It don’t mean a thing if it ain’t got that swing

Der Swing-Tanz Lindy Hop ist zurück in Kiel

Im Fernsehen läuft der Film Hellzapoppin‘. Er ist alt, schwarz-weiß, 1941 entstanden und außerdem ein grandioser Tanzfilm. Denn während sich in einer Szene das schwarze Hauspersonal spontan zu einer Jamsession trifft, springen nach und nach Tanzpaare in das Bild, um in rasender Geschwindigkeit zu hüpfen, kicken, springen, werfen und sich zu drehen. Sie tanzen den damals sehr populären Lindy Hop.

Viele Menschen träumen hin und wieder vom Glanz vergangener Jahrzehnte und holen sich ein Stückchen Nostalgie in Form von Schwarz-Weiß-Filmen, alten Polaroid-Kameras, Vintage-Kinderwägen oder Old-School- Ledertaschen in die Gegenwart. Doch dank einer immer größer werdenden Szene kann die Vergangenheit heute nicht nur modisch nachgeahmt, sondern auch getanzt werden.

Der Lindy Hop, ein Tanzstil der 1930er und 40er Jahre, verkörpert seit seiner Entstehung ein energiegeladenes, locker-fröhliches Lebensgefühl und wird zum Swing getanzt. Genau wie die Swing-Musik, hat der Lindy Hop seine Wurzeln in New York, wo er in den großen Ballsälen seiner Zeit schnell an Beliebtheit gewann.

Es handelt sich um einen Paartanz im Viervierteltakt Takt, bei dem zwar einer führt und einer folgt, die Improvisation, Harmonie und Ergänzung jedoch im Vordergrund stehen. Der Lindy Hop beschreibt eine Art ‚Gummi- Effekt‘, bei dem sich die Partner voneinander trennen und wieder zusammenkommen. Die Zeit brachte Musik und Tanz auch nach Europa und Deutschland, insbesondere in Hamburg etablierte sich der Tanz und das dazugehörige Lebensgefühl schnell. Doch das NS-Regime verbannte sowohl die Swing-Musik, als auch den Lindy Hop als ‚entartete Kunst‘ von 1933 bis 1945 aus den Tanzlokalen. Aus dem ursprünglichen Tanz entwickelten sich später dann weitere Tanzstile wie Jive, Boogie-Woogie und der Rock ‚n‘ Roll.

Seit den 1980er Jahren erlebt der Swing- Tanz wieder einen Höhenflug und gewinnt immer mehr begeisterte Anhänger. Diese werden durch die Liebe zur alten Musik, Spaß an Spontanität, Rhythmus und einer gewissen Kindlichkeit verbunden, die die Mentalität des Lindy Hops ausmacht. Auch Mario, Tanzlehrer des Kieler Männerturnvereins (KMTV), zählt zu den Vollblut-Swing-Tänzern. Bereits mit 16 Jahren kam der gebürtige Berliner über Standardtanz und Rock ‚n‘ Roll zum Lindy Hop. Nachdem er an zahlreichen Auftritten und Turnieren teilgenommen hatte, beschloss er 2010, sein Wissen weiterzugeben und als Tanzlehrer in Kiel zu arbeiten.

Im KMTV unweit des Schrevenparks, aber auch auf regelmäßigen Tanzabenden im Blauen Engel oder in Schönberg, treffen sich Swingbegeisterte, um zu den Tönen von Jan Savitt, Fletcher Henderson und Benny Carter das Tanzbein zu schwingen. Zuvor fanden bereits Events in der Hansa48 statt. Kicks, Sprünge und schnelle Bewegungen bestimmen das Tanzbild ebenso wie das ständige Wippen mit den Knien, das so genannte ‚Bouncen‘. Den Lindy Hop assoziiert Tanzlehrer Mario „mit dem Rhythmus einer Großstadt“ – pulsierend, beschleunigt, leicht, schwungvoll und lebensfroh. Zusammen mit seinen Schülern fährt er aus diesem Grund regelmäßig nach Hamburg, wo seit einigen Jahren von der New Swing Generation e.V. vermehrt Partys mit vorangehenden Workshops ausgerichtet werden. Den Unterricht gliedert Mario jede Woche in drei Stufen: Anfang, Figur und Paartanz. Anfänger können also jederzeit einsteigen und gratis schnuppern. Auch Thorsten Bittner gibt sein Wissen über den intensiven Tanz mit Freude weiter und zwar an der CAU. Der größte Unterschied zu den Standard-Latein-Tänzen liegt nach seiner Ansicht in der viel freieren Abfolge. „Standardtanzen macht ebenfalls viel Spaß, doch ist vor allem ein Auswendiglernen von Figuren und deren Reproduktion. Wir sagen unseren Schülern, sie sollen ‚einfach mal machen‘ und die Musik fühlen.“

Auch an der CAU gibt es während des Semesters und in den Ferien Lindy Hop Kurse! Ab dem 2. November 2016 bieten Mareike Blanck und Thorsten Bittner, selbst langjährige Lindy-Hopper, Anfängerkurse an. Informationen über Ort und Preise sind auf der Seite http://www.sportzentrum.uni-kiel.de/de unter Hochschulsportangebot ersichtlich. Für Fragen und Anmeldungen sind die Leiter via E-Mail (lindyhop-uni-kiel@gmx.de) erreichbar. Wer ohne Partner unterwegs ist, findet online ein Kontaktformular, mit dem sich auf die Suche begeben werden kann. Auch Mareike und Thorsten helfen hierbei sehr gerne. Eine Anmeldung ohne Partner stellt ebenfalls kein Problem dar. Es besteht jedoch auch die Möglichkeit, den Swing Tanz ganz ungezwungen in stilechter Atmosphäre auf einer der vielen Swingpartys kennenzulernen. Im Blauen Engel finden hierzu regelmäßig Tanzabende statt, wie zum Beispiel der Friday Night Hop und der Tuesday Night Jump. Alle Tanzangebote sind auf der Website http://www.swinginkiel.de aufgelistet. Doch auch in Hamburg kann fast jeden Tag in der Woche zu Swingmusik getanzt werden. So veranstaltet der Stage Club jeden letzten Freitag im Monat den Swinging Ballroom, bei dem zu den Tönen einer Live-Band Lindy Hop gelernt, getanzt und gelebt wird.

Die Swing-Dance-Community gewinnt immer mehr an Beliebtheit, kein Wunder, verkörpern die Tänze doch eine Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die sich viele wünschen. Wer allmählich auch schon Feuer und Flamme für den Swing-Tanz wird, suche seine luftigste Kleidung heraus und schnuppere wahlweise beim Hochschulsport, in der Bar oder im Tanzsaal am Lebensgefühl längst vergangener Tage.

Beitragsbildquelle: Barry Crabtree

Autor*in

Johanna schreibt seit Anfang 2015 vornehmlich für das Ressort Gesellschaft. Seit Februar 2017 ist sie Chefredakteurin des ALBRECHT. Sie studiert seit dem Wintersemester 2014 Deutsch und Soziologie an der CAU.

Johanna Rädecke
Über Johanna Rädecke 35 Artikel
Johanna schreibt seit Anfang 2015 vornehmlich für das Ressort Gesellschaft. Seit Februar 2017 ist sie Chefredakteurin des ALBRECHT. Sie studiert seit dem Wintersemester 2014 Deutsch und Soziologie an der CAU.

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