Rechtsextremismus mit Aufklärungsarbeit bekämpfen

DER ALBRECHT: Herr Mohr, nahezu jedes Semester bieten Sie ein Seminar mit dem Titel „Rechtsextremismus“ für die Studierenden an. Wie kommen Sie dazu?
Joachim Mohr: Als Soziologe ist es meine Aufgabe soziale und gesellschaftliche Phänomene zu betrachten. Dazu gehört auch der Rechtsextremismus. Politischer Extremismus ist allgemein ein spannendes Thema, da sich die Lage der Gesellschaft oft an ihren Rändern widerspiegelt. Außerdem stoße ich bei den Studierenden immer wieder auf großes Interesse, das ist für mich eine Motivation weiterzumachen.

Immer wieder werden ‚Rechtsextremismus’ und ‚Linksextremismus’ in einem Atemzug genannt. Warum haben Sie sich trotzdem bewusst dafür entschieden über den Rechtsextremismus aufzuklären?
 Der Rechtsextremismus birgt momentan das höhere Gefahrenpotenzial für die Gesellschaft und die Politik. Neonazis wollen einen totalitären Führerstaat und hetzen gegen alles was fremd ist. Damit greifen sie die Demokratie in Deutschland mit offenem Visier an. Die Bedrohung durch den sogenannten Linksextremismus war hingegen in den 70er Jahren stärker ausgeprägt.

Was halten Sie von dem Begriff ‚Rechtsextremismus’?
Rechtsextremismus ist heute eigentlich nicht mehr definierbar. Dafür ist der Begriff zu weit gefächert. Denn was ist Rechtsextremismus? Er hat heutzutage die verschiedensten Erscheinungsformen. Rechtsextremismus kann beispielsweise überhöhten Nationalismus oder Faschismus meinen. Außerdem gibt es die ‚alte Rechte’, die sich dem Nationalsozialismus zuwendet und die ‚neue Rechte“, die dem Rechtsextremismus einen intellektuellen Überbau geben möchte. Weiter gibt es verschiedene Jugendgruppierungen, die sich dem rechten Spektrum zuordnen lassen und es gibt die rechte Musikszene oder die Fußball-Hooligans, die rechts sind. Dies spiegelt die breite Binnendifferenzierung der rechtsextremistischen Szene wider.

Gibt es heute also noch die ‚klassischen Rechten’, die Neonazis, die man sofort erkennen kann?
Vereinzelt würde ich sagen ja, aber eher selten. In den 90er Jahren, als ich angefangen habe mich in meinem Studium mit Rechtsextremismus zu beschäftigen, war das noch einfacher. Da gab es die klassischen Skinheads mit Bomberjacke und Glatze. Rechte Punks hatten weiße Schnürsenkel und linke Punks hatten rote Schnürsenkel. Heute gestaltet sich das schwieriger. Außerdem haben Rechtsextremismus und rechtes Gedankengut heute weitgehend Eingang in die gesellschaftliche Mitte gefunden.

Was bedeutet für Sie die ‚gesellschaftliche Mitte’? Und was leitet sich aus dieser Erkenntnis ab?
Ich arbeite neben meiner Tätigkeit als Dozent an der Universität auch als Lehrer an einer Oberschule in Husum. Dort mache ich manchmal das Experiment, dass ich den Schülern Fragebögen gebe, mit Fragen wie: ‚Sind Sie der Meinung, dass Ausländer den Deutschen Arbeitsplätze wegnehmen?’ Viele Schüler kreuzen dann ‚ja’ an, ohne dass sie von sich behaupten würden sie seien rechtsextrem. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Denn mit dem Slogan ‚Deutsche Arbeitsplätze für Deutsche Staatsbürger’ wirbt die NPD auf ihren Wahlplakaten.

Was bedeutet,…
…dass es heute weitaus schwieriger ist, Rechtsextremismus auszumachen. Das ist natürlich gefährlich für die Gesellschaft im Allgemeinen und macht es für uns Forscher schwieriger eindeutige Statistiken über Zuwachs oder Abnahme der rechten Szene zu erheben.

