur mit seinen musikalischen Skills zu tun. Mit den kurz geschorenen blonden Haaren und den komplett schwarzen Klamotten erinnert Mat ein bisschen an den jungen Eminem, wenn auch mit deutlich mehr Tinte unter der Haut. Begleitet wird er von Trompete, Saxophon, Schlagzeug, Gitarren und Klavier, was seinem ohnehin schon guten, aber sonst deutlich elektronischeren Sound, nahezu orchestrale Untermalung verleiht. Diese nutzt er beispielsweise für eine Reggae-Version seines Klassikers Idfc und liefert auch sonst eine hochgradig überzeugende und herausragend unterhaltsame Performance ab. „This is a very sad song“, sagt Mat zwischen zwei Tracks. „It’s about when I got terminally ill – I’m just kidding, it’s about my stupid bitch kinda girlfriend.“

Mit den Leuten, die ihm etwas Unangenehmes angetan haben, abzurechnen, ist eines der Leitmotive seiner Texte. Es geht viel um Herzschmerz, um ungesunde Abhängigkeit, sowohl von Menschen als auch Drogen. Es geht um Kokain, Alkohol und Kalifornien, um Ärsche, Titten und Sex. Nicht immer bin ich ganz zufrieden, mit dem, was er rappt, auch wenn mir straighte Texte und Ehrlichkeit gefallen. Meistens ist es aber die Kombination aus Sprache, Gesang und Mats weicher Stimme, die mich packt. Den musikalischen Mix aus Rap, Hip-Hop, R&B und Pop nennt Mat Musto selbst „Vibe“ – wie passend. Dass der Junge schon fast zu heiß für Berlin ist, spüren alle, die ihn feiern. Plötzlich verschwindet Mat von der Bühne und auch ich kann nicht anders, als lauthals auszurasten, denn um den Outfit-Wechsel gebührend zu überbrücken, schallt der Backstreet Boys-Klassiker I Want It That Way durch die Club-Lautsprecher. Ob Blackbear nach hinten verschwindet, um noch schnell eine Line, oder sich tatsächlich nur umzuziehen, weiß das Publikum nicht. Fakt ist: Auf dem weißen Shirt mit schwarzem GUCCI-Aufdruck, würde das Koks nicht allzu schnell entdeckt werden.

Blackbear kann das alles sehr gut. Das Songschreiben, was er schon 2012 auch für Justin Bieber tat, das Performen, das Drogen nehmen. Ein Talent für präzise Texte, eine herausragende Stimme und ein Gespür für den richtigen musikalischen Moment, fehlen ihm sicherlich auch nicht. Er hat sogar ein zweites musikalisches Projekt gemeinsam mit dem allseits bekannten Mike Posner: Als Hip-Hop und R&B-Duo Mansionz ist auch von ihnen noch einiges zu erwarten. „Mat Musto ist 25 – Zeit, weltberühmt zu werden“ – so beendete ich meine Plattenkritik damals. Das mit dem weltberühmt werden geht auch noch mit 27 recht gut. Und der Schwarzbär ist auf dem allerbesten Weg dahin.


Titelbild: Jillianwilsonmbn

 

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Leona Sedlaczek
Über Leona Sedlaczek 69 Artikel
Leona ist seit Juni 2014 Teil der Redaktion und war von Dezember 2014 bis Februar 2017 Chefredakteurin der Print-Ausgabe des ALBRECHT. Anschließend leitete sie die Online-Redaktion bis Mitte 2018. Leona studiert Englisch und Französisch an der CAU, schreibt für verschiedene Ressorts der Zeitung und kritisiert Land, Leute, Uni und den Status Quo ebenso gerne wie Platten.

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