In einem sicheren und fremden Land

Syrische Flüchtlinge im Konflikt mit der deutschen Bürokratie

DER ALBRECHT traf den syrischen Flüchtling Mohammed*. Der IT-Ingenieur muss mit seiner Frau und seinem 10-­jährigen Sohn in Deutschland wieder bei null anfangen. Wir haben ihn sowohl zu seiner Flucht als auch zu Alltagsproblemen mit der deutschen Kultur befragt.

DER ALBRECHT: Woher kommen Sie und wie waren bei Ihrer Flucht die Verhältnisse in Ihrem Land beziehungsweise sind sie zurzeit?

Mohammed: Meine Familie und ich stammen aus dem Osten Syriens. Vor dem Krieg ging es uns sehr gut, doch als die Revolution 2011 ausbrach, gelangten Fremde in unser Land. Sie zwangen uns, unsere Häuser zu verlassen, sagten, sie würden für die ISIS kämpfen und keine Christen mehr im Land dulden. Ich bin Muslim, aber meine Frau ist Christin, deshalb mussten wir fliehen und Syrien verlassen. Früher hatten wir die Freiheit zu glauben, wovon wir selbst überzeugt sind. Heute ist das anders: Meine Schwiegermutter wurde auf der Straße von Männern angehalten, die sie aufforderten, ihr Haar zu verdecken. Sie antwortete, sie sei Christin und weigere sich. Die Männer entgegneten, das Ziel der ISIS sei, Syrien zu einem gänzlich islamischen Land zu machen. Sie ermordeten meine Schwiegermutter auf offener Straße. Meine eigene Mutter und vier meiner Schwestern sind noch in Syrien. Doch seit mehr als zwei Monaten ist die Stadt vollständig von der ISIS umlagert und die gesamte Elektrizität und Kommunikation nach außen wurde gekappt. Keiner darf mehr rein oder raus. Wir können also keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen, wissen nicht, wie es ihnen geht und können nur aus der Ferne die Nachrichten schauen und hoffen.

Würden Sie, wenn der Krieg bald ein Ende nehmen würde, zurück nach Syrien wollen?

Ich glaube nicht, dass der Krieg ein baldiges Ende nehmen wird, denn die europäischen Regierungen unterstützen Fraktionen in Syrien noch immer mit Geld und Waffen. Meiner Meinung nach ist das der falsche Weg. In Syrien haben wir nichts mehr, wofür es sich zurückzugehen lohnt. Unser Haus und unsere Arbeitsstellen, alles wurde abgebrannt und zerstört.

Können Sie mir Probleme schildern, die Sie mit Ämtern und öffentlichen Stellen nach Ihrer Ankunft in Deutschland erlebt haben?

In Deutschland kamen wir zuerst nach Neumünster, wo alle sehr freundlich und hilfsbereit waren. Nach zwanzig Tagen wurden wir nach Kiel überwiesen und waren auf uns allein gestellt. Unsere ersten Begegnungen mit dem Sozialamt waren sehr verwirrend. Wir versuchten es zuerst mit Englisch, doch das funktionierte nicht, da es für bestimmte Dinge keine Übersetzung gibt, oder es dir niemand erklären will oder kann. Ich wollte es aber verstehen, habe um eine Erklärung per Mail auf Englisch gebeten und bis heute keine Antwort erhalten. Immer wieder muss ich dort hinterherlaufen. Und die monatlichen Bescheide erreichen uns meist erst Monate später.

Ein weiteres Problem ist die ärztliche Versorgung. Nachdem man mich mehrmals zwischen Sozial- und Gesundheitsamt hin und her schickte, erhielt ich meine vom Arzt ausgestellte Physiotherapie erst nach vier Monaten, meine Frau sogar erst nach sechs. Ein anderes Mal benötigte ich ein Rezept  für orthopädische Schuhe. Der Arzt sprach die ganze Zeit Deutsch. Ich fragte ihn, ob er Englisch oder Französisch spreche, doch er verneinte. „Kein Englisch, nur Deutsch“, sagte er mir und unterhielt sich dann mit seiner Assistentin. Ich verstand leider nur Bruchstücke: „Asyl. Asyl. Zu viel Asyl in Deutschland“, wiederholte er die ganze Zeit. Mein Problem mit meinem Fuß und den Schuhen ignorierte er. Er sagte, ich solle gehen, und dass ich per Post Bescheid bekommen würde. Ich warte bis heute darauf.

Haben Sie eine Idee, wie man Flüchtlinge auf solche Dinge besser vorbereiten kann?

Die Auffangstationen könnten die Flüchtlinge auf die deutsche Kultur und Bürokratie bereits vorbereiten. In Syrien ist es üblich, bei Krankheit oder Problemen direkt zum Arzt oder der zuständigen Stelle zu gehen – ohne Termin. Hier braucht man für alles einen Termin. Das kennen wir so nicht. Man sollte den Flüchtlingen so etwas so früh wie möglich erklären, um beiden Seiten die Dinge zu erleichtern.

Wie steht es um Ihren Sohn? Hat er die Möglichkeit, zur Schule zu gehen?

In Kiel bekam er direkt die Möglichkeit, zum „Deutsch­-als-­Zweitsprache“­ Zentrum (DaZ) der Max-­Tau-­Schule zu gehen. Er muss viele Hausaufgaben machen und hat gute Lehrer, doch leider wechseln diese immer wieder oder werden krank. So lernen die Kinder leider wenig im Unterricht, aber dafür viel untereinander. Miteinander sprechen sie nämlich  nur auf Deutsch und lernen so sehr schnell und viel. Als wir im September 2014 Kiel erreichten, bestand für uns als Erwachsene keine Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Jetzt aber haben wir unsere Aufenthaltsgenehmigung erhalten und damit das Anrecht, einen Sprachkurs zu belegen. Wir sind gebildet, wir wollen Deutsch lernen.

Halten Sie es für möglich, dass Sie in Ihrem erlernten Beruf eine Anstellung finden?

Ich bin gelernter IT-Ingenieur und meine Frau ist Pharmazeutin. Ich denke, da gibt es eine Chance. Im Jobcenter hat man uns gefragt, ob wir arbeiten oder Geld vom Sozialamt beziehen wollen. Wir antworteten, wir würden natürlich arbeiten wollen.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Bernadette Janik. Übersetzt aus dem Englischen: Bernadette Janik.

*Name geändert

 

Bernadette ist seit 2013 Teil der Redaktion.

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