Laut Verfassungsschutz ist die Zahl der Rechtsextremen in Deutschland zuletzt gesunken. Auf 25 000 Rechtsextreme im Jahr 2010. Aber wo endet Rechtsextremismus und wo fängt er an?
Das sind heute schwimmende Grenzen. Betrachten wir mal die Sarrazin-Debatte. Man würde Sarrazin nicht als Rechtsextremen bezeichnen, oder? Und betrachten wir weiter die Verkaufszahlen seines Werkes ‚Deutschland schafft sich ab’…

…1,5 Millionen verkaufte Exemplare.
Sehen Sie. Und das Buch wurde vor allem wegen seiner umstrittenen Thesen gekauft.

Was sind heutzutage Argumente, die man dem Rechtsextremismus zuordnen kann?
Da wäre zum einen die Überhöhung des Nationalen, das Argument der Überfremdung oder die  klare Ablehnung der EU. Außerdem spielen Rechtsextreme und vor allem rechtsextreme Parteien wie die NPD, mit den Ängsten der Bürger. ‚Die Ausländer nehmen uns unsere Arbeitsplätze weg’ wäre eine solche Angst, die instrumentalisiert wird. Es werden einfache Lösungen angeboten und die Menschen sind schon immer auf einfache Lösungsangebote reingefallen. Da müssen wir uns nur den Nationalsozialismus unter Adolf Hitler ansehen.

Also werden neue Mitglieder und Sympathisanten über das Erzeugen von neuen und das Verstärken von bereits vorhandenen Ängsten erzeugt. Und durch das Anbieten von einfachen Lösungen?
Genau. Außerdem unterstützen die Neonazis heute auch bewusst linke Forderungen. Auch Neonazis sind gegen Atomkraftwerke oder gegen Leiharbeit. Zwar dienen ihnen diese Aspekte nur als Vorwand, aber das ist eben für den ein oder anderen nur schwer ersichtlich.

Wie können sich also der Staat und die Gesellschaft gegen Rechtsextremismus zur Wehr setzen?
Der Staat kann sich vor allem um eine gute Jugendarbeit bemühen. Denn überall, wo der Staat aufhört sich um seine Jugend zu kümmern, können rechtsextreme Gruppen frei agieren und durch ‚gute’ Jugendarbeit neue Mitglieder oder Sympathisanten gewinnen. Es ist unheimlich wichtig, sich über die Gefahr, die vom Rechtsextremismus ausgeht, im Klaren zu sein. Denn Rechtsextremismus in all seinen Formen will die Demokratie abschaffen und mit seiner Rassenideologie einen totalitären Staat schaffen. Er bedroht also unmittelbar die freiheitlich demokratische Grundordnung.

Und wir als Gesellschaft…
…können Aufklärungsarbeit leisten. Aufklärung ist das Wichtigste. Es muss ein Bewusstsein geschaffen werden. Die Menschen müssen wach sein, auch für Alltagsrassismen.

Können sich der Staat und die Gesellschaft wehren?
Sie spielen auf das NPD-Verbot an. Da möchte ich auf meine Kollegen aus dem juristischen Seminar verweisen. Die Gesellschaft kann sich wehren, indem sie NPD und Neonaziaufmärsche friedlich verhindert. Indem mündige Bürger ganz klar Flagge gegen Rechtsextremismus bekennen. Es ist wichtig, dass mündige, aufgeklärte Staatsbürger im Rahmen der wehrhaften Demokratie die Demokratie stärken und verteidigen.

Was sagen Sie zu der erfolgreichen Demonstration gegen Neonazis in Neumünster am 1. Mai? 120 Neonazis wurden verhaftet.
Es ist wichtig auf die Straße zu gehen und ich schätze, dass es bezeichnend ist  wenn 120 Neonazis auf 2000 Gegendemonstranten treffen. Ein klares und wichtiges Zeichen denke ich.

Herr Mohr, wir bedanken uns für das Gespräch.

Das Gespräch führten Alexa Magsaam und Lars Denkena.

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Über Alexa Magsaam 0 Artikel
Alexa war bis 2012 als Chefredakteurin des Albrechts zuständig. In ihren Artikeln befasste sie sich vor allem mit gesellschaftlichen Themen.

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