Ist das Kunst oder kann das weg?

„Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten…verkauft!“ Das Bild der alten französischen Dame wechselt den Besitzer. „Ich wollte eine andere Malweise ausprobieren“, sagt Lara Kneesch, Malerin des Bildes und Mitbegründerin der Galerie der gescheiterten Bilder, „aber das hat einfach nicht geklappt“. Der stolze neue Besitzer sieht das zum Glück anders und darf ihr Werk für 15 Euro sein Eigen nennen. An diesem lauen Mai- Abend platzt das Kieler Prinz Willy fast aus allen Nähten. Viele sind gekommen, um bei der vierten Versteigerung der Galerie der gescheiterten Bilder dabei zu sein. Hier kommt bei dem einen oder anderen Bier und in allgemeiner Heiterkeit unter den Hammer, was die Studierenden der Muthesius Kunsthochschule nicht mehr haben wollen. Seien es düstere Motive, Bleistiftzeichnungen, Stillleben, Portraits oder manchmal sogar, was für das ungeübte Auge aussieht wie ein Block Dreck – so vielfältig die Kunst hier auch sein mag, die Hauptsache ist, sie ist gescheitert.

Die Idee entstand, als Felisha Bahadur, auf ihrem Weg zum gemeinsamen Atelier, einige von Hannah Bittners Bildern am Straßenrand fand. Felisha nagelte die ungeliebten Kunstwerke kurzerhand in den Flur der alten Kunsthochschule, wo Hannah sie scherzhaft mit dem Zettel „Galerie der gescheiterten Bilder“ versah. Dies war die Geburtsstunde des Kunstprojektes der etwas anderen Art.

Was als Scherz begann, entwickelte sich schnell zu einer Idee, die Anklang fand. Vier weitere Studierende haben seither das Team vervollständigt: Neben Hannah und Felisha halten nun auch Lara Kneesch, Katharina Kenklies, Elvira Bäfverfeldt und Johannes Buller Ausschau nach der gescheiterten Kunst ihrer Mitstudierenden. Dabei muss ‚gescheitert‘ jedoch nicht bedeuten, dass ein riesiger Farbklecks das Bild entstellt oder jemand ein Loch in die Leinwand getreten hat. Ganz im Gegenteil sind es oft kleine Details, die Stimmung des Bildes oder ganz persönliche Gründe, die das Werk in den Augen der jungen Künstlerinnen und Künstler zu etwas anderem machen, als es sein sollte.

Soll das Bild also weg, muss es dank der Galerie der gescheiterten Bilder jedoch nicht an einen Müllcontainer gelehnt werden, oder in der hintersten Ecke des Ateliers versauern. Stattdessen kommt es, ganz wie es sich in der Kunstszene gehört, unter den Hammer – Einstiegsgebot 1 Euro. „Die erste Regel lautet, wenn du traurig bist, dass dein Bild für einen Euro weg geht, dann darfst du es nicht abgeben“, erklärt Katharina. Doch selbst das ist bisher nur einmal vorgekommen. Im Durchschnitt werden die Bilder, deren Erlös an die Künstler und Künstlerinnen geht, für zehn bis fünfzehn Euro verkauft. Das höchste Gebot betrug bisher sechzig Euro für eine nächtliche Straßenszene.

So manche mögen sich nun fragen, warum sich diese doch eigentlich gescheiterten Bilder und auch die Veranstaltung selbst überhaupt so großer Beliebtheit erfreuen. „Es ist die Story hinter dem Bild“, erklärt Katharina. „Die Leute wollen Geschichten.“ Und so kommt es, dass bei jedem Bild, das in die Versteigerung der Galerie der gescheiterten Bilder aufgenommen wird, die Entstehungs- und Scheiterungsgeschichte eine tragende Rolle spielen. Es ist dieser Einblick in die künstlerischen Gedanken und Gefühle der jungen Studierenden und ihre Fähigkeiten über ihre eigenen Bilder zu schmunzeln, die diese Versteigerung so besonders machen. „Die Galerie hat die Spannung gelöst“, erzählt Felisha. „Du kannst deine Bilder zeigen und musst dich nicht dafür schämen, selbst wenn sie Mist sind.“

Die Galerie der gescheiterten Bilder geht am 13. November 2015 um 20 Uhr im Prinz Willy in die nächste Runde.

Leona Sedlaczek
Über Leona Sedlaczek 63 Artikel
Leona ist seit Juni 2014 Teil der Redaktion und war von Dezember 2014 bis Februar 2017 Chefredakteurin der Print-Ausgabe des ALBRECHT. Anschließend leitete sie die Online-Redaktion bis Mitte 2018. Leona studiert Englisch und Französisch an der CAU, schreibt für verschiedene Ressorts der Zeitung und kritisiert Land, Leute, Uni und den Status Quo ebenso gerne wie Platten.

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