Im Zweifel gegen den Angeklagten

Am 9. Februar 1992 lief Earvin „Magic“ Johnson zum letzten Mal als NBA All Star auf. Trotz seines Rücktritts zu Beginn der Saison war er von den Fans in die Starting Five gewählt worden und durfte so für die Auswahlmannschaft der Western Conference spielen und die MVP-Trophäe, die dem besten Spieler verliehen wird, mit nach Hause nehmen. Zum Zeitpunkt seines Rücktritts war Johnson 32 Jahre alt, im besten Basketballalter, jedoch HIV-positiv. Eine Routineuntersuchung hatte vor Beginn der Spielzeit seine Infektion offenbart und ihn gewissermaßen zum Rücktritt gezwungen. Mehr als die bloße Diagnose waren jedoch die Reaktionen seiner Mit- und Gegenspieler ausschlaggebend, die sich gefährdet sahen, sollte sich Johnson während eines Spiels eine offene Wunde zuziehen. Spätere Aufklärungsarbeit sorgte dafür, dass HIV und AIDS in der US-amerikanischen Öffentlichkeit nicht mehr als ausschließlich Homosexuelle betreffend gesehen werden – Earvin Johnson hat daran großen Anteil.

Der deutsche Gesetzgeber scheint diese Erkenntnis jeodoch noch nicht gewonnen zu haben. Homosexuelle werden auch heute noch unter einen Generalverdacht gestellt. Wer als Mann gleichgeschlechtlich liebt, darf weder Blut noch Blutbestandteile spenden – auch nicht, wenn er seit Jahren in einer festen Beziehung lebt und beide Partner HIV-negativ sind. Heterosexuellen sind keine Steine dieser Art in den Weg gelegt – egal wie groß die Fluktuation der Sexualpartner auch ist; „häufig wechselnde Partner“ ist eine äußerst subjektive Begrifflichkeit. Homo- und bisexuelle Männer bilden die am stärksten von HIV und AIDS betroffene Bevölkerungsgruppe der westlichen Welt, Freddie Mercury ist wohl der bekannteste AIDS-Tote.

Männer, die mit Männern Sex haben (MSM), machen den größten Teil der HIV-positiven Men schen aus, unverhüteter Analverkehr ist, was eine HIV-Infektion betrifft, risikoreicher als unverhüteter Vaginalverkehr. Rechnet man diesen Tatsachen die öffentliche Wahrnehmung homosexueller Männer zu, ergibt sich die Grundlage der Diskriminierung. Es scheint, als wären alle Schwulen hedonistische Dauerdruffis, die ohne Kondom alles darauf anlegen, Casanova wie einen Chorknaben aussehen zu lassen. Wem bei dieser Beschreibung eher Charlie Sheen als irgendein homosexueller Mann einfällt, erkennt das zugrundeliegende Problem: Rücksichtsloses, risikoreiches Verhalten ist keine Besonderheit eines homosexuellen Liebeslebens, sondern eine in Menschen aller Teile der Bevölkerung vorzufindende Ausprägung von Kurzsichtigkeit. Nutzt ein Mann immer Kondome – der neben Abstinenz wirksamste Schutz gegen HIV – und hat außerdem nur mit ebenfalls HIV-negativen Männern Sex, darf er dennoch nicht Blut oder Blutbestandteile spenden. Dieser Ausschluss geschieht unabhängig von Risikoverhalten – MSM sind damit auf einer Stufe mit unter anderem Drogenabhängigen und Gefängnisinsassen. Dass diese Maßnahme diskriminierend und oftmals ungerecht ist, steht außer Frage – die Statistik gibt ihr aber Recht. Mehr als drei Viertel der HIV-Infizierten in Deutschland sind Männer, das größte Übertragungsrisiko durch Koitus liegt bei passivem Analverkehr bei 0,5 Prozent. Weltweit gesehen sind die Infizierten zu gleichen Teilen männlich wie weiblich. MSM dürfen in Staaten wie Südafrika, Russland, Mexiko, Argentinien, Spanien, Portugal und Italien Blut uneingeschränkt spenden. Kanada, Australien, Brasilien, Neuseeland, Tschechien und Finnland gehören zu der Liste der Länder, die zeitliche Restriktionen geltend macht. Indien und Norwegen hingegen haben die weitreichendsten Einschränkungen: Frauen, die mit MSM Sex haben, dürfen hier kein Blut spenden, eine Statistik, die im deutschen Sprachraum nicht erhoben wird.

Diese Art der Diskriminierung ist nur Teil der, manchmal immerhin gut gemeinten, Sonderstellung, die Minderheiten wie Homosexuelle zu ihrem Nachteil einnehmen. Dient der Ausschluss von Blutspenden Sicherheitsaspekten, so haben andere Mechanismen keinen zu Grunde liegenden Sinn. ‚Hetero‘ ist keine gesellschaftlich gebräuchliche Beleidigung, ‚gay‘, ‚schwul‘ und ‚homo‘ sind es. Wenn jemand etwas als ‚gay‘ bezeichnet ist er meistens entweder ein Zeitreisender aus dem England des 16. Jahrhunderts, der ‚fröhlich‘ meint, oder er benutzt sexuelle Orientierung und Freizügigkeit als Beleidigung. Dieses Phänomen ist nicht neu, schon im 17. Jahrhundert hatte der Begriff ‚gay‘, der als Nachname dem deutschen ‚Fröhlich‘ und seinen Derivaten entspricht, seine ursprüngliche Bedeutung erweitert und bedeutete vergnügungssüchtig. Über die damit einhergehende Haltung, gesellschaftliche Normen zu missachten, ergab sich die zusätzliche Bedeutungserweiterung, die wir heute als Denotation kennen. Andere Wörter wie ‚queer‘ tragen immer noch die Bedeutung ‚verquer‘ und werden von gewissen Teilen der LGBT Gemeinde dementsprechend rezipiert.

Earvin Johnson hat es nicht nötig, Blut spenden zu gehen, um sich ein Zubrot zu verdienen, selbst wenn er es könnte. celebritynetworth.com listet sein Vermögen auf 500 Millionen US-Dollar. Er wird aller Wahrscheinlichkeit nach nicht an den Folgen seiner Krankheit sterben, die Chancen stehen gut, dass AIDS bei ihm nie ausbricht, er kann sich alle nötigen Medikamente leisten. Er konnte an den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona teilnehmen, spielte Mitte der Neunzigerjahre so gar einige Spiele für seine alte Mannschaft und ist seitdem als Coach und Fernsehanalyst tätig gewesen. Er konnte Aufklärungsarbeit leisten und leidet nicht sichtlich unter seiner Diagnose. HIV-Infizierte leiden unter ihrer Krankheit, andere Menschen leiden unter einem Generalverdacht, den ihre sexuelle Orientierung mit sich bringt. Mehr als Reichtum und Sportlerstatus unterscheidet Earvin Johnson von letzteren vor allem durch eins: Er ist heterosexuell.

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Über Paul Niklaus Stahnke 0 Artikel
Paul war seit Ende 2012 Teil der Redaktion. Neben der Gestaltung des Layouts schrieb Paul gerne Kommentare und ließ die Weltöffentlichkeit an seiner Meinung teilhaben. In seiner Freizeit studierte Paul Deutsch und Anglistik an der CAU.

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