Gestatten: Punch Arogunz

Hätte jemand Benjamin Schön, genannt Punch Arogunz, als Kind gesagt, er würde mit 26 sein eigenes Label gründen, hätte er diese Aussage vermutlich direkt unterschrieben. Den Weg dorthin hätte er aber bestimmt nicht
vorhersehen können.
Groß gewachsen, mit Tattoos am ganzen Körper und weißen Kontaktlinsen, forderte Punch Arogunz zu Beginn seiner Karriere andere Rapper in sogenannten Battle-Rap-Turnieren zum Duell heraus. Einen Turniersieg konnte er von 2007 bis 2013 zwar nicht einfahren, machte aber neben seinem Auftreten durch eine besondere Raptechnik auf sich aufmerksam. Mit einer aggressiven Betonung und dem Wechsel zwischen schnellen und langsamen Passagen in seinen Liedern, blieb Punch Arogunz den Zuhörern im Gedächtnis. Diese besonderen Merkmale waren vermutlich auch der Grund, weshalb Baba Saad, ebenfalls Rapper und Labelinhaber der Halunkenbande, Punch 2013 unter Vertrag nahm. Was folgen sollte, waren zwei Alben in den Top 20 der deutschen Charts und ein drittes Kollaboalbum mit Baba Saad, welches sogar in die Top 10 vordringen konnte.

Nach dem bis dato letzten Album im Jahr 2016 riss die Erfolgssträhne des gebürtigen Hohenkircheners jedoch abrupt ab. Bei Benjamin Schön wurde die unheilbare Nervenkrankheit Fibromyalgie diagnostiziert, die seinen Körper unter permanente Spannung setzt und starke Schmerzen bereitet. Die weitgehend therapieresistente Krankheit versuchte er mit Schmerztabletten unter Kontrolle zu bekommen, was langfristig zu einer Tablettensucht führte. In der Folge verlor er seinen Job als Tätowierer und überwarf sich zudem noch mit seinem Label, welches er kurz darauf verließ. Seinen darauffolgenden Äußerungen nach zu urteilen, ging Punch mit seinem Labelchef und Freund Baba Saad nicht im Guten auseinander. Auf Grund der Trennung mussten seine Alben vorübergehend von den verschiedenen Streaming-Plattformen heruntergenommen werden und seine Videos auf YouTube wurden gelöscht. Jeglicher Einnahmequelle beraubt, zog Benjamin Schön zu seiner Frau nach Berlin und fing noch einmal bei Null an.
In dieser Zeit wurde es stiller um Punch Arogunz. Er musste lernen, mit seinen Schmerzen zu leben und seine Tablettensucht bekämpfen. Er gründete sein eigenes Label Attitude Movement und veröffentlichte seine alten Alben unter diesem Namen neu. Gleichzeitig nahm er befreundete Künstler, die mit ihm die Halunkenbande verlassen hatten, bei sich auf. Zusammen mit ihnen spielte er 2017 eine Prelistening-Tour zu seinem neuen Album Schmerzlos, welches am 25. Mai erschien und auf Platz 8 in die offiziellen Album-Charts einstieg.

Punch Arogunz schafft es, dem/der Zuhörer*in tiefgründige Themen aus seinem Leben auf gewohnt harte, technisch anspruchsvolle Art und Weise zu vermitteln. Dabei verfällt er nicht in weinerliches Gejammer über seine Probleme, sondern setzt sich konstruktiv mit sich selbst auseinander, während er immer wieder zwischen Doubletime (in doppelter Geschwindigkeit gerappte Passagen) und langsamen Passagen wechselt. Einzelne seiner Zeilen herauszustellen ergibt wenig Sinn, da seine Songs oftmals Erzählungen ähneln und als Ganzes funktionieren. Außerdem kann Punch weiterhin Fans des Battle-Rap für sich begeistern, da er nicht davor zurückschreckt, andere Menschen – wie seinen früheren Freund und Labelchef Baba Saad – in seinen Texten zu attackieren. Mit passenden Beats und hochwertigen Videos erzeugen er und sein Team eine besondere Atmosphäre, die seine Musik untermauert.
In den YouTube-Kommentaren unter seinen Liedern und Interviews finden sich immer wieder die gleichen Worte: authentisch, sympathisch, intelligent und Vorbild. Diese Zuschreibungen fassen den nach außen sichtbaren Charakter des Schulabbrechers sehr gut zusammen. Obwohl er sich in seinen Liedern gerne angriffslustig gibt, wirkt er in Interviews gelassen und redet offen über seine jüngste Vergangenheit, scheinbar ohne dabei Mitleid erwecken zu wollen oder zu prahlen. Mit seiner Persönlichkeit und Musik stieg er innerhalb weniger Jahre zum Vorbild vieler seiner Fans auf und schafft es, seine Zuhörer zu unterhalten.
Sein Charakter spiegelt sich auch in seinem Label Attitude Movement wider. Im Gegensatz zu vielen anderen Labels zwingt er seinen Künstlern keine erdrückenden Verträge auf, sondern lässt ihnen bei der Gestaltung ihrer Musik freie Hand. Ihm geht es nicht darum, den nächsten Trend zu bedienen und dabei viel Geld zu verdienen, sondern darum, das zu machen, worauf er selbst und seine Fans Lust haben. Sein Erfolg auf seiner bisherigen Laufbahn gibt ihm und seinen unter Vertrag genommenen Künstlern wie Cashisclay und Twizzy dabei recht.

Punch Arogunz neuestes Album Schmerzlos hebt sich vom Werk vieler anderer Künstler ab und das nicht nur, weil einer seiner Beatproduzenten erst 15 Jahre alt ist. Statt viele voneinander unabhängige Lieder auf eine CD zu pressen, hat sein Album einen roten Faden mit einem starken Anfang und einem unerwarteten Ende. Seine Liebe zu Konzeptalben spiegelte sich bereits in seinem Debütalbum Carnivora von 2014 wider. Während seine ersten Lieder noch stark an den Battle-Rapper in ihm erinnern, wurde er im späteren Verlauf des Albums ruhiger und reflektierter. Damit symbolisierte er seine eigene Entwicklung vom wilden Jungwolf zum gereiften Rudelführer. Vom Konzept seines neuen Albums sollte sich am besten jeder selbst überzeugen, das Ende soll an dieser Stelle nicht vorweggenommen werden.
Neben der Musik arbeitet Benjamin Schön mittlerweile wieder als Tätowierer in Berlin. Genauso technisch anspruchsvoll und facettenreich wie seine Musik sind auch seine Tattoos. Sie erfreuen sich höchster Beliebtheit – welcher Fan hätte nicht gerne eine ewige Erinnerung an sein Idol auf der Haut?
Seine Vergangenheit scheint Punch Arogunz reifer aber vor allem unverwundbar gemacht zu haben. Als er nichts mehr zu verlieren hatte, setzte der Musiker alles auf seine Rapkarriere und schaffte es mit gereiftem Sound und deepen, aggressiven Texten zurück in die deutschen Charts. Wo die Reise mit dem neuen Label hingeht, bleibt abzuwarten. Fest steht aber, dass es sich lohnt, den Werdegang von Benjamin Schön als Musiker, Tätowierer, aber vor allem als Mensch weiter zu verfolgen.

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