Gewappnet durch den Uni-Dschungel

DER ALBRECHT im Gespräch mit der Initiative ArbeiterKind.de

„Es ist, als ob man nackt durch die Wüste läuft“, meint Franziska. Was im ersten Moment als ein wenig krass formuliert erscheint, ist eine sehr gute Metapher dafür, wie sich Arbeiterkinder an ihren ersten Tagen an der Uni fühlen. Die Uni bildet eine Art Parallelwelt, in der es als normal gilt, mit möglichst vielen Fremdwörtern und verschachtelten Sätzen um sich zu werfen. Doch nicht jeder findet sich im Dschungel der Spitzfindigkeiten sofort zurecht. Vor allem Arbeiterkindern fällt es häufig schwer. Kristin arbeitet seit einem Jahr hauptamtlich für die Initiative ArbeiterKind.de. Auch sie erinnert sich noch genau an ihren ersten Tag an der Uni: „Ich habe mich gewundert, warum um mich herum alle so geschwollen geredet haben und scheinbar schon alle Bücher gelesen hatten. Ich habe mich zunächst fremd gefühlt und hatte den Eindruck, nicht richtig dazuzugehören.“

Mit ihren Erfahrungen sind die beiden nicht alleine. Eines der Hauptziele von ArbeiterKind.de ist deshalb, sich zu vernetzen. Deutschlandweit sind rund 8000 Ehrenamtliche registriert. Auf der Website findet man Informationen zu allen möglichen Fragen, die das Studium betreffen, unter anderem zu Praktika, zum wissenschaftlichen Arbeiten und zur Studienfinanzierung.

Die Kieler Ortsgruppe von ArbeiterKind.de besteht zurzeit aus acht bis zehn Mentoren. Sie unterstützen andere Studierende in unterschiedlicher Form. Einmal im Monat organisieren die ehrenamtlichen Mitglieder von ArbeiterKind.de einen Stammtisch zu verschiedenen studienrelevanten Themen, wie zum Beispiel Stipendien oder Auslandsstudium. Auch wer Fragen zum Thema Studienfinanzierung hat oder allgemein Orientierung im Studium sucht, kann bei den Treffen von ArbeiterKind.de vorbeischauen. Darüber hinaus findet am 22. Oktober 2015 ein Stipendientag statt, an dem sich Förderwerke vorstellen und Stipendiaten von ihren persönlichen Erfahrungen erzählen. Besonders Studierende, die als erste in ihrer Familie studieren, sollen angesprochen werden.

Das Problem ist jedoch vielschichtiger. Viele Arbeiterkinder kommen erst gar nicht an die Uni. „Der Bildungsweg ist in Deutschland noch stark von der sozialen Herkunft geprägt“, erklärt Kristin. Das Ziel der Initiative sei deshalb eindeutig. „Wir wollen den Anteil der Studierenden der 1. Generation erhöhen.“ Soziale Erhebungen bestätigen ihre Aussagen. Laut Statistik des Deutschen Studentenwerks studieren von 100 Akademikerkindern 77, bei Arbeiterkindern sind es jedoch nur 23. „Man kann sich den Selektionsmechanismus vorstellen wie einen Trichter, je höher die Stufe, desto weniger Arbeiterkinder. Menschen in Führungspositionen suchen Leute, die ihnen in ihrer Art und Verhalten ähneln, nach dem Motto ‚Schmidtchen sucht Schmidtchen‘“, meint Franziska.

Nicht nur die Strukturen sind ein Problem. Viele haben auch Bedenken, ob sie es schaffen können. Bei ihren Schulbesuchen versucht Franziska genau diese Bedenken aus dem Weg zu räumen: „Oft haben die Schüler Fragen zur Finanzierung, zum BAföG zum Beispiel. Aber auch wie man sich das Studium vorstellen kann oder was für Möglichkeiten man später damit hat, wird oft gefragt“. Darüber hinaus reagierten Eltern von Arbeiterkindern auch häufig mit Unverständnis, zum Beispiel mit Sprüchen wie, „Du studierst zu lange“ oder „Willst du später Taxi fahren? Es gibt doch so viele arbeitslose Akademiker.“ Deshalb ist für Franziska der Erfahrungsaustausch so wichtig. Auch Kristin findet: „Es ist wichtig zu wissen, dass man mit seinen Problemen nicht alleine ist, Arbeiterkind.de nimmt dabei eine Art Familienfunktion ein.“ So werde sich auch mal fachlich ausgetauscht oder eine Bewerbung Korrektur gelesen.

Durch das Engagement der Arbeiterkind.de– Gruppe hat die Debatte um soziale Herkunft und Studium auch die Politik erreicht. Schon werden jedoch Gegenstimmen laut. „Einige Politiker behaupten, dass zu viele Menschen studieren. Uns geht es jedoch nicht darum wie viele studieren, sondern darum, dass auch Arbeiterkinder eine Chance bekommen“, betont Kristin. Franziska nickt: „Die zentralen Themen sind Chancengleichheit und Wahlfreiheit.“ Ihr Tipp an alle Uni-Neuankömmlinge: „Fragt, wenn ihr Fragen habt – es gibt keine blöde Fragen!“


Alle die Fragen rund ums Studium haben, z.B. warum studieren, was studieren und wie finanzieren, sind herzlich eingeladen, bei der Kieler Gruppe von Arbeiterkind.de vorbeizukommen.

Der Stammtisch findet immer am ersten Donnerstag des Monats statt, der nächste also am 05.11., ab 18:30 Uhr im Café Jume, Harmsstr. 83, Kiel.

Mehr Informationen, auch für alle die am Mentorenprogramm interessiert sind, gibt es unter: http://www.kiel.arbeiterkind.de/ oder per email an kiel@arbeiterkind.de


 

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Mirjam ist seit 2013 Redakteurin des Albrechts.

Mirjam Michel
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