Marc Asmuß

I’d Like to Thank the Academy

Written by Marc Asmuß. Posted in Kinokatze, KULTUR

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Published on Februar 24, 2017 with No Comments

Kaum eine Preisverleihung der Filmbranche erlebt solch eine internationale Aufmerksamkeit wie die Academy Awards. Wobei sie nur einen Bruchteil der internationalen Filmproduktionen repräsentieren und darüber hinaus bei Fachleuten kein besonders hohes Ansehen genießen. Über die fast neunzigjährige Geschichte steht wiederholt in der Kritik, nicht den Film, sondern sich selbst zu feiern. Nichtsdestotrotz werden in diesem Jahr wieder Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt vor den Fernsehern sitzen und dabei zusehen, wie schöne Menschen in schönen Kleidern und schönen Anzügen über einen roten Teppich laufen und der Academy danken.

Die „Reminder list of productions“ für die 89. Academy Awards ist lang. 34 Seiten umfasst die Auflistung von Filmen, aus der die Academy ihre Nominierungen auswählt. Um auf dieser Liste zu stehen, muss der Film bei der Academy of Motion Picture Arts and Sciences eingereicht werden und spezielle Kriterien erfüllen. In diesen formellen Zulassungsbedingungen für eine Oscar-Nominierung spiegelt sich der Fokus der Preisverleihung wider: Hollywood. Der Film muss, abgesehen von den technischen Voraussetzungen, die aufgrund der Digitalisierung der Kameratechnik so gut wie redundant geworden sind, in einem öffentlichen Kino in Los Angeles für mindestens sieben aufeinanderfolgende Tagen jeweils drei Vorstellungen nachweisen, von denen eine zwischen 18 Uhr und 22 Uhr stattzufinden hat. Dadurch wird der Zugang für internationale Produktionen per se nicht ausgeschlossen, jedoch erschwert. Schlussendlich bleibt ihnen nur noch die Chance über die Kategorie ‚Bester fremdsprachiger Film‘ (für den im letzten Jahr Sebastian Schippers Victoria nicht zugelassen wurden, da das Protagonisten-Pärchen mehr Englisch als Deutsch spricht) nominiert zu werden. Weniger stark reglementiert sind die Teilnahmebedingungen bei den Kategorien ‚Bester Kurzfilm‘ und ‚Bester Dokumentar-Kurzfilm‘.

Es sind die sogenannten ‚großen‘ Kategorien die Hollywood am liebsten unter sich aufteilt. Favorisiert werden in der Regel Heldenreisen, epische Historienverfilmungen, Biopics und selbstverständlich Geschichten die entweder Hollywood oder das Showbusiness selbstreflexiv behandeln. Die vergangenen beinahe 90 Jahre zeugen nicht von einem besonders progressiven Charakter. Der ‚Geschmack‘ der Academy könnte als eher konservativ oder reaktionär beschrieben werden. Dabei stellt sich die Frage, wie objektiv die Mitglieder ihre Kollegen*innen bewerten. Viele der sprichwörtlichen Meilensteine der Filmgeschichte wurden von der Academy gar nicht oder nur nachträglich bedacht. So haben weder Stanley Kubrick, Alfred Hitchcock noch Charles Chaplins je einen Oscar gewonnen. Wäre die Academy eine Person, dann könnte sie polemisch als weißer, männlicher, heterosexueller Schauspieler Ende fünfzig beschrieben werden (siehe dazu den Bericht INCLUSION or INVISIBILITY? vom Institute for Diversity and Empowerment at Annenberg  oder dem 2016 Hollywood Diversity Report der UCLA).

