Kann ich oder nicht?

Kommentar von Janne Kaschube

Harry Potter J.K. Rowling
Bild: Janne Kaschube

Manche Personen begleiten unser Leben über eine lange Zeit hinweg. Familie, Freund*innen, aber häufig auch solche, die wir nie persönlich getroffen haben. Vorbilder, die uns jeden Abend aus dem Fernseher heraus angelächelt haben, deren Foto uns vom Rücken eines Buches her in die Retina eingebrannt wurde, deren Stimme uns nach vielen Jahren noch immer nicht aus dem Kopf geht.  

Doch die Welt dreht sich weiter und genau wie sich Familienmitglieder und Freunde verändern und entfernen können, sind auch die Idole unserer Kindheit und Jugend nach Jahren nicht mehr die, die sie einst waren, oder zumindest die, für die wir sie gehalten haben. Charakterfehler der*des Schöpfer*in stehen dann häufig im Widerspruch zu all dem, dass wir mit ihren*seinen Werken verbinden. 

Das aktuellste Beispiel ist Joanne K. Rowling. Genau wie viele andere, bin auch ich mit ihrer Geschichte des Zauberers Harry Potter aufgewachsen und habe mit elf Jahren davon geträumt, meinen eigenen Hogwarts-Brief zu erhalten. Später, als ich genau wie auch die Charaktere im Buch erwachsener wurde, wurde aus der Geschichte um Magie und Abenteuer eine Geschichte über Zusammenhalt, den Kampf für gute Werte und Inklusion. Es ging darum, jemanden dafür wertzuschätzen, welche Entscheidungen diese Person trifft, wofür sie einsteht, und nicht für ihren Hintergrund. 

Und dann stellt sich heraus, dass die gleiche Person, deren Geschichten für mich einst synonym für Gleichheit und Gerechtigkeit waren, diese Werte nicht in ihrem eigenen Leben vertritt. Rowling, einst Heldin meiner Kindheit, sprach sich nämlich in einem Tweet indirekt gegen die Gleichberechtigung von Transgender- Frauen im Vergleich zu als Frau Geborenen aus. Bereits in der Vergangenheit wurden immer wieder Stimmen laut, nach denen Rowling transphob gehandelt habe. Beispielsweise solidarisierte sie sich 2019 im Fall Maya Forstater, deren Job wegen transphober Äußerungen nicht verlängert wurde und die für transphobe Beleidigungen erfolgreich verklagt wurde, mit Forstater. Rowlings Argumentationsstandpunkt ist dabei stets der Gleiche: Nur das biologische Geschlecht ist echt.  

Ich kann nicht genau sagen, warum mich die neueste Schlagzeilenwelle über die britische Autorin dieses Mal so sehr getroffen und zum Nachdenken gebracht hat. Vielleicht lag es daran, dass ich zur Zeit aktiver im Internet unterwegs bin und dadurch den Nachrichten stärker ausgesetzt war oder daran, dass ich mich in den letzten Monaten verstärkt mit dem Thema Genderidentität auseinandergesetzt habe. In jedem Fall war der Schock und die Enttäuschung in J.K. Rowling und ihre Ansichten groß. Und mein erster Gedanke war: Was würde Harry Potter davon halten? 

Doch steht Harry Potter im Endeffekt nicht stellvertretend für seine Autorin? Diese Frage quälte mich über viele Tage hinweg, es fühlte sich so an, als wäre ein Stück meiner Kindheit unter meinen Füßen weggebrochen. Diese eine Frage warf nun ein Dutzend neuer für mich auf. Kann ich den Film Braveheart noch ohne ein schlechtes Gewissen genießen, obwohl Regisseur und Hauptdarsteller Mel Gibson sich wiederholt öffentlich rassistisch und anti-semitisch geäußert hat? Kann ich weiterhin problemlos  versuchen, bei Kanye West’s Stronger mit zu rappen, obwohl seine persönlichen Entscheidungen mehr als einmal als fragwürdig zu bezeichnen waren? Ist es noch erlaubt das Disney-Universum zu genießen, obwohl ein vertuschter Skandal über den Konzern nach dem nächsten ans Tageslicht tritt? Diese Werke haben meine Kindheit und Jugend geprägt. Viele meiner liebsten Erinnerungen bauen auf Werken auf, deren Schöpfer*innen Leichen im Keller haben.  

Am Ende flossen all diese Fragen für mich in eine Einzige zusammen: Sollte das Werk unabhängig von dessen Macher*in geehrt werden können? Eine Antwort auf diese Frage kann ich nur für mich selber geben. Und für mich ist sie: Ja, ich kann. Natürlich wird es nicht leicht sein, nun, da ich mir all diese Fragen gestellt habe. Dennoch halte ich es für machbar, solange ich mich reflektiert mit der Entstehung des Werkes und seiner Herkunft auseinandersetze und eine klare Linie zwischen dieser und den mit dem Werk verknüpften Erinnerungen und Emotionen ziehe. 

Wenn ich in Zukunft Kanye West höre, werde ich die Erinnerung an mein 14-jähriges Ich in den Vordergrund stellen, die Versuche, mich durch den Text zu schummeln, um cool zu wirken. Wenn ich einen Mel- Gibson- Film sehe, wird es die Erinnerung an diese eine Kostümparty sein, bei der sich ein Freund als täuschend echter William Wallace verkleidete. Und wenn ich Harry Potter zum zwanzigsten Mal lese, dann werde ich mich daran erinnern, wie mein Papa mir die Geschichte das erste Mal abends vorm Schlafen gehen vorgelesen hat. Ich werde mich an all die Lektionen erinnern, die mir diese Bücher für mein Leben mitgegeben haben und ich werde mich fragen, was Harry Potter davon halten würde und nicht was Joanne K. Rowlings Meinung dazu ist. Denn am Ende des Tages sind es nicht die Macher*innen, die meine Erinnerungen geprägt haben, auch wenn ihre Gesichter unausweichlich ein Teil dieser sind. Sondern es sind die Werke selber und meine Geschichten zu ihnen, die ich nie vergessen werde. 

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