Die Ursache dafür liegt zum einen in ihrer Struktur, die die Academy Awards per se zu einem außergewöhnlichen Preis machen, aber stattdessen Fluch und Segen zugleich sind. Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ist ein sich reproduzierender Apparat. Fälschlicherweise könnte vermutet werden, dass eine elitäre Runde in ihrem Elfenbeinturm die Auszeichnungen verteilt, dies ist nur zum Teil richtig. Die Academy ist eine ausgewählte Gruppe die knapp 7 000 wahlberechtigte Mitglieder umfasst. Sie besteht aus unterschiedlichsten Arbeitsbereichen der Filmbranche. Jede Gruppe nominiert ihre Kolleg*innen. Schauspieler*innen die Schauspielkategorien, Regisseur*innen ‚Beste Regie‘ und so weiter. Für den besten Film dürfen alle abstimmen. Nachdem die Nominierungen abgeschlossen und verkündet sind, wählen alle Mitglieder aus den Nominierungen ihre Favoriten. Die Krux liegt in der Neuaufnahme von Mitgliedern jeglicher Minderheiten. Um aufgenommen zu werden beziehungsweise eine Einladung von der Academy zu erhalten, benötigt es eine Empfehlung von mindestens zwei Mitgliedern. Schauspieler*innen müssen darüber hinaus in den letzten fünf Jahren drei Abspannerwähnungen aufweisen können. Oscar-Nominierte erhalten in der Regel automatisch eine Einladung, der Academy beizutreten. Somit wählt eine relativ homogene Gruppe von Filmschaffenden aus einer bereits durch die Produktionsstudios auf ökonomischer Basis segregierten Kinomarkt ihre Nominierungen aus. Dieser Zustand begünstigt bestehende Strukturen und Muster der Filmauswahl und mindert somit die Chancen von Produktionen abseits des Mainstreams.

Nach erstarkender Kritik (#OscarsSoWhite) gegenüber der homogenen Zusammensetzung der Academy und deren ungleichgewichteten Nominierungen, wurden im Jahr 2016 683 neue Mitglieder eingeladen, um die Diversität der Academy zu erhöhen. Die ‚Einladungswelle‘ steigerte insbesondere die Zahl internationaler, People of Color sowie weiblicher Filmschaffender. Die Idee ist gut, doch es bleibt bei einem Ansatz. Denn das Verhältnis von beispielsweise Frauen und Männer liegt selbst nach der großen ‚Einladungswelle‘ von 2016 bei über Zweidrittel zugunsten der männlichen Mitglieder. Bei den Mitgliedern mit Migrationshintergrund ist der Anteil noch niedriger, dieser liegt derzeitig bei elf Prozent.

Diese Zahlen spiegeln sich in den Nominierungen und Auszeichnungen wider. Sidney Poitier (Lilies of the Fiel) war 1963 der erste afroamerikanische Schauspieler, der die Auszeichnung ‚Bester Schauspieler‘ in einer Hauptrolle erhalten hat. Danach dauerte es 38 Jahre bis Denzel Washington für Training Day ausgezeichnet wurde und noch ein Jahr, bis Halle Barry 2002 die erste afroamerikanische Schauspielerin war, die für ihre Hauptrolle in Monster’s Ball ausgezeichnet wurde. In den kleineren Kategorien gab es in der Vergangenheit bereits afroamerikanische Gewinner*innen, in den ‚großen‘ werden jedoch bevorzugt Weiße ausgezeichnet.

Chris Rock, Moderator der letztjährigen Preisverleihung, kommentierte den Diskurs um den „Preis der Weißen“ unter anderem so: „Why this Oscars? It’s the 88th Academy Awards. […] You gotta figure that it happened in the 50s, in the 60s […] and black people did not protest. Why? Because we had real things to protest at the time, you know? […] We were too busy being raped and lynched to care about who won best cinematographer. You know, when your grandmother’s swinging from a tree, it’s really hard to care about best documentary foreign short.”

Gleichwohl die Academy keine Alleinschuld an der Situation trägt. Die Weichen werden bereits in der Produktion, beim Casting gestellt. Der Kinofilm ist ein Produkt, welches für einen jeweiligen Markt erzeugt wird. Das wurde bei der Entwicklung des Farbfilms in den 1940er Jahren deutlich. Die ersten Farbfilme wurden speziell für Menschen mit heller Hautfarbe konzipiert, damit ein möglichst hoher Kontrast zwischen der hellen Haut und der bunten Kleidung dargestellt werden konnte. Dunkle Farben wurden kaum berücksichtigt, weshalb sie auf dem Film einen schlechteren Kontrast auswiesen. Das soll die homogenen Nominierungen der Academy nicht entschuldigen, aber den Blick für die Problematik erweitern.

In diesem Jahr ist die Kritik um den „Preis der Weißen“ wieder etwas ruhiger geworden. Die Proteste konzentrieren sich stattdessen auf US-Präsident Trump. Der iranische Regisseur Asghar Farhadi, nominiert für den besten fremdsprachigen Film (The Salesman), ruft über The New York Times seinen Boykott der Preisverleihung aus. Mit der Absage möchte Farhadi gegen Donald Trumps Bestreben protestieren, ein Einreiseverbot für Menschen aus dem Iran, Irak, Libyen, Somalia, Sudan Syrien und Jemen zu erwirken. Mediale Großveranstaltungen können gleichzeitig zur politischen Bühne werden. 1973 entsandte Marlon Brando die AIM-Aktivistin (American Indian Movement) Sacheen Littlefeather an seiner Stelle zu den Academy Awards, um auf die schlechten Lebensbedingungen der amerikanischen Ureinwohner hinzuweisen und verlangte, solange keine Preise zu vergeben, bis sich diese drastisch verbesserten. Woody Allen boykottiert die Oscars aus ‚persönlichen Gründen‘. Er sagte 2007 in Die Zeit, ein Film sei für Hollywood vor allem die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Er habe nichts gegen Los Angeles, aber sei eben ein New Yorker Filmemacher.

Wer die Academy Awards, wie Woody Allen, nicht mag, kann seinen Fokus auf andere Filmpreise legen. Da wäre zum einen der von internationalen Hollywood-Journalisten (Hollywood Foreign Press Association (HFPA)) verliehene Golden Globe Award, nur wenige Wochen vor den Oscars. Neben den Kinofilmen vergibt die HFPA ebenso Preise an Fernsehproduktionen und unterscheidet in den Kategorien zusätzlich zwischen Drama und Komödie/Musical. Darüber hinaus ist der Filmpreis kein Privileg Hollywoods, viele Länder vergeben Filmpreise, so zum Beispiel der César in Frankreich, British Academy Film Award, Jussi (Finnland), Cóndor de Plata (Argentinien), der Deutsche Filmpreis sowie seit 1988 der Europäische Filmpreis. Sie eint jedoch das Stigma, nicht so glamourös wie die Academy Awards zu sein und parallel ihren Schwerpunkt ebenso auf nationale Produktionen zu legen, weshalb das internationale Interesse beim allgemeinen Publikum schwächer ausfällt als beispielsweise bei den Oscars.

Eine Alternative zu Preisverleihungen der Filmbranche bieten Filmfestivals. Dort werden ausgewählte Filme vorgeführt, häufig parallel oder vor dem eigentlichen Kinostart, aus denen eine Jury die Gewinner*innen kührt. Filmfestivals sind in der Regel international und thematisch offener aufgestellt als Filmpreisverleihungen. Drei der bekanntesten sind die Internationalen Filmfestspiele von Cannes, die Berlinale sowie Internationale Filmfestspiele Venedig. In den vergangenen Jahren sind zudem viele kleinere Filmfestivals entstanden, die sich wiederum von den größeren Festivals abgrenzen. So findet in Berlin seit fünf Jahren, anfangs als Gegenbewegung zur Berlinale, die GENRENALE statt, ein Festival des Genrefilms. In New York zeigen und prämieren das von Robert De Niro und Jane Rosenthal gegründete Tribeca Film Festival, das Sundance Film Festival in Utah und das Toronto Independent Film Festival vornehmlich kleinere unabhängige Filmproduktionen. Womit ebenso die jüngeren Filmemacher*innen, ohne eine riesige Produktionsfirma hinter sich, Anerkennung erhalten. Bei Publikum und Kritiker*innen haben die Indie-Film Festivals bereits an Wertschätzung gewonnen.

Nichtsdestoweniger werden auch dieses Jahr wieder Millionen Menschen auf der Welt die Academy Awards an den Bildschirmen verfolgen. Vielleicht haben die Mitglieder in diesem Jahr weniger reaktionär abgestimmt. Die Nominierungen sind zumindest heterogener ausgefallen, als in den letzten Jahren (Fences, Hidden Figures, Lion, Moonlight). Ob das Ergebnis auf die Proteste des letzten Jahres, die Neuaufnahmewelle der Academy, zurückzuführen oder nur ein kurzes Auflodern ist, wird die Zukunft zeigen. Zumindest ist die Academy auf dem richtigen Weg und um verfestigte Strukturen aufzubrechen, bedarf es Zeit.


Bildquelle: www.flickr.com/photos/disneyabc/11969296755 (Disney ABC Television Group)

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About Marc Asmuß

Marc Asmuß

Marc studiert seit 2013 Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte Kinokatze.

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